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Sonja Blum, 16.12.2020: Bildung und Betreuung in der (Corona-)Krise

Eindämmung von Covid-19: per Bevölkerungsansatz oder Hochrisikoansatz? Plädoyer für eine solidarische Strategie, die keine Gruppen ausschließt – aber flexiblere Konzepte in Schulen und Kitas verlangt.

Ab Mitte März 2020 wurden in den meisten Ländern die frühkindlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen wie auch die Schulen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie geschlossen. Tatsächlich zeigt sich hierbei zwar ein weltweiter Einsatz dieser Eindämmungsmaßnahme: Ende März hatten über 160 Länder die Schulen (teilweise) geschlossen, 90 Prozent der Schüler*innen weltweit waren davon betroffen (United Nations, 2020). Kinderbetreuung, Erziehung und Bildung wurden – zumindest temporär – wieder vollständig zurück an die Familien verwiesen (Blank, 2020).

Bei genauerem Hinsehen allerdings weisen die Länder bei den Kita- und Schulschließungen deutliche Unterschiede auf. Manche sind bekannt, medial sehr präsent und viel diskutiert. So blieben in Italien die Kitas und Schulen ab dem 5. März bis zum Start des neuen Schuljahrs im September vollständig geschlossen. Selbst eine Notbetreuung für Eltern in „systemrelevanten Berufen“ gab es nicht. Umgekehrt changierte der „schwedische Weg“ zwischen Vorbild und Schauerbild – nicht zuletzt mit Blick darauf, dass hier Kitas und Grundschulen vollständig geöffnet blieben, während nur weiterführende Schulen und Universitäten ab März auf Fernlehre wechselten (siehe zur schwedischen Strategie den Beitrag von Pierre, 2020).

Eindämmungsstrategien und ihre Risiken

Italien und Schweden sind eher Extremfälle in einem Spektrum, das sich zwischen zwei Reinformen von Präventions- bzw. Eindämmungsstrategien aufspannt, wie wir in einem vor kurzem erschienenen Artikel argumentiert haben (siehe Blum/Dobrotić, 2020). Als diese Reinformen werden in der Public-Health-Forschung der (zielgruppenorientierte) Hochrisikoansatz einerseits und der Bevölkerungsansatz der Prävention andererseits unterschieden (hierzu im Detail Rose, 2001).

Während der „ersten Welle“ der Pandemie entsprach der „schwedische Weg“ dabei dem Hochrisikoansatz: Generalisierte Interventionen werden vermieden. Stattdessen wird auf den Schutz der Risikogruppen fokussiert. Entsprechend wurden Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder offen gehalten, für die sich relativ schnell abzeichnete, dass COVID-19-Infektionen zumeist einen milden oder asymptomatischen Verlauf zeigen. Der „deutsche Weg“ hingegen entsprach zunächst einem Bevölkerungsansatz, bei dem die gesamte Bevölkerung in die Pandemieeindämmung einbezogen wird. Das Ziel dieser Strategie wurde mit der Metapher „flatten the curve“ beschrieben. Dabei wurden Kita- und Schulschließungen im März als eines der ersten (politisch-administrativ schnell umsetzbaren) Mittel gewählt.

Mit beiden Präventionsstrategien sind bestimmte Anforderungen und Risiken verknüpft, die sich auch für Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in der (Corona-)Krise zeigen. Wie Stephan Lessenich mit durchaus kritischem Unterton hervorgehoben hat, hat die Corona-Krise zu „einer ungeahnten Renaissance gesellschaftlicher Solidaritätsdiskurse geführt“. Dies ist eng verknüpft mit dem Bevölkerungsansatz, der ein höheres Eindämmungspotential trägt, dabei aber auf eine Verhaltensanpassung und Gegenseitigkeit angewiesen ist. Zugleich ist dieser Ansatz aber mit dem Präventionsparadoxon verknüpft, bei dem die Vorteile der oder des Einzelnen unter Umständen gering sind. Mehr noch: Die Vorteile bleiben für viele unsichtbar, und zwar umso mehr, je mehr sie und ihr Umfeld bestimmte Verhaltensweisen einschränken. Eine Hochrisikostrategie hingegen ist – u.a. aufgrund der schieren Größe der „Risikogruppe“ – für COVID-19 problematisch. Mit Blick auf Bildung und Betreuung tritt ihr exkludierendes Potential hinzu: Insbesondere bei hoher Inzidenz können so Kinder, die selbst oder deren Familienmitglieder zu Risikogruppen gehören, vom Einrichtungsbesuch ausgeschlossen sein. An die Stelle des geteilten Schicksals tritt damit eine Aufteilung.

