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Stipendien der Hans-Böckler-Stiftung Stipendien

: Die Preisträger*innen des Jahres 2019

Seit 2018 vergibt die Hans-Böckler-Stiftung jedes Jahr für in der Regel drei Nachwuchswissenschaftler*innen finanzielle Mittel für eine Teilvertretung von bis zu zwei Semestern, um ihnen Freiräume für Forschung und Publikationen zu ermöglichen.

Ein Auto rast gegen eine Wand, verwandelt sich in Sekundenbruchteilen in einen Haufen Schrott – und auf dem Fahrersitz demonstriert eine Puppe eindrucksvoll, wie es einem Menschen an ihrer Statt ergangen wäre: Den klassischen Crashtest kennt wohl jeder.

Dr. Jörg Fehr, Juniorprofessor am Institut für Technische und Numerische Mechanik der Universität Stuttgart, ist überzeugt, dass es auch ohne mutwillig zerstörte Autos und gepeinigte Dummies geht – und zwar besser. „Durch virtuelle Fahrzeuge und Menschen kann man den Betrieb der Fahrzeuge sicherer machen“, sagt der promovierte Ingenieur. „So ist es heutzutage wesentlich sicherer Auto zu fahren als noch vor 30 Jahren.“
Fehr, geboren 1981 in Backnang, hat in Stuttgart Automatisierungstechnik in der Produktion und in Madison (USA) Mechanical Engineering studiert. Seine 2012 mit dem Preis der Thomas-Gessmann-Stiftung ausgezeichnete Doktorarbeit schrieb er am Stuttgarter Exzellenzcluster Simulation Technology (SimTech), dem er auch jetzt wieder angehört – und an dem er die interdisziplinäre Zusammenarbeit über Fach- und Hierarchiegrenzen hinweg besonders zu schätzen gelernt hat. Hier erforscht Fehr, wie komplexe technische Systeme mit Hilfe von Computersimulationen schneller, besser und robuster entwickelt werden können Für die digitale Simulation von Fahrzeugsicherheitssystemen arbeitet er unter anderem an virtuellen Menschmodellen, die das menschliche Unfallverhalten bestmöglich abbilden. „Mich fasziniert, dass mit Berechnungs- und Simulationsmethodiken ein virtuelles Mikroskop zur Verfügung steht“, erklärt Fehr. Gefährliche Szenarien ließen sich damit in sicheren Umgebungen untersuchen – und auf diese Weise Erkenntnisse gewinnen, die nicht allein der Wissenschaft zugutekämen. Fehr, der nach seiner Promotion zunächst in der Industrie gearbeitet hatte, ehe er 2014 als Juniorprofessor an die Hochschule zurückkehrte, möchte seine Forschung weder rein akademisch noch rein wirtschaftlich ausrichten. „Ingenieurwissenschaften versuchen, praktikable Lösungen zu finden, um die Lebensbedingungen der Gesellschaft im Gesamten zu verbessern“, betont der Wissenschaftler. „Die Optimierung technischer Systeme muss ökologische, ethische und gesellschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigen und darf sich nicht auf Gewinnmaximierung beschränken."

  • Preistäger des Maria-Weber Grant 2019: Jörg Fehr

Die Reproduktionsmedizin ist in Deutschland eine Wachstumsbranche. Statistisch betrachtet, sagt Dr. Anne-Kristin Kuhnt, sitzt in jeder Schulklasse mit 30 Kindern bereits ein Junge oder ein Mädchen, das dank künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen ist – und es werden immer mehr. „Dennoch wissen wir aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wenig über die Kosten, die mit einer reproduktionsmedizinischen Behandlung einhergehen“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am soziologischen Institut der Universität Duisburg-Essen. „Das gilt sowohl für die tatsächlichen Kosten einer Kinderwunschbehandlung als auch für die ‚versteckten’ Kosten im Bereich der persönlichen Beziehungen.“ Ziehen sich Menschen aus ihrem sozialen Umfeld zurück, wenn sie auf künstliche Befruchtung setzen? Oder hoffen sie im Gegenteil auf besondere Unterstützung durch die Kernfamilie?

