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Familien unter Druck Böckler Impuls

Coronakrise: Familien unter Druck

Ausgabe 05/2021

Die Hälfte der Erwerbspersonen mit Kindern schätzt ihre Situation als stark belastend ein. Besonders angespannt ist die Lage in vielen Familien mit niedrigeren Einkommen.

40 Prozent der Erwerbspersonen in Deutschland fühlen sich während des zweiten Lockdowns stark oder sogar äußerst stark belastet. Wenn Kinder im Haushalt leben, sagen das 49 Prozent. Der Anteil ist fast genauso hoch wie im ersten Lockdown, bei Eltern mit Kindern im Haushalt sogar geringfügig höher. Vor allem die Einschätzung der eigenen familiären Situation hat sich in den Wintermonaten mit geschlossenen Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen spürbar verschlechtert. Besonders betroffen sind Familien mit niedrigeren Einkommen: Dort empfinden rund 60 Prozent ihre Gesamtsituation als stark oder äußerst belastend. Das ergeben neue Daten aus der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung, an der Ende Januar 2021 mehr als 6200 Erwerbstätige und Arbeitsuchende teilgenommen haben. Neben der Gesamtsituation wurde von den Befragten auch die finanzielle, die familiäre und die Arbeitssituation eingeschätzt. 

„Auch die zweite Corona-Welle war und ist ein drastischer Stresstest, und das ganz besonders für Familien“, so Andreas Hövermann von der Hans-Böckler-Stiftung. Die Ergebnisse seien ein Indiz dafür, wie wichtig funktionierende Kindertagesstätten und Schulen sind. Eltern von Kita- und Grundschulkindern sowie von Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen dürften den Wiederbeginn von Präsenzbetreuung und -unterricht daher als wichtige Entlastung wahrgenommen haben, so der Forscher. Allerdings funktioniere die Entlastung nur, wenn die Konzepte für Hygiene und Infektionsschutz, für Tests und Impfungen wirklich wirksam seien. Niemand habe etwas davon, wenn sich Infektionen häufen und Einrichtungen nach kurzer Zeit wieder schließen müssen. Träger sollten Hinweise auf Defizite in Hygienekonzepten daher unbedingt ernst nehmen. Falls Kita- oder Schulschließungen aufgrund des Infektionsgeschehens notwendig sind, müssten Eltern durch einen einfachen Zugang zu Kinderkrankentagen bestmöglich entlastet werden. 

Laut Hövermanns Auswertung sind die Quoten der stark oder äußerst Belasteten im Vergleich zum Sommer und zum Herbst bis Ende Januar in allen Bereichen gestiegen. In puncto Arbeitssituation und finanzielle Situation war die Zunahme relativ moderat, die Werte blieben deutlich unter den bisherigen Höchstwerten im April letzten Jahres. Allerdings war das Niveau bei der Arbeitssituation mit 32 Prozent auch Ende Januar hoch. „Und selbst die im Vergleich niedrigeren Werte bei der finanziellen Situation bedeuten immer noch für jede und jeden Fünften extreme Belastung“, sagt Hövermann. „Sowohl die Anpassung von Arbeitsprozessen als auch der Schutz vor wirtschaftlichem Abstieg scheinen in vielen Fällen zu funktionieren. Doch aus Sicht eines guten Teils der Befragten ist das Eis dünn, der Stress groß“, interpretiert der Forscher die Entwicklung.

Besonders stark gingen die Belastungswerte bei der Einschätzung der Gesamtsituation wieder nach oben – auf 40 Prozent, während es im November 2020 34 Prozent waren. Frauen wiesen Ende Januar dieses Jahres mit 45 Prozent einen besonders hohen Belastungswert auf, bei Männern waren es 36 Prozent. Vor allem Eltern berichten von einer Verschärfung: Der Anteil der stark oder äußerst belasteten Befragten schoss in dieser Gruppe zwischen November und Januar von 27 auf 46 Prozent in die Höhe. Zugleich beurteilten 49 Prozent der Eltern ihre Gesamtsituation als stark oder äußerst belastend, während es unter den Befragten ohne Kinder 38 Prozent waren. Mütter berichten besonders oft von großen Belastungen. Ende Januar stuften 54 Prozent von ihnen ihre Gesamtsituation und 51 Prozent ihre familiäre Situation als stark oder äußerst belastend ein. Unter den Vätern taten das 44 beziehungsweise 43 Prozent.

Dabei hängt die wahrgenommene Belastung auch stark mit der finanziellen Situation zusammen. Befragte mit niedrigeren Haushaltseinkommen berichteten deutlich häufiger von Belastungen als Befragte mit höheren Einkommen. Das gilt für alle abgefragten Belastungsdimensionen. Gerade in Familien mit niedrigeren Haushaltseinkommen ergeben sich Belastungsniveaus, die der Sozialforscher 2021 als „alarmierend hoch“ bezeichnet. So empfanden von den Eltern mit einem Haushaltseinkommen unter 2 600 Euro netto monatlich rund 60 Prozent ihre familiäre Situation und ihre Gesamtsituation als stark oder äußerst belastend – Hövermann zufolge ein weiteres Indiz für zunehmende soziale Ungleichheit.

Andreas Hövermann: Belastungswahrnehmung in der Corona-Pandemie, Erkenntnisse aus vier Wellen der HBS-Erwerbspersonenbefragung 2020/21, WSI Policy Brief Nr. 50, März 2021

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