Zielgruppenorientierte Bildung und Betreuung?

Ein reiner Bevölkerungsansatz mit vollständigen Schließungen der Kitas und Schulen wurde in vielen europäischen Ländern vor allem in den ersten Wochen der Pandemie verfolgt. Recht schnell zeichnete sich jedoch ab, dass sich das „Problem“ in einigen Wochen oder Monaten nicht würde lösen lassen. Um also zu längerfristigen Strategien zu gelangen, wurden Mischansätze der Pandemiebekämpfung gewählt und dabei versucht, zu einer Balance zwischen Zielen in verschiedenen Politikbereichen zu gelangen (vgl. Blum/Dobrotić, 2020). Diese Balance betraf zum Beispiel Gesichtspunkte der Pandemieeindämmung, Risiken sozialer Bildungsungleichheiten und geschlechtsspezifischer Ungleichheiten und die wirtschaftliche Entwicklung.

Dies mündete in vielen Ländern in einem zielgruppenorientierten und damit selektiven Charakter der Maßnahmen. Das heißt, bestimmte Gruppen behielten teils während der Schließungen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen oder wurden im Zuge von Wiederöffnungen priorisiert. Anhand von Kinderbetreuung und Schulen lassen sich die unterschiedlichen Zielsetzungen identifizieren: Stand etwa die Bildung im Mittelpunkt, fand sich vielerorts ein priorisierter Zugang für „kritische Jahrgänge“, etwa indem Abschlussklassen oder Kinder im letzten Kindergartenjahr zuerst wieder die Einrichtungen besuchen durften (z.B. Deutschland). Anderenorts stand eher die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Fokus, so dass z.B. Kitas vor den Schulen wieder geöffnet wurden (z.B. Belgien, Irland) oder Familien mit zwei erwerbstätigen Elternteilen bei der Wiederöffnung priorisiert wurden (z.B. Kroatien).

Die unterschiedlichen Erwägungen scheinen durchaus sachrational: Natürlich ist es unbedingt wichtig, Schüler*innen auch in der Pandemie ihren Schulabschluss zu ermöglichen oder sich um Kinder mit „besonderem Förderbedarf“ zu kümmern. Das Problem liegt aber darin – wie auch in Deutschland im Zuge der Wiederöffnungen von Kitas und Schulen erfolgt – Kinder und Eltern nach Kriterien von „Notwendigkeit“ und „Bedürftigkeit“ zu differenzieren. So durften z.B. in Nordrhein-Westfalen Kinder aus Familien mit Hartz-IV-Bezug einige Tage früher in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zurückkehren – was als Fördermaßnahme verstanden werden kann, aber gleichzeitig Spaltungs- und Stigmatisierungspotential trägt.

Bildung und Betreuung als soziales Recht

Die Maßnahmen während der „zweiten Welle“ und dem erneuten Lockdown schließen eher an den in den letzten 15 Jahren in Deutschland eingeschlagenen Weg an, nämlich dass Bildung und Betreuung weder allgemein „Privatangelegenheit“ sein noch zielgruppenorientiert von bestimmten Kriterien abhängig „gewährt“ werden sollten. Wird Bildung und Betreuung als soziales Recht verstanden, so muss sie eben allen Kindern und Eltern zugänglich sein. Oder eben pandemiebedingt bei (regional) zu hoher Inzidenz nicht – so wie es nun mit den (teilweisen) Schließungen um die Weihnachtsferien herum wieder erfolgt. Eine „Notbetreuung“, die an individuellen Bedarfen statt festgelegten Kriterien ansetzt, scheint dabei eher dem Verständnis von Bildung und Betreuung als soziales Recht zu entsprechen.

