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13.07.2016

Neues IMK-gefördertes Messinstrument

Wohlstand in Deutschland seit 1991 nur schwach gewachsen – gestiegene Ungleichheit hat massiv gebremst

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat zwischen 1991 und 2014 um gut 30 Prozent zugelegt. Der gesamtwirtschaftliche Wohlstand in der Bundesrepublik lag 2014 hingegen nur gut 4 Prozent höher als 1991. Dieses Ergebnis erbringen Berechnungen mit dem „Nationalen Wohlfahrtsindex 2016“ (NWI 2016), den ein Wissenschaftlerteam um Prof. Dr. Hans Diefenbacher (Institut für Interdisziplinäre Forschung (FEST) Heidelberg) im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung aktualisiert hat. Hauptgrund für das relativ schwache Abschneiden bei der Wohlfahrtsentwicklung ist nach Analyse der Forscher der deutliche Anstieg der Einkommensungleichheit vor allem in den 2000er Jahren.

Der NWI hat das Ziel, Lücken zu schließen und Widersprüche aufzulösen, die sich bei der klassischen Methode der Wohlstandsmessung allein über das BIP ergeben. So kritisieren viele Experten, dass das Inlandsprodukt weder die Verteilung der Einkommen noch Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen angemessen erfasst. Beispielsweise steigern Sanierungsarbeiten, mit denen eine Umweltverschmutzung beseitigt wird, in vollem Umfang das BIP. „Dieser Teil des Wachstums kann jedoch eher als ‚Leerlaufwachstum‘ bezeichnet werden, jedenfalls trägt er nicht zu einer wirklichen Wohlfahrtssteigerung bei“, schreiben Diefenbacher und seine Forscherkollegen Benjamin Held (FEST), Dorothee Rodenhäuser (FEST) und Roland Zieschank (FU Berlin).

20 Indikatoren von Konsum über Ungleichheit bis Luftverschmutzung. Die Wissenschaftler erheben insgesamt 20 Komponenten, um ein realistischeres Bild der Wohlfahrtsentwicklung zu erhalten. Zu den wichtigsten zählt der private Konsum, der mit dem so genannten Gini-Index gewichtet wird. Dieser Index zeigt an, wie gleich oder ungleich die Einkommen in einem Land verteilt sind. Wird die Verteilung ausgeglichener, gibt das Pluspunkte beim Konsum, ansonsten führt es zu einem Abzug. Das begründen die Forscher nicht moralisch, sondern ökonomisch: Wenn zusätzliche Einkommen Menschen mit geringeren Einkommen zufließen, stiften sie dort einen höheren „Grenznutzen des Konsums“ als bei Reichen, bei deren Einkommen der gleiche absolute Zuwachs kaum ins Gewicht fällt. Und die ihre Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen schon weitaus besser decken konnten.

Darüber hinaus erfasst der NWI unter anderem auch die Wertschöpfung durch Hausarbeit und ehrenamtliche Tätigkeiten sowie einen Teil der öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Bildung als wohlfahrtsstiftend. Von der Bilanz abgezogen werden dagegen etwa Aufwendungen zur Kompensation von Umweltbelastungen, Kosten für nicht erneuerbare Energieträger, Schäden durch Luftverschmutzung, Treibhausgase oder Lärmbelästigung sowie Kosten, die durch Kriminalität und Verkehrsunfälle entstehen. Auf diese Weise haben die Forscher in ihre Berechnung einen Korrekturfaktor eingebaut, um die „Schattenseiten“ des grundsätzlich positiv gewerteten Konsums zu erfassen.

Im Vergleich zu Vorläuferversionen, die Diefenbacher und Kollegen unter anderem mit Unterstützung des Bundesumweltministeriums entwickelt haben, ist der IMK-geförderte NWI 2016 deutlich aktueller geworden. Das liegt vor allem daran, dass die Forscher einen Weg gefunden haben, den Gini-Wert rascher verlässlich zu schätzen. Daher kann der Index erstmals einen vorläufigen Wert für das abgeschlossene Jahr 2014 liefern. Die älteren Versionen hatten noch eine Vorlaufzeit von mindestens zwei Jahren.