Kuhnt, geboren 1982 in Rostock, hat an der Universität ihrer Geburtstadt und in Lund (Schweden) Demographie studiert. Schon in ihrer Doktorarbeit, 2015 von der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet, beschäftigte sie sich mit der Stabilität und Umsetzung von Kinderwünschen im Lebensverlauf. Mit ihren Untersuchungen zu den individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Nutzung von Reproduktionsmedizin knüpft sie daran an. Doch das ist nur eines ihrer Forschungsgebiete. In einem zweiten untersucht Kuhnt die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland. „Unterschiede in der Bildungsbeteiligung und im Bildungserfolg sind für viele Bildungsetappen bereits ausführlich erforscht“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Über die für die weitere berufliche Platzierung so wichtige Hochschulphase weiß man dagegen noch wenig.“ Kuhnt will erforschen, ob es auch hier strukturelle Defizite gibt, die für Ungleichheiten in der gesellschaftlichen Teilhabe sorgen. Sie fragt aber auch nach der individuellen Wahrnehmung sozialer Einbindung – und ob sich da Unterschiede zwischen der Mehrheitsbevölkerung und Menschen mit Migrationshintergrund auftun. Denn auch das, meint sie, könne den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährden: „Gesellschaftliche Platzierung und soziale Einbindung sind zentral für individuelles gesellschaftliches Engagement.“ Die Gesellschaft mit ihrer Vielzahl an komplexen Prozessen fasziniert Kuhnt, wie sie sagt. „Vor allem erstaunt mich immer wieder, wie viel wir von dem, was wir täglich tun oder sehen, noch nicht hinterfragt haben.“ Diese Wissenslücken zu füllen, auch bei sich selbst, das sei, was sie antreibe.

  • Preistägerin des Maria-Weber Grant 2019: Anne-Kristin Kuhnt

Dr. Sarah Schulz ist evangelische Theologin, doch was sie über ihre Arbeitsweise erzählt, lässt an eine Archäologin denken: Schulz legt Spuren vergangener Kulturen frei, Schicht um Schicht und sehr behutsam. Ihr  Ausgrabungsfeld aber ist keine prähistorische Stätte, keine antike Stadt – sondern das Alte Testament. „Die historische und kulturelle Bedeutung alttestamentlicher Texte ist unbestritten“, erklärt die Akademische Rätin an der Universität Erlangen-Nürnberg. „Ihren Sinngehalt geben sie aber erst preis, wenn man ihre Entstehung und  den Kontext ihrer Entstehung zu rekonstruieren versucht.“ Und das ist, was Schulz tut, durch das vorsichtige Freilegen von Textschichten: Wann sind die Texte entstanden? Wie haben sich die Vorstellungen und Ideale durch Ergänzungen oder Korrekturen des Textes entwickelt? Die Theologin, geboren 1982, hat in ihrer Geburtsstadt Göttingen, in Berlin und – was sie nach eigenen Worten am meisten inspiriert hat – in Jerusalem studiert. „Am Ort des Geschehens erschließt sich die Bedeutung des historischen Kontexts für das Verständnis biblischer Texte noch einmal auf eine neue und eindrückliche Weise“, sagt sie. Und ein Ort wie Jerusalem, der seit Jahrhunderten wie kein zweiter als Symbol für religiös aufgeladene Kriege und Konflikte steht, bestätigt  zudem, was die Wissenschaftlerin über die Aktualität ihrer Forschung sagt: „Biblische Texte müssen in ihrer eigenen, und fremden Welt erfasst und verstanden werden, bevor sie für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden können“, meint Schulz. „Nimmt man ihre Vielfältigkeit, Eigenheit und Widerständigkeit ernst, beugt dies zugleich ihrer Instrumentalisierung oder Verabsolutierung vor.“ In ihrer Doktorarbeit, ausgezeichnet mit dem Hanns-Lilje-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, unterzog Schulz das Richterbuch des Alten Testaments einer solchen historisch-kritischen Exegese. In ihrem Habilitationsprojekt untersucht sie nun anhand exemplarischer Bibeltexte, wie sich das Amt des Jerusalemer Hohepriesters als religiöses und politisches Führungsamt zwischen dem sechsten und dem ersten vorchristlichen Jahrhundert herausgebildet und entwickelt haben könnte. „Dabei stellt die Bestimmung des Verhältnisses von Text und Realität eine besondere Herausforderung dar“, sagt die Theologin. Zwar sei literarisch gut greifbar, wie königliche Prädikate und  Funktionen nach und nach auf den Hohepriester übertragen wurden. Aber spiegeln sich in den Texten atsächliche politische Verhältnisse? Oder handelt es sich um programmatische Texte, die nicht der Realität, sondern einem Ideal verpflichtet sind?

