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Erwerbstätigkeit von Frauen stärker fördern Böckler Impuls

Gleichstellung: Erwerbstätigkeit von Frauen stärker fördern

Ausgabe 14/2020

Gleichstellung im Beruf ist noch lange nicht erreicht – in Westdeutschland ist der Rückstand noch größer als in Ostdeutschland, zeigt eine Studie des WSI.

Deutschland hat Nachholbedarf bei der Gleichstellung. Die berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen ist nach wie vor oft schlechter als die von Männern. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Osten ist der Rückstand der Frauen bei Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit und Einkommen geringer – wobei dies beim Einkommen auch mit unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen zusammenhängt. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie des WSI. Die beteiligten Forscherinnen haben anhand von 27 Indikatoren untersucht, wo es – 30 Jahre nach der Deutschen Einheit – Fortschritte bei der Gleichstellung gegeben hat und wo weniger.

Mehr Frauen erwerbstätig, vor allem durch Teilzeit

Während bei schulischer und beruflicher Qualifikation in beiden Landesteilen nahezu Gleichstellung erreicht worden ist, zeigen sich immer noch große Unterschiede bei der Erwerbsbeteiligung. So lag die Erwerbstätigenquote westdeutscher Frauen 2018 mit 71,6 Prozent um gut acht Prozentpunkte unter der von westdeutschen Männern. 1991 war die Differenz noch fast dreimal so groß. Auch die Erwerbstätigenquote von Frauen in Ostdeutschland ist mit aktuell 73,9 Prozent höher als 1991, und der Abstand gegenüber ostdeutschen Männern von knapp zwölf auf gut vier Prozentpunkte gesunken. 

Allerdings beruht diese Entwicklung vor allem auf mehr Teilzeitarbeit. In Ostdeutschland ist der Anteil der Teilzeitstellen an allen Beschäftigungsverhältnissen von Frauen zwischen 1991 und 2018 stark gewachsen – sogar etwas stärker als in Westdeutschland. Aktuell liegt die Teilzeitquote von westdeutschen Frauen mit 48,6 Prozent aber immer noch deutlich über der von ostdeutschen Frauen mit 34,7 Prozent. Der Anteil der Frauen, die lediglich einen Minijob haben, ist mit 17,1 Prozent im Westen sogar fast doppelt so hoch wie in Ostdeutschland mit 9,9 Prozent. 

Deutlicher Rückstand bei der Arbeitszeit

Bei Männern kommt Teilzeitarbeit in beiden Landesteilen hingegen kaum vor. Das wirkt sich deutlich auf die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten aus, zeigt die WSI-Studie: In Westdeutschland verbringen Frauen nach den neuesten verfügbaren Daten neun Stunden weniger als Männer mit Erwerbsarbeit – der Rückstand ist wegen der höheren Teilzeitquote eine Stunde größer als 1991. In Ostdeutschland liegt die Differenz bei fünf Stunden und somit zwei Stunden höher als noch vor 30 Jahren. 
Diese Differenzen hängen laut WSI maßgeblich mit dem unterschiedlichen Angebot an Kinderbetreuung zusammen: In Ostdeutschland werden 41,4 Prozent der Kinder unter drei Jahren und 74,8 Prozent der 3- bis 6-Jährigen ganztags außer Haus betreut. Dagegen sind es im Westen nur 14,3 beziehungsweise 40,5 Prozent. Immerhin hat sich das Angebot an Ganztagskinderbetreuung in Westdeutschland im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt, sodass die Abstände zwischen beiden Landesteilen etwas kleiner geworden sind. „Sowohl die Unterschiede zwischen Ost und West als auch die schrittweise Annäherung zeigen, dass Fortschritte bei der Gleichstellung sehr oft von Rahmenbedingungen abhängen, die am besten der Staat gestaltet – durch verbindliche Regeln und Investitionen in Infrastruktur“, sagt Aline Zucco, WSI-Forscherin und Ko-Autorin der Studie. „Einfach auf einen Kulturwandel zu vertrauen, reicht nicht. Dann kommt man nur sehr langsam voran und viele – zunehmend sehr gut ausgebildete Frauen – sind gezwungen, unter ihren Möglichkeiten zu bleiben.“   