Schere öffnet sich ab der Jahrtausendwende. Für den Zeitraum von 1991 bis 2014 identifizieren die Forscher drei Phasen der Wohlfahrtsentwicklung:

Zwischen 1991 und 1999 steigen BIP und NWI im Gleichklang – um durchschnittlich etwa 1,5 Prozent im Jahr. Den moderat positiven Trend bei der Wohlfahrtssteigerung erklären die Wissenschaftler mit zwei Entwicklungen: Erstens stiegen die privaten Konsumausgaben spürbar, während die Einkommensungleichheit nicht zunahm. Zweitens gingen die Kosten der Umweltverschmutzung deutlich zurück. Allerdings trug dazu neben technischem Fortschritt auch der Zusammenbruch der Industrie in Ostdeutschland bei. Die dadurch verursachte massive Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern führte zwar nicht zu Einbrüchen beim Konsum, sie dämpfte die Wohlfahrtsentwicklung aber vor allem zwischen 1991 und 1994, wie die Forscher anhand einer statistischen Abschätzung zeigen.

Von 1999 bis 2005 reduziert sich das BIP-Wachstum spürbar auf durchschnittlich ein Prozent. Noch deutlich stärker schlug die Krise nach dem Platzen der Internet-Blase aber auf die im NWI gemessene Wohlfahrtsentwicklung durch. In Jahren hoher Arbeitslosigkeit und stagnierender Löhne wuchs die Einkommensungleichheit spürbar an, was die nur noch geringfügige Steigerung der Konsumausgaben überlagerte. Der Wert des Gini-Koeffizienten stieg von 0,25 auf 0,29 – eine in diesem kurzen Zeitraum auch im internationalen Vergleich ungewöhnlich starke Zunahme der Ungleichheit. Die Umweltbelastung sank zwar weiter, doch viel zu schwach, um den Negativ-Trend zu stoppen. Unter dem Strich sank der NWI in diesem Zeitraum im Jahresmittel um 1,5 Prozent.

In der dritten Phase, zwischen 2005 und 2013, beschleunigte sich das BIP-Wachstum wieder auf jahresdurchschnittlich 1,4 Prozent. Die Wohlfahrtsentwicklung nach dem NWI sank nicht weiter, sie stagnierte aber weitgehend. Das liegt vor allem daran, dass der Konsum lediglich moderat wuchs, während das im NWI mitgemessene Volumen der Hausarbeit zurückging. Die Umweltparameter verbesserten sich geringfügig. Recht positiv fiel die Wohlfahrtsbilanz für 2009 aus. Im Jahr der Finanz- und Wirtschaftskrise brach zwar das BIP massiv ein, der Konsum ging jedoch nur minimal zurück. Damit schlägt sich der Erfolg der damaligen Antikrisenstrategie aus Konjunkturstimulierung, Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzung, die vor allem in mitbestimmten großen Industriebetrieben umgesetzt wurde, im NWI nieder.

Insgesamt zeige der alternative Wohlfahrtsindex ein deutlich differenzierteres Bild als das BIP, betonen Diefenbacher und seine Forscherkollegen: „Erst wurde es besser, dann wieder schlechter, momentan stagniert der Wert auf dem Niveau der frühen 1990er Jahre.“ Einen Lichtblick biete möglicherweise das aktuellste Jahr der Auswertung, 2014: Während das BIP um 1,6 Prozent wuchs, legte der NWI um 2,2 Prozent zu. Nach Analyse der Forscher hatte das wiederum zwei Gründe: Eine solide Entwicklung beim Konsum und niedrigere Kosten für nicht erneuerbare Energieträger, weil der Verbrauch von Heizenergie gesunken ist. Ob sich der positive vorläufige Eindruck bestätigen wird, sei aber noch nicht ganz sicher: Eine von zwei Datenquellen zur Verteilungsentwicklung, das sozio-oekonomische Panel (SOEP) hat noch keinen Gini-Wert für 2014 geliefert. In den beiden Jahren zuvor hatte das SOEP eine steigende Ungleichheit signalisiert.

Weitere Informationen:

Hans Diefenbacher, Benjamin Held, Dorothee Rodenhäuser, Roland Zieschank: Wohlfahrtsmessung „Beyond GDP“ – Der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI 2016) (pdf). IMK Studies Nr. 48, Juli 2016.

Kontakt:

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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