  • Preistägerin des Maria-Weber Grant 2019: Sarah Schulz

Subjektivität ist im Social-Media-Zeitalter zur Leitwährung aufgestiegen. Selbst für unumstößlich gehaltene Tatsachen wie der menschengemachte Klimawandel oder gar die Kugelgestalt der Erde werden als bloße  Meinung abgetan – und im Brustton der Überzeugung eine andere Meinung als Tatsache vertreten. US-Präsident Donald Trump hat diese Produktion „alternativer Fakten“ zur Meisterschaft gebracht. „Begriffe der Wahrheit werden in der Gesellschaft immer mehr relativiert“, sagt Dr. Sandhya Sundaresan. „Auch deshalb interessiere ich mich für die Rolle von Subjektivität und Perspektive in der Grammatik.“

Die Linguistin, geboren 1979 in Tiruchirapalli (Indien), ist in Indien zur Schule gegangen, hat in Pennsylvania (USA) studiert, in Stuttgart und Tromsø (Norwegen) ihre Doktorarbeit geschrieben und lehrt jetzt als Juniorprofessorin am Institut für Linguistik der Universität Leipzig. Sie spricht mehrere Sprachen und weiß deshalb, dass es in Tamil – einer der Sprachen, die Sundaresan ihre Muttersprachen nennt – anders als im Deutschen oder Englischen „perspektivische Anaphern“ gibt, die eindeutig an die Perspektive einer bestimmten Person gebunden sind. „Ein Satz wie ‚Susi stellte die Tasche links neben sich’ kann in Tamil nur dann wahr sein, wenn die Tasche aus Sicht von Susi links steht“, erklärt die Sprachwissenschaftlerin. „Dieses Phänomen hat interessante Folgen für die Theorien der Syntax (sprachliche Struktur) und der Semantik (sprachliche Bedeutung).“ Sundaresan geht von Noam Chomskys Ansatz  einer „universellen Grammatik“ aus, die allen menschlichen Sprachen zugrunde liege. Unterschiede zwischen den Sprachen sind demnach nur individuell  eingestellte Parameter dieser universellen Grammatik. „Vor diesem Hintergrund ist das Vorhandensein perspektivischer Anaphern höchst Interessant“, findet die Linguistin. Warum machen einzelne Sprachen von dieser Möglichkeit Gebrauch und andere nicht? Welche Rolle spielt Perspektive in der universellen Grammatik  und darüber hinaus in der menschlichen Kognition überhaupt? Und verhalten sich alle perspektivesensiblen Elemente in der Grammatik gleich oder gibt es da Unterschiede, beispielsweise zwischen subjektiven Adjektiven und Adverbien? Oder einfacher ausgedrückt: Funktioniert „lecker“ genauso wie „links“?

