Forschungsprojekt: Familienlohn

Was kommt nach dem Familienlohn? Probleme und Möglichkeiten der Regulierung von Einkommensrisiken bei Normalarbeitnehmern im Ländervergleich

Projektziel

Vor dem Hintergrund der Debatte um die "gefährdete soziale Mitte" wird die Entwicklung des "Familienlohns" in verschiedenen Branchen analysiert. Ziel ist es, die Armutsgefährdung von NormalarbeitnehmerInnen aufzuzeigen, aber auch Kompensationsstrategien durch Haushaltskontexte, sozialpolitische Leistungen oder die Orientierung am "adult worker model" zu identifizieren.

Veröffentlichungen

Gottschall, Karin und Tim Schröder, 2013. "Familienlohn" - Zur Entwicklung einer wirkmächtigen Normierung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, WSI Mitteilungen, 3/2014, S. 161-170.

Dingeldey, Irene und Karin Gottschall, 2013. Vom Ernährerlohn zum Familieneinkommen?, WSI Mitteilungen, 3, S. 160.

Schröder, Tim und Andrea Schäfer, 2013. Wer erhält einen Ernährerlohn? Befunde nach Region und Geschlecht, WSI Mitteilungen, 3, S. 171-181.

Berninger, Ina und Irene Dingeldey, 2013. Familieneinkommen als neue Normalität?, WSI Mitteilungen, 3/2013, S. 182-191.

Bispinck, Reinhard, 2013. Tarifvergütungen für berufsfachlich qualifizierte Beschäftigte, WSI Mitteilungen, 3, S. 201-209.

Dingeldey, Irene und Ina Berninger, 2013. Familienlohn und Armutssicherung im Normalarbeitsverhältnis: Zur Einkommenssituation von Männern und Frauen in Ost- und Westdeutschland, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 65, S. 669-696.

Weitere Informationen

Familien: Normales Leben braucht zwei Jobs.- In: Böcklerimpuls, 15/2013.- S. 3
http://www.boeckler.de/44225_44241.htm

Projektbeschreibung

Kontext

Mit dem Focus auf Lohneinkommen von NormalarbeitnehmerInnen werden verschiedene sich überlagernde gesellschaftliche Wandlungsprozesse aufgenommen und zentrale Fragen der Verteilung von Arbeit und Einkommen zwischen Männern und Frauen augeworfen. Zum einen geht es um sinkende Löhne und die Ausweitung von Niedriglohnbeschäftigung auch bei berufsfachlich qualifizierten Vollzeiterwerbstätigen in wichtigen Industrie- und Dienstleistungssektoren. Für diese wurde bislang angenommen, dass sie - zumindest in Westdeutschland - einen Lohn erzielen, der eine Familie auch bei fehlender oder geringfügiger Erwerbstätigkeit der Partner(in) ernährt. Zum anderen hat die Zahl der Zweiverdienerhaushalte zugenommen, und gleichzeitig finden sich auch Frauen zunehmend als Familienernährerinnen wieder. Schließlich wird in der Sozial- und Familienpolitik das traditionelle Leitbild des männlichen Familienernährers zunehmend durch das Leitbild des individualisierten Erwerbsbürgers ersetzt.

Fragestellung

Vor diesem Hintergrund werden folgende Fragen bearbeitet:

- Welchem Trend folgen die Erwerbseinkommen von NormalarbeitnehmerInnen in relevanten Industrie- und Dienstleistungsbranchen (Metallindustrie, Banken und Versicherungen, Sozialsektor) in Deutschland? Wo wird noch ein Familienlohn erzielt, wo ist dieser bereits erodiert?

- Inwiefern werden Armutsrisiken aufgrund niedriger Einkommen im Haushaltskontext, z.B. durch modernisierte Geschlechterarrangements, und/oder "sozialstaatlich" durch Transfers bzw. das Steuer- und Abgabensystem, aufgelöst?

- Inwiefern hat sich die Governance der Familieneinkommen im Zeitverlauf verändert, i. e. welche Effekte entstehen aufgrund des Wandels der Tarifpolitik in Interaktion mit Reformen staatlicher Sozialleistungen?

- Wie stellen sich Einkommensungleichheiten nach Geschlecht (gender pay gap) für Normalarbeitnehmer in anderen europäischen Ländern dar? Welchen Einfluß haben unterschiedliche Lohnfindungsmechanismen?

Untersuchungsmethoden

Das Untersuchungsdesign verbindet quantitative und qualitative Analysemethoden:

Die Etablierung bzw. Erosion des "Familienlohns" wird anhand des IAB LIAB Datensatzes für die Gruppe der NormalarbeitnehmerInnen auf der Basis der Bruttomarktlöhne für ausgewählte Branchen nachgezeichnet. Logit-Analysen erklären die Entwicklung des Ernährerlohns (im Querschnitt) anhand von Segregation und Tarifbindung.

Das potentielle Armutsrisiko auf Haushaltsebene - wie auch das Erreichen mittlerer Haushaltseinkommen - wird anhand des SOEP untersucht. Als Einflussfaktoren für die Entwicklung der markt- bzw. äquivalenzgewichteten Haushaltseinkommen werden die Entwicklung der Tarifpolitik sowie sozialstaatlicher Regulierungen von Steuern, Transfers und Dienstleistungen auf der Basis qualitativer Methoden analysiert.

Der Ländervergleich basiert auf Auswertungen von EU-SILC Daten sowie Primär- und Sekundärquellen von tarif- und sozialpolitischen Regulierungen.

Darstellung der Ergebnisse

- Wie die betriebsbezogenen LIAB-Analysen zeigen, sind es vor allem westdeutsche Männer, die noch einen Ernährerlohn erzielen können. Für ostdeutsche Vollzeitbeschäftigte und Frauen in West und Ost sind die Chancen auf einen entsprechenden Lohn, nicht zuletzt aufgrund geringerer Verbreitung von Tarifbindung, sehr viel schlechter.

- Aber auch im Bereich der Tariflöhne ergeben sich deutliche branchen- und geschlechtsspezfische Unterschiede etwa zwischen der Altenpflege und der Metallindustrie.

- Bezogen auf den Haushaltskontext zeigt die SOEP-Datenanalyse, dass die Mehrheit der westdeutschen männlichen Normalarbeitnehmer einen mittleren Lebensstandard nur auf Basis von zwei Erwerbseinkommen und/oder Sozialstransfers erreichen kann. Für Frauen und ostdeutsche Männer im Normalarbeitsverhältnis ist ein solches Familieneinkommen bereits oftmals Voraussetzung, um nicht arm zu sein.

- Der internationale Vergleich (EU-SILC) verweist auf eine positive, geschlechtsspezifische Lohndifferenzen mindernde Wirkung von zentralen (generösen) Mindestlohnregelungen und eine eher geringe oder negative Wirkung branchenspezifischer Lohnfindung.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Prof. Dr. Irene Dingeldey
Universität Bremen Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw)

Prof. Dr. Karin Gottschall
Universität Bremen Zentrum für Sozialpolitik
SOCIUM Forschungszentrum

Bearbeitung

Ina Berninger
Universität Bremen Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw)

Tim Schröder
Universität Bremen Zentrum für Sozialpolitik

Andrea Schäfer
Universität Bremen Zentrum für Sozialpolitik

Kontakt

Dr. Eike Windscheid-Profeta
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung