Global Labour University

Lernort für die globale Gewerkschaft

Seit zehn Jahren ist sie für Gewerkschafter ein Ort, global denken zu lernen. An Studienorten wie etwa Pennsylvania, Johannesburg und Kassel. Allerdings sind Deutsche unter den Kurzstudenten immer noch eine Seltenheit. Von Jörn Boewe und Johannes Schulten


Vielleicht ist es das, was sich die Organisatoren der Global Labour University vorstellen, wenn sie von einem globalen Dialog auf Augenhöhe sprechen: Neil Coleman, südafrikanischer Gewerkschafter, aktiv in der Anti-Apartheid-Bewegung, Mitglied der Forschungsabteilung des Dachverbandes COSATU, hemdsärmelig, referiert über Probleme der Tarifpolitik in Südafrika. Und darüber, wie sein Land von Brasilien lernen kann: von der dortigen Mindestlohnpolitik, der Formalisierung des Arbeitsmarktes und der Rolle der brasilianischen Gewerkschaften. Ihm lauschen knapp 120 Leute aus Botswana, Indien, China, England oder Deutschland. Die meisten von ihnen sind aktive Gewerkschafter oder gewerkschaftsnahe Wissenschaftler. Prekäre Beschäftigung, fehlende oder zu niedrige Mindestlöhne – das sind auch ihre Probleme. 

Globaler Dialog auf Augenhöhe und keine schlichte Übertragung europäischer Lösungen für den globalen Süden – das war der Anspruch, als die Global Labour University, kurz GLU, auf Initiative der Internationalen Arbeitsorganisation, der ILO, gegründet wurde. Zehn Jahre ist das inzwischen her. „Eine Zeit mit vielen spannenden Begegnungen und Diskussionen“, sagt Frank Hoffer. Hoffer, der die GLU im Auftrag der ILO koordiniert, war von Anfang an dabei. 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus fast 60 Ländern haben das durch die Hans-Böckler- und die Friedrich-Ebert-Stiftung unter- stützte Studium inzwischen abgeschlossen. „Besonders freut mich, dass der Großteil von ihnen der Gewerkschaftsbewegung treu geblieben ist“, sagt er. 

VOM SÜDEN LERNEN

Es ist Freitag, der 16. Mai, in Berlin-Schöneberg. Der Hörsaal B 101 der Hochschule für Wirtschaft und Recht ist brechend voll. Die Global Labour University feiert ihr Jubiläum mit einer großen Konferenz. Gut 250 Besucher aus mindestens 20 Ländern sind zu der dreitägigen Veranstaltung gekommen, um in zahlreichen Workshops über soziale Ungleichheit und deren Bekämpfung zu diskutieren. 

Ein globaler Dialog, so Hoffer, erfordert aber auch, dass Europa in den Süden schaut – schon im eigenen Interesse: „Es ist eine Illusion, zu glauben, wir könnten in Deutschland unser Modell der industriellen Beziehungen unverändert aufrechterhalten, wenn gleichzeitig Arbeitnehmerrechte in anderen Ländern demontiert werden.“ Auch wenn sich die Rahmenbedingungen durchaus verbessert haben. Damals wurde die EU zur treibenden Kraft neoliberaler Reformen. Heute sei diese neoliberale Hegemonie eingeschränkt und sieht der ILO-Experte ein „window of opportunity“ für soziale Reformen im globalen Süden, mitgetragen von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. So habe die brasilianische Arbeiterpartei (PT), unterstützt von der Gewerkschaftszentrale CUT, das Land fundamental verändert. Und so sei in Südafrika mit dem Gewerkschaftsverband COSATU ein zentraler Garant für die demokratische Transformation der Gesellschaft entstanden. Und in Indien haben Frauen eine Gewerkschaft von Arbeiterinnen in der informellen Wirtschaft mit fast zwei Millionen Mitgliedern aufgebaut. Das sei einzigartig in der Welt, sagt Hoffer. „Davon können und müssen wir im Norden lernen“, dafür brauche man einen Rahmen. 

Diesen Rahmen will die GLU stellen. Kern ist das einjährige Masterstudium an fünf Standorten mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten. In Deutschland bietet die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht gemeinsam mit der Universität Kassel den Studiengang „Labour Policies and Globalization“ an, einen Schwerpunkt für Makroökonomie und Globalisierungsforschung. In Südafrika legt der Partner, die University of the Witwatersrand in Johannesburg, ihren Fokus auf „Labour and Development“. Während sich die staatliche Universität von Campinas, Brasilien, mit der Rolle multinationaler Konzerne in der Globalisierung beschäftigt. Und am Tata Institute of Social Sciences in Mumbai, Indien, wird zur informellen Beschäftigung in der Weltwirtschaft geforscht. Während jetzt im Herbst der fünfte Studiengang „Labour and Global Workers’ Rights“ an der Pennsylvania State University, USA, beginnt. Darüber hinaus haben die Studierenden die Möglichkeit, durch Praktika in Organisationen wie der ILO, der internationalen Abteilung des DGB, anderer Gewerkschaften oder der Hans-Böckler-Stiftung wichtige Praxiserfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Die GLU zielt nicht nur auf den gewerkschaftlichen und wissenschaftlichen Nachwuchs ab, sondern ebenso auf gestandene Funktionäre. „Auch vielen erfahrenen Gewerkschaftssekretären mangelt es oft an einem Verständnis für Lohnbildungsprozesse oder andere makroökonomische Zusammenhänge“, sagt Hansjörg Herr, Professor für supranationale Wirtschaftsintegration an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Auch da könne man viel vom Süden lernen. „Etwa wie die brasilianischen Kollegen erfolgreiche Mindestlohnstrategien entwickelt haben, um die Lohnspreizung zu verringern, und damit zugleich ihre eigene Machtbasis gefestigt haben.“