  • Preistägerin des Maria-Weber Grant 2019: Sandhya Sundaresan

Die Preisträgerinnen und Preisträger des Jahres 2018

Ohne Papier gibt es keine Zeitungen, keine Bücher, keine Verwaltungsakten: Worüber Digital Natives im Internetzeitalter nur verständnislos den Kopf schütteln können, war für rund 600 Jahre lang selbstverständlich: Seit der Einführung von Papier in Europa im 14. Jahrhundert prägt das Material Öffentlichkeiten, Publizistik und Verwaltungen. Papier ist als Material so selbstverständlich in unsere Kultur integriert, dass selbst Historiker sich kaum mehr Gedanken darüber gemacht haben.

Dr. Daniel Bellingradt, seit 2014 Juniorprofessor für Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, will das ändern. Er untersucht die Bedeutung, die Amsterdam im 17. und 18. Jahrhundert als damals bedeutendster Papiermarkt in Europa für die wachsende Nachfrage nach Papier in Druckereien, Verlagswesen und Verwaltungen hatte. „Für mich ist es faszinierend“, sagt der Buchwissenschaftler, „dass die historischen Papiermärkte uns an die materiellen und wirtschaftlichen Bedingungen von Kommunikationszusammenhängen erinnern.“ Bellingradt, geboren 1978 in Würselen, hat neben Geschichte auch Publizistik- und  Kommunikationswissenschaft und Anglistik studiert, in Berlin und Dublin, diese Interessen bereits bei seiner Promotion zusammengeführt: Seine 2010 abgeschlossene Dissertation handelt von Flugschriften an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert.  Später beschäftigte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiteran der Universität Erfurt in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt mit „Publizistik als Handelsware“, ebenfalls bezogen auf die frühe Neuzeit. Und nun geht es ihm um die elementare Voraussetzung für all das: das Papier. „Wenn in Amsterdam kein Papier verfügbar ist, dann kommen in Europa die Zeitungsherausgeber, die Buchdruckereien und selbst die fürstlichen Verwaltungen allmählich zum Stillstand“, erklärt er. „Die Verfügbarkeit der Ware Papier bestimmt die Taktungen und Rhythmen von Publikationen und Verwaltungstätigkeiten – und somit  letztendlich von großen Teilen der Kommunikationsaktivität jener Zeit.“ Bellingradt will die Papiermärkte analysieren und als Netzwerke   sichtbar machen. Er will zeigen, dass die von Kommunikationsforschern viel beschriebene „Medienrevolution“ der frühen Neuzeit ohne eine solche Wirtschaftsgeschichte des Papierhandels nicht vollständig erzählt werden kann. Und er will zum Nachdenken anregen darüber, wovon auch Zeitungen heute abhängig sind, wenn schon nicht mehr vom Papier: „Im historischen Analysieren“, sagt Daniel Bellingradt, „schärft sich so der Blick auf die Konditionen gegenwärtiger Kommunikationsbedingungen.“

  • Preisträger des Maria-Weber-Grants 2018: Daniel Bellingradt

Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs, Soloselbstständigkeit: Immer mehr Menschen in Deutschland sind prekär beschäftigt, das ist bekannt. Was aber bedeutet das subjektiv für die Betroffenen? Welche sozialen Folgen erwachsen daraus? „Ich gehe davon aus, dass sich Unsicherheiten auch in anderen Dimensionen wie der Fürsorge, der Gesundheit, der Teilhabe, im Wohnen und – was mich besonders interessiert – in Paarbeziehungen und Freundschaften zeigen können“, sagt Dr. Mona Motakef. Die Soziologin beschäftigen die  Anerkennungsdefizite, die mit einem prekären Job einhergehen können. Können sie durch die Anerkennung in einer Liebesbeziehung abgefedert werden? Steigern sie sich, wenn es auch dort nicht gut läuft? Gelingt es prekär Beschäftigten, ob allein oder als Paar  lebend, überhaupt alternative Quellen für Anerkennung zu finden?

