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WSI GenderDatenPortal: Zeit: Erschöpfung nach der Arbeit von Frauen und Männern 2017

Frauen in Deutschland sind im Jahr 2017 nach der Arbeit häufiger als Männer zu erschöpft, um sich dann noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Dies trifft auf fast jede zweite abhängig beschäftigte Frau (47 Prozent) „sehr häufig“ oder „oft“ zu, jedoch nur auf gut jeden dritten Mann (37 Prozent) (vgl. Tabelle).

Neben dem Geschlecht wirkt sich auch der Umfang der eigenen Erwerbstätigkeit auf die Häufigkeit von Erschöpfung aus. Vollzeitbeschäftigte sind häufiger als Teilzeitbeschäftigte nach der Arbeit zu erschöpft für weitere Aktivitäten:

  • Vollzeitbeschäftigte Frauen berichten am häufigsten von erschöpfungsbedingten Einschränkungen in Freizeit und Familie nach dem täglichen Arbeitsende. Gut die Hälfte der vollzeitbeschäftigten Frauen ist „sehr häufig“ oder „oft“ davon betroffen (52 Prozent).(1)
  • Vollzeitbeschäftigte Männer und teilzeitbeschäftigte Frauen sind etwas seltener – aber in vergleichbarem Ausmaß – zu erschöpft für private oder familiäre Aktivitäten nach der Arbeit. Dies trifft auf vier von zehn vollzeitbeschäftigten Männern zu (38 Prozent), genauso wie auf vier von zehn teilzeitbeschäftigten Frauen (40 Prozent). −− Lediglich teilzeitbeschäftigte Männer sind von einer solchen Erschöpfung nach dem täglichen Arbeitsende seltener betroffen (28 Prozent).
  • Für Frauen steigt eine arbeitsbedingte Erschöpfung mit dem Erwerbsumfang also erkennbar an. Männer sind hingegen deutlich seltener von einer solchen Erschöpfung nach dem täglichen Arbeitsende betroffen – unabhängig davon, ob sie Vollzeit oder Teilzeit arbeiten.(2)

Bei einer detaillierten Betrachtung speziell der abhängig Beschäftigten mit Care-Aufgaben, d. h. mit Kinderbetreuungsaufgaben oder Pflegeverantwortung, fallen die geschlechtsbezogenen Unterschiede noch deutlicher aus.

  • Unter abhängig Beschäftigten mit Kinderbetreuungsaufgaben sind es wiederum die vollzeitbeschäftigten Frauen, die nach der Arbeit zu erschöpft für private oder familiäre Aktivitäten sind. Jede zweite von ihnen erlebt dies „sehr häufig“ oder „oft“ (53 Prozent). Demgegenüber sind vollzeitbeschäftigte Männer bzw. teilzeitbeschäftigte Frauen und Männer deutlich seltener nach der Arbeit vergleichbar erschöpft (jeweils vier von zehn Personen).
  • Beschäftigte mit Pflegeverantwortung weisen sogar noch häufiger eine ausgeprägte Erschöpfung nach der Arbeit auf, die sie in ihren privaten oder familiären Aktivitäten einschränkt: Zwei Drittel der vollzeitbeschäftigten Frauen mit Pflegeverantwortung (65 Prozent) und mehr als die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen (53 Prozent) sind an Arbeitstagen zu erschöpft, um sich um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Dies trifft zugleich auch auf fast jeden zweiten vollzeitbeschäftigten Mann mit Pflegeverantwortung zu (46 Prozent).

Aus Gleichstellungsperspektive sind diese Unterschiede bei der Beanspruchung von Beschäftigten an Arbeitstagen kritisch zu bewerten. Gerade vollzeitbeschäftigte Frauen, die Kinder zu betreuen und/oder Angehörige zu pflegen haben, sind einer besonderen Doppelbelastung durch berufliche und private Beanspruchungen ausgesetzt. Die Hauptursachen hierfür sind:

  • Die weiterhin extrem ungleiche Aufteilung der familialen Care-Arbeit – also von Kinderbetreuungs- und Pflegeverantwortung – zwischen den Geschlechtern. Frauen übernehmen immer noch den Hauptanteil an unbezahlter Arbeit in den Familien.(3)
  • Frauen übernehmen häufiger und früher im Lebensverlauf als Männer – auch neben eigener (Vollzeit-)Beschäftigung – familiale Pflegeaufgaben. Ab dem 40. Lebensjahr tragen mehr abhängig beschäftigte Frauen als Männer Pflegeverantwortung. Zugleich pflegen abhängig beschäftigte Frauen verstärkt mit höherem Zeitaufwand (5 oder mehr Stunden pro Woche).(4)
  • Hinzu kommt, dass Frauen häufiger in Berufsbereichen arbeiten, in denen überdurchschnittlich viele Beschäftigte eine Überforderung durch ihre berufliche Tätigkeit berichten. Dazu gehören zum Beispiel Sozial- und Erziehungsberufe, Berufe im Gesundheitswesen und weitere Dienstleistungen.(5)
  • Schließlich hat auch die Arbeitsqualität einen Einfluss auf den Grad der Erschöpfung nach der Arbeit. Insbesondere folgende Faktoren tragen zu erschöpfungsbedingten Einschränkungen nach der Arbeit bei: lange Wochenarbeitszeiten mit 45 und mehr Stunden, eine häufig oder ständig erwartete Erreichbarkeit in der arbeitsfreien Zeit sowie ein (sehr) häufiges Arbeiten mit Kundenkontakt.(6)

Fazit: Die Erschöpfung von Beschäftigten an Arbeitstagen wird stark beeinflusst durch den Erwerbsumfang und private Care-Verantwortungen der Beschäftigten. Am häufigsten trifft dies auf vollzeitbeschäftigte Frauen zu, die auch Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen haben. Wegen der Doppelbelastung und der damit einhergehenden Erschöpfung entscheiden sich viele Frauen für eine (notgedrungene) Verkürzung ihres Erwerbsumfangs und arbeiten deswegen zumeist längere Zeit in Teilzeit. Diese Entscheidungen sind jedoch mit gravierenden Risiken für den weiteren Erwerbs- und Lebensverlauf der Frauen verbunden.(7)
 

Methodische Anmerkungen

Die vorliegenden Analysen zu den abhängig beschäftigten Frauen und Männern mit Kinderbetreuungsaufgaben und Pflegeverantwortung basieren auf den Daten des DGB-Index Gute Arbeit aus dem Jahr 2017. Der DGB-Index Gute Arbeit ist eine repräsentative Befragung von Arbeitnehmer/innen aller Alters-, Branchen- und Beschäftigungsgruppen, die seit 2007 im jährlichen Turnus durchgeführt wird. Ziel der Befragung ist es, die Qualität der Arbeit aus der Sicht der Beschäftigten zu bestimmen. Dazu werden Ressourcen, Einkommen, Belastungen und Sicherheit der beruflichen Tätigkeiten jeweils aus der subjektiven Perspektive der Beschäftigten erhoben. Bei der Erhebung werden abhängig Beschäftigte (ohne Auszubildende) mit einer Wochenarbeitszeit von 10 Stunden und mehr befragt.(8)

Die Häufigkeit von Erschöpfung nach der Arbeit wird in der Erhebung mit folgender Frage erfasst: „Wie häufig kommt es vor, dass Sie nach der Arbeit zu erschöpft sind, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern?“. Die in den Grafiken abgebildeten Werte stellen dabei die Summe aus den Antwortkategorien „oft“ und „sehr häufig“ dar.

Beim Vergleich der Ergebnisse von Frauen und Männer in Voll- und Teilzeitbeschäftigungen ist zu beachten, dass in der Erhebung nicht zwischen Personen in Paarhaushalten und Alleinerziehende unterschieden werden kann. Wie hoch der Anteil der alleinerziehenden Frauen und Männern in den Gruppen ist, und welchen Einfluss dies auf die Ergebnisse hat, kann damit nicht bestimmt werden.

Eine weitere Einschränkung bei den vorliegenden Analysen betrifft den Vergleich von teilzeitbeschäftigten Personen mit Pflegeverantwortungen: Hier kann leider kein Vergleich zwischen den Geschlechtern durchgeführt werden, weil der Anteil männlicher Teilzeitbeschäftigter an den Beschäftigten mit Pflegeverantwortung insgesamt zu gering ausfällt.(9)

Bearbeitung: Dietmar Hobler, Svenja Pfahl, Julia Spitznagel

 
Literatur

Fuchs, Tatjana (2010): Qualität der betrieblichen Arbeit, in: Projektgruppe GiB (Hg.): Geschlechterungleichheiten im Betrieb. Berlin, S. 347- 422.

Hans-Böckler-Stiftung (2014): Doppelt belastet bis zur Erschöpfung, in: Böckler Impuls, Nr. 4/2014.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja (2018): Teilzeitquoten der abhängig Beschäftigten 1991–2017. In: WSI GenderDatenPortal.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Mader, Esther (2018): Abhängig beschäftigte Frauen und Männer mit Pflegeverantwortung 2017. In: WSI GenderDatenPortal.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Spitznagel, Julia (2019): Zeitaufwand für bezahlte und unbezahlte Arbeit 2012/2013. In: WSI GenderDatenPortal.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Weeber, Sonja (2015): Müdigkeit und Erschöpfung nach Erwerbsumfang 2011/12. In: WSI GenderDatenPortal.

Institut DGB-Index Gute Arbeit (2018): Berufstätige mit Pflegeverantwortung. Zur Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege. In: DGB-Index Gute Arbeit Kompakt, Nr. 02/2018.

Institut DGB-Index Gute Arbeit (2017): DGB-Index Gute Arbeit. Der Report 2017 – Themenschwerpunkt: Arbeit, Familie, private Interessen – wodurch die Vereinbarkeit behindert wird und wie sie zu fördern ist. Berlin.

Lohmann-Haislah, Andrea (2012): Stressreport Deutschland 2012. Dortmund / Berlin / Dresden.
 


(1) Auch der Stressreport (2012) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz identifiziert Frauen bzw. vollzeiterwerbstätige Frauen als Beschäftigtengruppe, die mit am stärksten von Erschöpfung betroffen ist. Vgl. Lohmann-Haislah, Andrea (2012), S. 95 f.

(2) Vgl. hierzu auch Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Weeber, Sonja (2015)

(3) Vgl. hierzu auch Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Spitznagel, Julia (2019)

(4) Im Vergleich dazu pflegen Männer verstärkt mit kurzem Zeitaufwand (weniger als 5 Stunden pro Woche). Vgl. Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Mader, Esther 2018

(5) Vgl. Hans-Böckler-Stiftung (2014). Auch der Stressreport (2012) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz identifiziert die Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufe als die Tätigkeitsbereiche, in denen die Beschäftigten besonders häufig mit Erschöpfung nach der Arbeit zu tun haben. Vgl. Lohmann-Haislah, Andrea (2012), S. 99 f.

(6) Vgl. Institut DGB-Index Gute Arbeit (2017), Abb. 4, S. 7

(7) Vgl. hierzu Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja (2018)

(8) Vgl. Institut DGB-Index Gute Arbeit (2017)

(9) a. a. O., S. 14
 

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