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: Preisträger*innen 2020

Die diesjährige Preisverleihung des Maria-Weber-Grants hat auf Grund der coronabedingten Umstände nicht in Form einer Veranstaltung stattgefunden, sondern erfolgte digital. Herzlichen Glückwunsch an die drei Preisträger*innen!

Wettbewerb um Drittmittel, Abhängigkeit von Kennzahlen und Leistungsbeurteilungen: Die Rahmenbedingungen, unter denen Wissenschaft an deutschen Hochschulen stattfindet, haben sich in den vergangenen Jahren und  Jahrzehnten massiv verändert. Was als „Ökonomisierung der Wissenschaft“ wahlweise kritisiert oder gepriesen  wird, kennt Jessica Pflüger, Juniorprofessorin für Qualitative Methoden der Sozialwissenschaft  an der Ruhr-Universität Bochum, auch aus eigener Anschauung. Aber als Soziologin reicht ihr das nicht. „Wir wissen wenig  über Erwerbsarbeit und Wissensproduktion insbesondere von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern“, sagt sie. „Ich habe deshalb  andere Forscherinnen und Forscher beim Forschen
untersucht.“ In ihrer unter anderem mit dem Dissertationspreis der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgezeichneten Doktorarbeit verglich Pflüger die Arbeitsweisen deutscher und britischer Forschungsteams. In einem aktuellen Projekt fragte sie – ihrerseits als Teil eines Teams, wie sie betont – nach den Auswirkungen der Ökonomisierung auch auf die universitäre Lehre. „Immer mehr Hochschulen  legen Förderprogramme für Lehrangebote auf, die ganz nah an der Drittmittellogik sind“, sagt die Soziologin. „Wer innovativ lehren will, muss sich im Bewerbungswettbewerb durchsetzen.“

Pflüger, geboren 1982 in Starnberg, hat in München und Kopenhagen studiert und nach einer Zeit an der Cardiff University ihren Doktortitel an der Universität Erlangen-Nürnberg erworben. Für ihre Forschung reiste sie auch ins außereuropäische Ausland, unter anderem nach China. Denn ein weiter Horizont ist ihr wichtig, weder möchte  sie ihren Blickwinkel auf Europa noch auf die Wissenschaftssoziologie beschränken. „Ich habe nicht nur  ein Forschungsthema, das ich dann hunderttausendfach durchdekliniere“, sagt sie. In China untersuchte sie, ob sich  bei dortigen Arbeitsprotesten die Aktions-, Organisations- und Mobilisierungsformen und die Interessen von Frauen und Männern unterschieden. „Das Thema Gender war lange eine Blindstelle der Arbeitssoziologie“, sagt
Pflüger. Und noch immer gehe der Blick zu selten über nationale Grenzen hinaus: „Ich halte es für wichtig, dass sich die deutsche Arbeitssoziologie weiter internationalisiert.“ Sozialer Wandel in Arbeit, Organisation, Wissenschaft: Das ist, was Pflüger in ihrer empirischen Forschung interessiert. Zugleich beschäftigt sie sich mit  der Weiterentwicklung sozialwissenschaftlicher Methoden, um diesen Wandel angemessen zu erfassen. Und am liebsten führt sie beides zusammen, wie in ihrem China-Projekt. „Westliche Methoden lassen sich nicht  ohne Weiteres auf Länder des globalen Südens übertragen“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Die Kultur des Erzählens zum Beispiel ist in China eine andere, eher an kollektiven als an individuellen Erzählungen ausgerichtet.“ Auch daher ist Sozialforschung im globalen Süden mit methodischen Herausforderungen verbunden. Aber solche Herausforderungen mag Jessica Pflüger.