Motakef, 1977 in Teheran geboren, hat in Oldenburg und – was sie nach eigenen Worten besonders beeindruckt hat – in Port Elizabeth (Südafrika) studiert, sechs Jahre nach dem Ende der Apartheid. Nach ihrer Promotion 2010 war sie unter anderem am Essener Kolleg für Geschlechterforschung, am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und am King’s College in London tätig, ehe sie 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin wurde. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterforschung und die Soziologie der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit im Zusammenhang mit Paar und persönlichen Beziehungen. Und so ist dies  auch ihr Blickwinkel auf die zunehmende prekäre Beschäftigung. Wenn Männer die Erfahrung machen, dass sie nicht mehr wie früher allein die Familie ernähren können, könnte das die enge Kopplung von Männlichkeit und Erwerbsarbeit auflösen und die geschlechterungleiche Arbeitsteilung von Paaren verändern, meint Motakef. Gleichzeitig müsse angesichts der eklatanten  Versorgungslücke bei Pflege und Kinderbetreuung aber auch dringend über eine gesellschaftliche Regelung der Sorgearbeit nachgedacht werden – und darüber, ob es  heute überhaupt noch gerechtfertigt ist, die sozialen Sicherungssysteme an Erwerbsarbeit  zu knüpfen. „Wenn man unter Prekarisierung nicht nur Unsicherheiten in der Erwerbssphäre fasst, sondern den Prozess des Brüchigwerdens des gesamten männlichen Ernährermodells, erscheint dies nicht nur als destruktiv, sondern als durch und durch   ambivalent“, sagt die Soziologin. „Es entstehen zumindest theoretisch auch neue Öffnungen, wie etwa im Geschlechterverhältnis.“

  • Preisträgerin des Maria-Weber-Grants 2018: Mona Motakef

Die Stringtheorie bringt auch gestandene Physiker an den Rand ihrer Vorstellungskraft. Nicht aus punktförmigen Elementarteilchen, so lautet die Grundidee der Theorie, sondern aus winzigen, schwingenden „Saiten“ (englisch: strings) besteht alle Materie. Diese eindimensionalen Strings bewegen sich durch eine zehndimensionale Raumzeit und erzeugen dabei durch ihre Schwingungen die  vielfältigen Teilchen und Kräfte im Universum. „Stringtheorie ist eine mathematisch komplexe Theorie, die nur in Teilen bekannt und verstanden ist“, sagt Dr. Erik Plauschinn.

Den Physiker, 1980 in Dresden geboren, fasziniert das Nachdenken darüber schon lange: Nach seinem Studium an der TU Dresden und der Duke University promovierte er 2009 am  Max-Planck-Institut für Physik und an der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) in  München mit einer Arbeit zur Stringtheorie. „Stringtheorie beschreibt alle uns bekannten Kräfte im Universum vereinheitlicht“, erklärt er. „Das ist notwendig, um zum Beispiel Schwarze Löcher oder die Entstehung unseres Universums zu verstehen.“ Populär zugespitzt ist   manchmal von der Weltformel die Rede. Nach Stationen als Postdoc an den Universitäten  von Utrecht und Padua ist Plauschinn seit  2015 wieder zurück an der LMU, wo er als wissenschaftlicherAssistent am Arnold-Sommerfeld-Center für Theoretische Physik weiter daran arbeitet, das Verständnis der Theorie zu verbessern. Im Zentrum seiner Forschung stehen die sogenannten   Dualitätsbeziehungen, die überraschende und mathematisch interessante Verbindungen zwischen verschiedenen Teilen der Theorie  herstellen. „Obwohl wir die Theorie nur in gewissen Bereichen kennen, können wir über diese Dualitätsbeziehungen Rückschlüsse auf  die gesamte Theorie  ziehen“, sagt der Physiker. „Mein persönliches Interesse ist es, aus verschiedenen Aspekten von Dualitäten eine zugrunde liegende Struktur abzuleiten.“ Womit er sich dabei konkret beschäftigt, lässt sich endgültig kaum noch plastisch vorstellen:  Für  einen String gebe es zwei unabhängige Sektoren, die ihre Umgebung unterschiedlich wahrnehmen können, erläutert Plauschinn.   Sähen sie zwei verschiedene Umgebungen, befinde sich der String in einem „nicht-geometrischen Hintergrund“. „Für ein Punktteilchen  sind solche Konfigurationen  nicht möglich, für einen String sind sie jedoch über Dualitätsbeziehungen wohldefiniert.“

