Böckler Impuls Ausgabe 10/2012

Bildung

Privatschulen boomen, Chancengleichheit leidet

Privatschulen werden immer beliebter, vor allem bei wohlhabenden Familien. Für die Chancengleichheit im Bildungssystem ist das problematisch.

Viel Wahlfreiheit sieht das deutsche Schulsystem im internationalen Vergleich nicht vor: Welche Grundschule Kinder besuchen, richtet sich oft nach dem Wohnort. Ob sie danach an ein Gymnasium wechseln können, ist in vielen Bundesländern von der Übergangsempfehlung der Lehrer abhängig. Der Sozialwissenschaftler Stephan Köppe von der University of St Andrews hat untersucht, wie Eltern mit den Vorgaben des Bildungssystems umgehen. Sein Ergebnis: Schlupflöcher werden zunehmend ausgenutzt. Vor allem höher gebildete und wohlhabende Eltern schicken ihre Kinder immer öfter auf Privatschulen.

Dass Eltern bisweilen mehr Wahlfreiheit ausüben als politisch beabsichtigt, sei bekannt, schreibt der Forscher. Um Kinder an der gewünschten Grundschule einzuschreiben, würden Sondergenehmigungen beantragt oder Scheinadressen benutzt. Viele Eltern bemühten sich zudem, Lehrerempfehlungen zur weiterführenden Schule zu umgehen. Dabei spielen private Anbieter, die sich ihre Schüler nach eigenen Regeln aussuchen können, eine wichtige Rolle: „Privatschulen sind eine Alternative für Eltern mit hohen Bildungsaspirationen, wenn der Zugang zu einem öffentlichen Gymnasium verwehrt wurde.“

Die amtliche Statistik belegt, dass sich Privatschulen in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreuen. Ihr Anteil an allen Schulen ist seit 1950 kontinuierlich gestiegen. Besonders private Gymnasien sind gefragt: Rund elf Prozent aller Gymnasiasten, neun Prozent der Realschüler und drei Prozent der Hauptschüler waren 2008 Privatschüler.

Um herauszufinden, welche Faktoren die Entscheidung für eine Privatschule beeinflussen, hat Köppe die Daten der PISA-Studie von 2009 ausgewertet. Neben weltanschaulichen Motiven, so das Ergebnis seiner Analyse, sind vor allem das elterliche Bildungsniveau und finanzielle Ressourcen ausschlaggebend. Wenn das Jahresbruttoeinkommen der Eltern 40.000 Euro übersteigt, nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder eine Privatschule besuchen, um 130 Prozent zu. „Zugespitzt lässt sich sagen: Die Wohlhabenden und Gebildeten wählen für ihre Kinder Privatschulen.“

Aus sozialpolitischer Sicht hält der Wissenschaftler dies für bedenklich: „Tendenziell führt das beobachtete Wahlverhalten zu einer sozialen Segregation der Schülerschaft und kann somit ohnehin vorhandene Ungleichheiten der Bildungschancen und -leistungen weiter verstärken. Die soziale Heterogenität der Schulen nimmt ab, was insbesondere die Aufstiegschancen der Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern verringert.“

Für die Zukunft hält Köppe drei politische Szenarien für möglich: Wenn die Politik nichts unternehme, dürfte die Abwanderung in den Privatschulsektor und damit die soziale Ungleichheit im Bildungssystem weiter zunehmen. Um das zu verhindern, könnten bestehende Schlupflöcher gestopft werden. Allerdings sieht der Wissenschaftler ein Problem bei der politischen Umsetzung: „Gerade die politisch einflussreichen höheren sozialen Schichten profitieren von den vorhandenen Wahlmöglichkeiten und könnten gegen diesen Reformpfad mobilisieren.“ Schließlich wäre es denkbar, dass Bildungspolitiker „dem wachsenden Druck“ nachgäben und mehr Auswahlmöglichkeiten im Schulsystem zu einem expliziten Ziel erhöben. Damit stünden sie allerdings vor der Aufgabe, einen „fairen institutionellen Rahmen zu ermöglichen“, betont der Wissenschaftler. „Die Anreizstrukturen für die Nutzer und die Anbieter müssten so gestaltet werden, dass segregierende Effekte geringer werden und Begabungen unabhängig von dem familiären Hintergrund gefördert werden.“ Als Beispiel nennt Köppe Rheinland-Pfalz, wo subventionierte Privatschulen keine Schulgebühren erheben dürfen. Dadurch falle eine erhebliche Zugangshürde für ärmere Familien weg.Zusammen mit einer Informationskampagne über die privaten und öffentlichen Wahloptionen würden so auch sozial und finanziell benachteiligte Eltern befähigt, eine autonome Schulwahl für ihre Kinder zu treffen.

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Quellen

Stephan Köppe: Wahlfreiheit und Nutzerrollen im deutschen Bildungssystem, in: WSI-Mitteilungen 3/2012.


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