Werfen wir den Blick zurück auf die oben beschriebenen Strategien der Pandemieeindämmung: Nicht nur ein zielgruppenorientierter (Nicht-)Zugang zu Bildungs- und Betreuungseinrichtungen trägt Exklusionspotential, sondern bei hoher Inzidenz ist es auch für Kinder mit Vorerkrankungen (in der Familie) unmöglich oder gefährlich, die Einrichtungen zu besuchen. Wie es Angela Merkel zuletzt mehrfach formuliert hat: „Das Virus lässt sich nicht betrügen.“ Werden keine entsprechenden Maßnahmen getroffen, verbreitet es sich. Ein Bevölkerungsansatz ermöglicht daher ein solidarisches Vorgehen, bei dem es auch zu Einschränkungen kommen kann – aber dann ist sozialpolitische Unterstützung notwendig und soziale Kosten sollten möglichst gering gehalten werden. Bettina Kohlrausch und Aline Zucco haben dargelegt, warum es so wichtig ist, erneute Kita- und Schulschließungen zu vermeiden. Im Zuge einer solidarischen Bevölkerungsstrategie sind daher – nach den Weihnachtsferien – in Kitas und Schulen alle präventiven Maßnahmen wichtig. Im Detail kann das heißen: AHA+L (auch auf den Schulhöfen); Wechsel hin zu festen Stammgruppen bei Kitas mit ‚offenem‘ Konzept; Wechselmodelle mit teils digitaler Lehre für ältere Schüler*innen; oder zeitlich entzerrter Schulbeginn und damit auch Entlastungen im ÖPNV. Mit dem Ziel, allen Kindern und Eltern einen möglichst umfassenden und sicheren Besuch zu ermöglichen.

Referenzen

Blank, F. (2020): Die Unordnung der Wohlfahrtsproduktion in Zeiten von Corona. WSI-Blog Work on Progress

Blum, S./Dobrotić, I. (2020): Childcare policy responses in the COVID-19 pandemic: Unpacking cross-country variation. European Societies

Kohlrausch, B./Zucco, A. (2020): Was bedeutet die Corona-Pandemie für die Gleichstellung zwischen Mann und Frau? WSI-Blog Work on Progress

Lessenich, S. (2020): Grenzen der Solidarität. COVID-19 und die Strukturen globaler sozialer Ungleichheit. WSI-Blog Work on Progress

Pierre, J. (2020): Nudges against pandemics: Sweden’s COVID-19 containment strategy in perspective. Policy and Society 39(3): 478-93

Rose, G. (2001): Sick individuals and sick populations. International Journal of Epidemiology 30(3): 427–32

United Nations (2020): Ziele für nachhaltige Entwicklung. Bericht 2020 (pdf)

 

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Die Beiträge der Serie:

Florian Blank und Daniel Seikel (06.10.2020)
Soziale Ungleichheit in der Corona-Krise. Eine Serie im WSI-Blog Work on Progress

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Philip Mader, Daniel Mertens, Natascha van der Zwan (08.10.2020)
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Daniel Seikel (13.10.2020)
Die Corona-Krise und die Eurozone: Ausweg aus dem Nein-Quadrilemma?

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Kurzarbeit vs. Mehrarbeit in systemrelevanten Bereichen

Martin Behrens (03.11.2020)
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Stephan Lessenich (09.11.2020)
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Bettina Wagner (13.11.2020)
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Aline Zucco und Bettina Kohlrausch (24.11.2020)
Was bedeutet die Pandemie für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern?

Sonja Blum (16.12.2020)
Bildung und Betreuung in der (Corona-)Krise

Lara Altenstädter, Ute Klammer, Eva Wegrzyn (02.02.2021)
Corona verschärft die Gender Gaps in Hochschulen

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

Autorin

Dr. Sonja Blum ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FernUniversität in Hagen und Fellow am Public Governance Institute der KU Leuven. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Policy-Forschung und vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung.

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