  • Preisträger des Maria-Weber-Grants 2018: Erik Plauschinn

Wer als Neuankömmling in einer Gesellschaft aufsteigen will, muss die ungeschriebenen Regeln kennen. Muss wissen, wer als Vorbild taugt und was akzeptierte Statussymbole sind. Das gilt nicht nur heute,  sondern war auch vor 300  oder 400 Jahren schon so – davon ist Dr. Julia Trinkert überzeugt. „Ich finde die Verbindung von Kunst und sozialer Interaktion zum Zweck des gesellschaftlichen Aufstiegs sehr faszinierend“, sagt die  Kunsthistorikerin. In ihrem Habilitationsprojekt untersucht sie diese  Verbindung am Beispiel von vier frühneuzeitlichen Akteurinnen und  Akteuren, die als Halbprominente „aus der zweiten Reihe“, wie Trinkert es nennt, in den Norden  kamen und sich hier auf unterschiedliche Weise mit dem Mittel der Kunst zu etablieren versuchten.

Die Wissenschaftlerin, 1983 in Viersen am  Niederrhein geboren, hat in Kiel, Oslo und Kristiansand studiert, nahm an Tagungen im Baltikum und Skandinavien teil, reiste zu Forschungszwecken nach   Gotland, durch Mecklenburg und Sønderjylland. Ihre Doktorarbeit – ausgezeichnet mit dem Dissertationspreis 2012 der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel – schrieb sie über Flügelretabel (Altaraufsätze) in Mecklenburg. Seit 2015 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zwar wieder in die alte Heimat zurückgekehrt, doch in ihrer Arbeit hält sie dem Norden weiter die Treue.„Meine Forschung lenkt die Aufmerksamkeit aufvermeintlich unbedeutende Akteure, die aber letztendlich großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung hatten“, sagt Trinkert. Erhart   Altdorfer, Bruder des bekannten Malers Albrecht Altdorfer aus Regensburg, ging im frühen 16. Jahrhundert als Hofkünstler an den Schweriner Hof. Herzogin Anna von Mecklenburg Kurland baute an der Schwelle zum 17. Jahrhundert den ersten protestantischen  Renaissance-Fürstenhof im Herzogtum Kurland und Semgallen im heutigen Lettland auf. Johann Caspar Hindersin wurde um 1700 Hausarchitekt der Familie Dohna in Ostpreußen. Und Heinrich Carl Schimmelmann stieg im 18. Jahrhundert vom Dresdner Kaufmann zum Finanzminister des dänischen Königs auf. „Alle nutzten ihre Stellung als  Neuankömmlinge, um sich auf eine bestimmte Weise in einer selbst  gewählten Umgebung darzustellen“, erklärt die Kunsthistorikerin. Wie sie dabei vorgingen, welche Strategien und Vorbilder sie wählten, ob sie sich an einen Kanon hielten oder vielmehr Innovationen anstießen, wie erfolgreich sie schließlich waren: Das will Julia Trinkert erforschen. Und sie ist sicher: Das Ergebnis wird uns auch für die Gegenwart etwas sagen.

  • Preisträgerin des Maria-Weber-Grants 2018: Julia Trinkert

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