Lohnlücke im Osten kleiner 

Auch die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist in Westdeutschland weiterhin deutlich größer als in Ostdeutschland: Im Westen liegt der durchschnittliche Stundenlohn von Frauen 21 Prozent unter dem von Männern, der Abstand ist dreimal so groß wie im Osten. Allerdings spielt dabei eine erhebliche Rolle, dass die Stundenlöhne ostdeutscher Männer wesentlich niedriger sind als die von Männern im Westen. Diese Diskrepanz zeigt sich auch bei der Einkommensverteilung: 26 Prozent der vollzeitbeschäftigten westdeutschen Männer haben monatliche Bruttoeinkommen über 5000 Euro – der Anteil ist mehr als doppelt so hoch wie unter westdeutschen Frauen, ostdeutschen Männern oder Frauen. Mit Niedrigeinkommen unter 2000 Euro monatlich für eine Vollzeitstelle müssen aktuell in Ostdeutschland zwar weniger Menschen auskommen als noch 2011, trotzdem ist der Anteil weiterhin deutlich höher als in den alten Bundesländern: Gut ein Viertel der ostdeutschen vollzeitbeschäftigten Frauen und ein Fünftel der Männer lagen 2018 unter dieser Einkommensgrenze. Im Westen waren es rund 19 Prozent der weiblichen und 8 Prozent der männlichen Vollzeitbeschäftigten. „Es lohnt sich also, zusätzlich sehr genau hinzuschauen, auf welchem absoluten Niveau sich geschlechtsspezifische Differenzen darstellen“, sagt Zucco. Neben den – auch 30 Jahre nach der Vereinigung – erheblichen Unterschieden in der Wirtschaftsstruktur trägt nach WSI-Untersuchungen auch die niedrigere Tarifbindung im Osten zum insgesamt niedrigeren Lohnniveau bei.

In einem weiteren Punkt unterscheiden sich die Geschlechter in Ost und West hingegen heute kaum: In beiden Landesteilen gibt es ähnliche geschlechtsspezifische Präferenzen bei der Berufswahl. Zugleich sind „typisch weibliche“ Dienstleistungsberufe, etwa in Handel, Erziehung oder im Pflege- und Gesundheitsbereich, zwar spätestens seit der Coronakrise als „systemrelevant“ anerkannt, sie werden aber meist schlechter bezahlt als technische Berufe, in denen Männer dominieren.  

Westdeutsche Frauen haben die größte Rentenlücke 

Die weiterhin deutlichen Unterschiede in den Erwerbsverläufen ost- und westdeutscher Frauen führen auch zu gravierenden Differenzen bei der Absicherung im Alter: Nimmt man gesetzliche Rente, betriebliche und private Alterssicherung zusammen, beziehen Frauen in Westdeutschland durchschnittlich ein um 58 Prozent niedrigeres Alterseinkommen als Männer. Anfang der 1990er-Jahre lag der sogenannte Gender-Pension-Gap im Westen sogar bei 73 Prozent. In Ostdeutschland beträgt der Abstand durchschnittlich 28 Prozent, 1992 waren es noch 39 Prozent. 
Rückstände beobachten die Forscherinnen auch bei Frauen in Führungspositionen – insbesondere auf den obersten Führungsetagen: Hier wird in Ostdeutschland nur eine von drei Stellen von einer Frau besetzt, in Westdeutschland sogar nur eine von vier. Der Anteil ist in den vergangenen 15 Jahren vor allem im Westen nur geringfügig gewachsen. Besser sieht es nach der WSI-Analyse auf der zweiten Führungsebene aus, wo der Frauenanteil in Westdeutschland mit 39 Prozent dem Anteil an allen Beschäftigten relativ nahe kommt. In Ostdeutschland sind Frauen auf der zweiten Führungsebene sogar leicht überrepräsentiert. 

Mit welchen Maßnahmen sich Gleichstellung erreichen lässt

Verpflichtende Vorgaben für Geschlechteranteile in Vorständen sind nach Analyse der Forscherinnen ebenso notwendig wie ein erweiterter Geltungsbereich der Geschlechterquote in Aufsichtsräten, die bislang nur greift, wenn Unternehmen börsennotiert und zugleich paritätisch mitbestimmt sind. Um die Gleichstellung von Frauen und Männern auf breiter Linie wirksam zu fördern, empfehlen sie darüber hinaus:  

  • Stärkere Anreize für Männer, Sorgearbeit zu übernehmen, etwa durch eine schrittweise Erweiterung der Partnermonate im Elterngeld auf sechs Monate.
  • Einen weiteren quantitativen und qualitativen Ausbau der institutionellen Betreuung von Kleinkindern. 
  • Eine finanzielle Aufwertung von frauendominierten Berufen im Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsbereich, um diese für beide Geschlechter attraktiver zu machen.
  • Gleichbehandlung aller Arbeitsverhältnisse bei Arbeitsbedingungen und sozialer Sicherung; Minijobs sollten möglichst in reguläre Beschäftigung überführt werden.
  • Schaffung von Arbeitsplätzen in kurzer Vollzeit und Abkehr von der Vollzeit- beziehungsweise „Überstundenkultur“. Voraussetzung dafür seien unter anderem eine ausreichende Personalbemessung, verbindliche Vertretungsregelungen und Beförderungskriterien, die sich nicht an der Präsenz am Arbeitsplatz oder Überstunden orientieren.
  • Abschaffung des Ehegattensplittings, das vor allem in Westdeutschland ökonomische Fehlanreize für Ehefrauen nach der Familiengründung setzt, dem Arbeitsmarkt fernzubleiben oder die Arbeitszeit deutlich zu reduzieren.

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