Projektbeschreibung
Kontext
Mit dem Focus auf Lohneinkommen von NormalarbeitnehmerInnen werden verschiedene sich überlagernde gesellschaftliche Wandlungsprozesse aufgenommen und zentrale Fragen der Verteilung von Arbeit und Einkommen zwischen Männern und Frauen augeworfen. Zum einen geht es um sinkende Löhne und die Ausweitung von Niedriglohnbeschäftigung auch bei berufsfachlich qualifizierten Vollzeiterwerbstätigen in wichtigen Industrie- und Dienstleistungssektoren. Für diese wurde bislang angenommen, dass sie - zumindest in Westdeutschland - einen Lohn erzielen, der eine Familie auch bei fehlender oder geringfügiger Erwerbstätigkeit der Partner(in) ernährt. Zum anderen hat die Zahl der Zweiverdienerhaushalte zugenommen, und gleichzeitig finden sich auch Frauen zunehmend als Familienernährerinnen wieder. Schließlich wird in der Sozial- und Familienpolitik das traditionelle Leitbild des männlichen Familienernährers zunehmend durch das Leitbild des individualisierten Erwerbsbürgers ersetzt.
Fragestellung
Vor diesem Hintergrund werden folgende Fragen bearbeitet:
- Welchem Trend folgen die Erwerbseinkommen von NormalarbeitnehmerInnen in relevanten Industrie- und Dienstleistungsbranchen (Metallindustrie, Banken und Versicherungen, Sozialsektor) in Deutschland? Wo wird noch ein Familienlohn erzielt, wo ist dieser bereits erodiert?
- Inwiefern werden Armutsrisiken aufgrund niedriger Einkommen im Haushaltskontext, z.B. durch modernisierte Geschlechterarrangements, und/oder "sozialstaatlich" durch Transfers bzw. das Steuer- und Abgabensystem, aufgelöst?
- Inwiefern hat sich die Governance der Familieneinkommen im Zeitverlauf verändert, i. e. welche Effekte entstehen aufgrund des Wandels der Tarifpolitik in Interaktion mit Reformen staatlicher Sozialleistungen?
- Wie stellen sich Einkommensungleichheiten nach Geschlecht (gender pay gap) für Normalarbeitnehmer in anderen europäischen Ländern dar? Welchen Einfluß haben unterschiedliche Lohnfindungsmechanismen?
Untersuchungsmethoden
Das Untersuchungsdesign verbindet quantitative und qualitative Analysemethoden:
Die Etablierung bzw. Erosion des "Familienlohns" wird anhand des IAB LIAB Datensatzes für die Gruppe der NormalarbeitnehmerInnen auf der Basis der Bruttomarktlöhne für ausgewählte Branchen nachgezeichnet. Logit-Analysen erklären die Entwicklung des Ernährerlohns (im Querschnitt) anhand von Segregation und Tarifbindung.
Das potentielle Armutsrisiko auf Haushaltsebene - wie auch das Erreichen mittlerer Haushaltseinkommen - wird anhand des SOEP untersucht. Als Einflussfaktoren für die Entwicklung der markt- bzw. äquivalenzgewichteten Haushaltseinkommen werden die Entwicklung der Tarifpolitik sowie sozialstaatlicher Regulierungen von Steuern, Transfers und Dienstleistungen auf der Basis qualitativer Methoden analysiert.
Der Ländervergleich basiert auf Auswertungen von EU-SILC Daten sowie Primär- und Sekundärquellen von tarif- und sozialpolitischen Regulierungen.
Darstellung der Ergebnisse
- Wie die betriebsbezogenen LIAB-Analysen zeigen, sind es vor allem westdeutsche Männer, die noch einen Ernährerlohn erzielen können. Für ostdeutsche Vollzeitbeschäftigte und Frauen in West und Ost sind die Chancen auf einen entsprechenden Lohn, nicht zuletzt aufgrund geringerer Verbreitung von Tarifbindung, sehr viel schlechter.
- Aber auch im Bereich der Tariflöhne ergeben sich deutliche branchen- und geschlechtsspezfische Unterschiede etwa zwischen der Altenpflege und der Metallindustrie.
- Bezogen auf den Haushaltskontext zeigt die SOEP-Datenanalyse, dass die Mehrheit der westdeutschen männlichen Normalarbeitnehmer einen mittleren Lebensstandard nur auf Basis von zwei Erwerbseinkommen und/oder Sozialstransfers erreichen kann. Für Frauen und ostdeutsche Männer im Normalarbeitsverhältnis ist ein solches Familieneinkommen bereits oftmals Voraussetzung, um nicht arm zu sein.
- Der internationale Vergleich (EU-SILC) verweist auf eine positive, geschlechtsspezifische Lohndifferenzen mindernde Wirkung von zentralen (generösen) Mindestlohnregelungen und eine eher geringe oder negative Wirkung branchenspezifischer Lohnfindung.