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Preistägerin des Maria-Weber Grant 2019: Anne-Kristin Kuhnt Stipendien

: Anne-Kristin Kuhnt: Die versteckten Kosten der Reproduktionsmedizin

Ziehen sich Menschen aus ihrem sozialen Umfeld zurück, wenn sie auf künstliche Befruchtung setzen? Oder hoffen sie im Gegenteil auf besondere Unterstützung durch die Kernfamilie?

Die Reproduktionsmedizin ist in Deutschland eine Wachstumsbranche. Statistisch betrachtet, sagt Dr. Anne-Kristin Kuhnt, sitzt in jeder Schulklasse mit 30 Kindern bereits ein Junge oder ein Mädchen, das dank künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen ist – und es werden immer mehr.

„Dennoch wissen wir aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wenig über die Kosten, die mit einer reproduktionsmedizinischen Behandlung einhergehen“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am soziologischen Institut der Universität Duisburg-Essen. „Das gilt sowohl für die tatsächlichen Kosten einer Kinderwunschbehandlung als auch für die ‚versteckten’ Kosten im Bereich der persönlichen Beziehungen.“ Ziehen sich Menschen aus ihrem sozialen Umfeld zurück, wenn sie auf künstliche Befruchtung setzen? Oder hoffen sie im Gegenteil auf besondere Unterstützung durch die Kernfamilie?

Kuhnt, geboren 1982 in Rostock, hat an der Universität ihrer Geburtstadt und in Lund (Schweden) Demographie studiert. Schon in ihrer Doktorarbeit, 2015 von der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet, beschäftigte sie sich mit der Stabilität und Umsetzung von Kinderwünschen im Lebensverlauf. Mit ihren Untersuchungen zu den individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Nutzung von Reproduktionsmedizin knüpft sie daran an.

Doch das ist nur eines ihrer Forschungsgebiete. In einem zweiten untersucht Kuhnt die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland. „Unterschiede in der Bildungsbeteiligung und im Bildungserfolg sind für viele Bildungsetappen bereits ausführlich erforscht“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Über die für die weitere berufliche Platzierung so wichtige Hochschulphase weiß man dagegen noch wenig.“

Kuhnt will erforschen, ob es auch hier strukturelle Defizite gibt, die für Ungleichheiten in der gesellschaftlichen Teilhabe sorgen. Sie fragt aber auch nach der individuellen Wahrnehmung sozialer Einbindung – und ob sich da Unterschiede zwischen der Mehrheitsbevölkerung und Menschen mit Migrationshintergrund auftun. Denn auch das, meint sie, könne den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährden: „Gesellschaftliche Platzierung und soziale Einbindung sind zentral für individuelles gesellschaftliches Engagement.“

Die Gesellschaft mit ihrer Vielzahl an komplexen Prozessen fasziniert Kuhnt, wie sie sagt. „Vor allem erstaunt mich immer wieder, wie viel wir von dem, was wir täglich tun oder sehen, noch nicht hinterfragt haben.“ Diese Wissenslücken zu füllen, auch bei sich selbst, das sei, was sie antreibe.

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