  • Preisträgerin Jessica Pflüger

Was die Himbeere im Müsli mit einem Ziegelstein oder einem Holzpellet gemeinsam hat? Mehr als man denkt, sagt Nicole Vorhauer-Huget – und sie meint damit nicht die Härte oder Geschmacksarmut mancher  Trockenbeere. Für die promovierte Verfahrenstechnikingenieurin sind die genannten Dinge zuallererst das Ergebnis eines uralten, aber nichtsdestoweniger verbesserungswürdigen Herstellungsprozesses: der energieintensiven Trocknung poröser Materialien. „Verfahrenstechnik und verfahrenstechnisches Knowhow  existieren seit mehr als 13.000 Jahren und haben ihre Anfänge vielleicht in der ersten Trocknung und  Haltbarmachung von Lebensmitteln und Baumaterialien“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto- von-Guericke-Universität Magdeburg. „Im Laufe der Zeit haben sich viele Prozesse und Methoden etabliert, die aber nicht immer zu einem optimalen Produkt führen oder viel Ausschuss erzeugen.“ Mit ihrer Forschung möchte Vorhauer-Huget dazu beitragen, dass sich das ändert. Mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bei Stoffumwandlungs- und Produktoptimierungsprozessen ist ihr Ziel. Vorhauer-Huget, geboren 1982, stammt aus Magdeburg. Hier hat sie studiert, hier und am Institut National Polytechnique de Toulouse schrieb sie ihre Doktorarbeit, hier leitet die Mutter von zwei Kindern nun seit 2018 die Forschungsgruppe „Transport in Porous Media“. Und hier engagiert sie sich ebenfalls seit langem dafür, dass Frauen wie sie in den immer noch  männerdominierten Ingenieurwissenschaften nicht die Ausnahme bleiben: Vorhauer-Huget ist  Gleichstellungsbeauftragte ihrer Fakultät und organisiert seit 2012 die Ladies Night for Women in Engineering  Sciences – eine Veranstaltung zur Nachwuchsförderung, der auch sie selbst, wie sie berichtet, schon einige praktische Kooperationen verdankt. In ihrer aktuellen Forschung untersucht die Verfahrenstechnikerin unter  anderem, wie sich eine moderne Mikrowellen- oder Gefriertrocknung auf die mikroskopisch kleine Struktur  poröser Materialien auswirkt und wie sich dadurch das Gesamtergebnis verändert. Und sie entwickelt  Computermodelle, die diese Mikroprozesse vorhersagen können. „Mich fasziniert, dass ich mit meinen Methoden und Modellen Zusammenhänge erklären kann, die auf den ersten Blick nicht sichtbar und manchmal  auch nicht intuitiv sind“, sagt die mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Das ermögliche nicht nur ein  besseres Prozessverständnis, sondern könne auch den Weg bahnen für neue, ressourcenschonende und  energieeffiziente Technologien. Damit zum Beispiel weniger fossile Rohstoffe verbraucht werden müssen, um Ziegelsteine zu brennen. Damit Impfstoffe – auch sie werden per Gefriertrocknung konserviert – schneller in  großer Menge verfügbar gemacht werden können. Oder eben: damit die Himbeere im Müsli genießbar bleibt.

Fragt man Florian Ziel nach den inspirierendsten Stationen seines Lebenslaufs, dann antwortet er Überaschendes. Natürlich verweist der Juniorprofessor für Umweltökonomik an der Universität Duisburg-Essen  auf seine Forschungsaufenthalte in Brüssel, Oxford und Cambridge. Aber als erstes sagt er: „Menschlich war für  ich die Elternzeit sehr prägend.“ Und wenn er über seine Zeit in der berühmten britischen Universitätsstadt  Cambridge spricht, lobt er nicht allein die hohe fachliche Qualität der Hochschule, sondern ebenso die große  Bedeutung des Radverkehrs im Alltag: „Das hat es mir angetan.“ Ziel, das wird schon nach wenigen Sätzen deutlich, ist ein Wissenschaftler mit Bodenhaftung. Und das spiegelt sich auch in seiner Forschung wider. Der  Diplommathematiker und promovierte Wirtschaftswissenschaftler, geboren 1989 in Havelberg (Sachsen-Anhalt), will mit seiner Arbeit zum Gelingen der Energiewende beitragen, ganz praktisch. „Da viele Größen in der  Energiewirtschaft mit Unsicherheit behaftet sind, versuche ich, Prognosen zu verbessern, um ein effizienteres  Management zu ermöglichen“, erklärt er. „Vor dem Hintergrund,dass wir immer mehr Wind- und Solarenergie benötigen und Speicherkapazitäten ausbauen, werden solche effizienten Prognosen immer wichtiger.“ Denn  anders als konventionelle Kraftwerke lassen sich Windräder oder Photovoltaikanlagen nicht nach Bedarf steuern:  Sie liefern Strom, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde  unterschiedlich. Für eine optimale Ausnutzung, sagt Ziel, sei es deshalb wichtig, heute schon möglichst präzise  zu wissen, was morgen passiert. Wie viel Wind- und Sonnenstrom kann morgen um 12 Uhr produziert werden?  Wie groß ist dann der Energieverbrauch? Welche anderen Kraftwerke sollten sinnvollerweise den Rest liefern?  Und wie wahrscheinlich ist, dass kurz vorher eine der eingeplanten Anlagen ausfällt? Mit Hilfe mathematisch- statistischer Verfahren, die große Datenmengen auswerten können, entwickelt Ziel Modelle, die derartige Fragen bestmöglich beantworten und zu verlässlichen Handlungsempfehlungen führen sollen. „Die modernen  Datenwissenschaften (data science) bieten sehr viele Möglichkeiten, die Energiewirtschaft effizienter zu  gestalten“, meint der Wissenschaftler. „Sie müssen nur genutzt werden.“ An seinem Forschungsfeld fasziniert  ihn die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen, von Mathematik und Informatik über Meteorologie bis zu Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Eine Interdisziplinarität, die er auch persönlich verkörpert: Ziel studierte Mathematik in Dresden und Statistik in  Dublin. Er wechselte für seine Doktorarbeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder, dann jedoch in  die Wirtschaftswissenschaften und entdeckte die Ökonomik der erneuerbaren Energien als Thema für sich. „Hier trifft die Natur auf menschliches Verhalten“, sagt er. „Das macht die Problemstellungen sehr komplex und    spannend.“

Dossier der Preisträger*innen 2020

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