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Maria Figueroa/Ian Greer/Toralf Pusch, 16.10.2020: Arbeitsmärkte im Vergleich: Die Kurzarbeit in Europa hat sich bewährt

In den USA stiegen die Anträge auf Arbeitslosengeld gleich zu Beginn der Corona-Pandemie auf ein bisher unbekanntes Ausmaß. Die Arbeitsmärkte in Europa haben der Krise hingegen bisher weitgehend getrotzt – auch dank der Kurzarbeit.

Im März 2020 führten die sozialen Distanzierungsmaßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 zur vorübergehenden Schließung von Schulen, Universitäten, Restaurants, Cafés, Hotels, Büros, Fabriken und vielen anderen Arbeitsplätzen. Für den Zeitraum des ersten und zweiten Quartals 2020 hatte dies einen beispiellosen Einbruch der Wirtschaftsleistung zur Folge. Trotz all der schlechten Nachrichten gibt es dennoch einen Lichtblick: Die Arbeitsmärkte in Europa haben der Krise bisher weitgehend getrotzt. Die Arbeitslosenquote stieg bis zuletzt nur leicht, um 0,5 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorkrisenniveau.

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Zurückzuführen ist dies vor allem auf die starken Sozialstaaten in Europa – genauer: auf den breiten Einsatz von Kurzarbeit. Quer durch die EU erreichte die Kurzarbeit im April mit über 42 Millionen Beschäftigten ein bisher ungekanntes Ausmaß; der Anteil der Arbeitnehmer*innen in Kurzarbeit erreichte in der Schweiz, Italien, Frankreich und Luxemburg Werte von über 40 Prozent (Müller und Schulten 2020). Auch Deutschland verzeichnete im April mit 6 Millionen Kurzarbeiter*innen den bisher höchsten Wert (Statistik BA 2020). Seitdem sinken die Zahlen, was erfreulich ist. Sie werden aber voraussichtlich noch längere Zeit hoch bleiben.

Ein Blick auf die USA, wo Kurzarbeit bisher kaum eine Rolle spielt

In welch glücklicher Lage Europa mit seinen etablierten Systemen der Kurzarbeit ist, zeigt ein Blick auf die USA. Die Anträge auf Arbeitslosengeld erreichten dort gleich zu Beginn der Corona-Pandemie ein bisher unbekanntes Ausmaß. Trotz der Bemühungen zur Wiedereröffnung der Wirtschaft zeigen die Zahlen für August, dass weiter 13,6 Millionen US-Arbeitnehmer offiziell arbeitslos sind (BLS 2020) und 29,2 Millionen Arbeitslosengeld erhalten (DOL 2020, 3. September). Die Unterschiede zwischen beiden Zahlen lassen sich auf eine starke Ausweitung der Zahl der Leistungsempfänger durch neue Leistungen für Freiberufler, junge Menschen, die in den Arbeitsmarkt eintreten und solche, die normalerweise von der traditionellen Arbeitslosenversicherung ausgeschlossen sind, erklären.

Das Tragische an dieser Entwicklung ist: Der rasche Anstieg der Arbeitslosigkeit in den USA war vermeidbar. Auch in Deutschland ging die Produktion in den ersten beiden Quartalen des Jahres 2020 um fast 12 Prozent zurück, etwas mehr als in den USA, aber die Arbeitslosigkeit stieg kaum. Im April, als die US-Arbeitslosenquote 14,7 Prozent erreichte, lag die deutsche Quote bei 4 Prozent und die aktuellsten nach vergleichbarem Standard ermittelten Zahlen zeigen, dass die US-amerikanische Quote mit 8,4 Prozent doppelt so hoch ist wie die deutsche (4,4 Prozent) und immer hoch höher als die Arbeitslosenquote in Europa (7,9 Prozent). Anderswo in Europa fiel der Produktionsrückgang sogar noch stärker aus als in Deutschland oder den USA, aber die Arbeitslosigkeit ist nur geringfügig gestiegen (Tabelle 1).

Dabei fehlt es in den USA nicht an einem Äquivalent zur Kurzarbeit. Die in der Bundesgesetzgebung verankerten Kurzarbeitergeldregelungen werden als Short Time Compensation (STC) bezeichnet und von den Bundesstaaten verwaltet. Dort tragen sie Namen wie Work Sharing (New York, Kalifornien), Shared Work (Connecticut, Washington), WorkShare (Massachusetts, Maine, Rhode Island) und Short-Time Compensation (Florida). Allerdings gibt es sie nur in 26 US-Bundesstaaten und die Zahl der erfassten Arbeitnehmer ist gering und hat zuletzt abgenommen. Beim Höchststand im Juli erhielten nur 400.000 Beschäftigte Kurzarbeitergeld; Mitte August waren es 270.000 (DOL). Im Spitzenmonat Mai bezogen etwa 20 Prozent der deutschen Arbeitnehmer Kurzarbeitarbeitergeld, während es in den USA nur 0,25 Prozent der Arbeitnehmer waren.