GLU-ABSOLVENTEN

Der avisierte Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis ist allerdings nicht immer einfach. „Bei uns auf den Philippinen gab es lange Zeit eine Barriere zwischen Gewerkschaften und Wissenschaft“, erzählt Verna Dinah Viajar, die in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit auf den Philippinen tätig ist. Sie gehört zur GLU-Abschlussklasse von 2004 und ist zur Konferenz nach Berlin gekommen. Diese Distanz habe in erster Linie mit dem mangelnden Interesse der Gewerkschaften zu tun gehabt. Doch auch die Wissenschaft trage ihren Anteil, „weil sie sich nicht mit unseren Themen beschäftigt hat“, so Viajar. Die GLU sei daher eine „Riesenchance“ gewesen, diese Art von praxisnaher Wissenschaft zu lernen. Nach ihrer Rückkehr beteiligte sich Viajar an der Gründung des „Research Department“ bei einem gewerkschaftlichen Bildungsträger. Heute erstellt sie Branchenanalysen und Statistiken als Grundlage für Kollektivverhandlungen. 

Auch Jô Portilho hat die Global Labour University weitergebracht. Die Aktivistin in der brasilianischen Bankengewerkschaft CONTRAF gibt heute für den Gewerkschaftsdachverband CUT Kurse zu internationaler Gewerkschaftsarbeit.

Während das Programm international sehr beliebt ist, würde man sich allerdings über mehr Bewerbungen aus Deutschland freuen. „Die GLU wird noch zu wenig von der deutschen Gewerkschaftsbewegung genutzt“, sagt Christoph Scherrer, Professor an der Universität Kassel. Zumal „bei Sekretären der DGB-Gewerkschaften und Betriebsräten besteht ein großen Nachholbedarf an internationaler Kompetenz“. 

Daher entwickelt die GLU zur Zeit einen Onlinekurs, der auf Betriebsräte und gewerkschaftliche Funktionäre mit wenig Zeit zugeschnitten ist. Viele deutsche Gewerkschaften verzichten ungern für ein ganzes Jahr auf ihre hauptamtlichen Mitarbeiter, auch Betriebsräte aus international agierenden Unternehmen haben selten die Möglichkeit, sich für ein Jahr freistellen zu lassen. Für Scherrer geht damit enorm viel Potenzial verloren. Denn mehr denn je sei in der aktuellen Finanzkrise ein internationaler Austausch wichtig. „Eines der großen Probleme der Krise ist, dass die Gewerkschaften zu wenig kooperieren“, sagt er. Mit ihrem Alumni-Netzwerk, internationalen Konferenzen oder dem Debattenmagazin „Global Labour Columns“ bietet die GLU eine Plattform, sich über die verschiedenen Blickwinkel auf die Krise auszutauschen. 

Frank Zach, 53, ist einer der wenigen deutschen Gewerkschafter, die einen Studiengang an der Global Labour University abgeschlossen haben. Und er hat es nicht bereut – wenn auch gewisse Berührungsängste da waren, wie er eingesteht – gerade was die notwendigen Englischkenntnisse betrifft. „Den letzten Englischunterricht hatte ich in der Realschule.“ Als er erstmals von der GLU hörte, war er beim DGB Baden-Württemberg für Arbeitsmarktpolitik zuständig. „Ich habe ein paar Sprachkurse gemacht und mich dann getraut, mich zu bewerben.“ Heute ist Zach in der internationalen Abteilung beim DGB-Bundesvorstand in Berlin tätig und kümmert sich auch um Kontakte­ zu Gewerkschaftern weltweit. Dabei hilft ihm das Netzwerk natürlich. Trotzdem ist die GLU für Zach keine Ausbildungsstätte für internationale Sekretäre, sondern „ein Ort, global denken zu lernen“. 

Was auch den Blick auf die eigene Arbeit verändere: etwa wenn man bei der Mitgliederwerbung mitbedenkt, dass „jedes neue Mitglied in Deutschland den internationalen Organisationsgrad steigert“, sagt Zach.


Stipendien und Anschubfinanzierung: Böckler fördert GLU-Studenten

Die Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung ermuntert ihre Stipendiatinnen und Stipendiaten, an der Global Labour University zu studieren. Etwa wenn sie nach ihrem Bachelor an mindestens zwei von fünf internationalen Studienorten der GLU ihren Masters machen wollen – z.B. in Kassel, Mumbai oder Johannesburg. Die Förderung läuft dann über zwei Semester, das Stipendium beträgt bis zu 1000 Euro plus Auslandszulage. Außerdem fördert die Böckler-Stiftung vier Stipendien von internationalen, externen Bewerbern, die an der GLU studieren wollen, berichtet Veronika Dehnen, die für die Betreuung der GLU-Stipendiaten zuständige Referatsleiterin. Seit 2005 hat die Hans-Böckler-Stiftung – zusammen mit der ILO, der FES, dem BMZ und dem DAAD – das Projekt der Global Labour University mit einer Anschubfinanzierung auf den Weg gebracht.


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