Die hohe Arbeitslosigkeit sollte die Amerikaner beunruhigen, denn selbst wenn die wirtschaftliche Erholung vergleichsweise schnell vorankommt, sind die Folgen langfristig. Arbeitsplatzverluste wirken sich auf den Verdienst der Arbeitnehmer aus und schaden langfristig der psychischen und physischen Gesundheit der Arbeitnehmer. Nach der Dot.Com-Rezession und der großen Rezession 2008/2009 gab ein beträchtlicher Anteil der Arbeitslosen in den USA die Arbeitssuche auf und schied aus dem Erwerbsleben aus (Krueger 2015). Die zunehmende durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit, die Masseninhaftierung und die Einschränkungen für Millionen von Migranten ohne Papiere haben mit dazu beigetragen, dass die Erwerbsbeteiligung in den USA seit 2000 so weit zurückgegangen ist, dass sie heute unter dem OECD-Durchschnitt liegt (Abbildung).

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Fazit: Kurzarbeit in Europa hat sich bewährt, andere Länder können davon lernen

Natürlich kann Kurzarbeit allein die europäische Wirtschaft nicht aus der Krise führen. Sie hat sich allerdings als ein wesentlicher stabilisierender Faktor in der Corona-Pandemie erwiesen.  Andere Faktoren wie der in Europa im Vergleich zu den USA häufig stärkere Kündigungsschutz tragen ebenfalls zur Erklärung der unterschiedlichen Arbeitsmarktentwicklungen bei. Die Vorteile dieser Arbeitsmarktinstitutionen, die in der Vergangenheit häufig kritisiert wurden, werden heute besonders deutlich. Doch auch die USA und andere Länder können Kurzarbeit breiter einsetzen, ohne hierfür alle Arbeitsmarktinstitutionen radikal reformieren zu müssen. Wichtige Schritte wären eine bessere Öffentlichkeitsarbeit für die bestehenden (wenig genutzten) Systeme sowie eine attraktivere Ausgestaltung der Kurzarbeit. Eine Reihe von Vorschlägen hierzu haben wir mit Blick auf europäische (speziell deutsche) Regulierungen im worker institute blog der Cornell University aufgelistet.


Die Beiträge der Serie:

Florian Blank und Daniel Seikel (06.10.2020)
Soziale Ungleichheit in der Corona-Krise. Eine Serie im WSI-Blog Work on Progress

Bettina Kohlrausch und Andreas Hövermann (06.10.2020)
Arbeit in der Krise

Elke Ahlers (07.10.2020)
Arbeitsschutz in der Corona-Krise: Hohe Standards für alle!

Philip Mader, Daniel Mertens, Natascha van der Zwan (08.10.2020)
Neun Wege, wie der Coronavirus den Finanzkapitalismus verändern könnte

Daniel Seikel (13.10.2020)
Die Corona-Krise und die Eurozone: Ausweg aus dem Nein-Quadrilemma?

Ingo Schäfer (15.10.2020)
Rente in der Krise? Keine Spur!

Maria Figueroa, Ian Greer, Toralf Pusch (16.10.2020)
Europas Arbeitsmärkte in der Corona-Krise: Kurzarbeit hat einen drastischen Einbruch verhindert

Elke Ahlers und Aline Zucco (20.10.2020)
Homeoffice - Der positive Zwang?

Lukas Haffert (22.10.2020)
Auf Nimmerwiedersehen, Schwarze Null?

Florian Blank (23.10.2020)
Die Unordnung der Wohlfahrtsproduktion in Zeiten von Corona

Toralf Pusch und Hartmut Seifert (30.10.2020)
Kurzarbeit vs. Mehrarbeit in systemrelevanten Bereichen

Bettina Wagner
Corona und die deutsche Fleischindustrie – seit langem überfällige Reformen?

Aline Zucco und Bettina Kohlrausch
Was bedeutet die Pandemie für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern?
 

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

 

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Autor/innen

Dr. Maria C. Figueroa ist Direktorin für Arbeits- und Politikforschung am Worker Institute, Cornell University School of Industrial and Labor Relations. Sie forscht zu atypischer Beschäftigung, prekärer Arbeit, digitaler Plattformarbeit und zur Arbeitsökonomie in der Kunst- und Unterhaltungsindustrie.

Ian Greer, PhD, leitet das ILR Ithaca Co-Lab und ist Senior Research Associate an der Cornell University-School of Industrial and Labor Relations. Seine Forschungsgebiete sind industrial relations, Wohlfahrtsstaat und Vermarktlichung, hauptsächlich in Bezug auf sozialstaatliche Leistungen.

Dr. Toralf Pusch ist Leiter des Referats Arbeitsmarktanalyse am WSI in der Hans-Böckler-Stiftung. Er forscht zu Qualität der Beschäftigung, Auswirkungen des Mindestlohns und zu Erwerbsverbleib.

 

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