Die Belegschaft kann zaubern

FORSCHUNGSFÖRDERUNG Eine Studie hat die Suche nach Managementalternativen im Kontext der "Besser-statt-billiger"-Praxis begleitet. Von Thomas Haipeter


THOMAS HAIPETER ist Leiter der Abteilung Arbeitszeit und Arbeitsorganisation am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen.

Besser statt billiger" ist inzwischen eine Art Markenzeichen der deutschen Gewerkschaften geworden. Der amerikanische Gewerkschaftsforscher Lowell Turner sieht in dieser Kampagne einen Impuls für die Revitalisierung der deutschen Gewerkschaften. Dabei sind die eigentlichen Adressaten der Kampagne die Betriebsräte; eine gewerkschaftliche Stärkung wäre demnach nur über den Umweg einer Stärkung der Betriebsräte in den betrieblichen Arbeitsbeziehungen zu erwarten.

Entstanden ist die Kampagne vor dem Hintergrund der schwierigen Lage, in der sich die IG Metall in der ersten Hälfte der 2000er Jahre befand. Tarifverträge galten als Beschäftigungshindernis und Gewerkschaften als Auslaufmodell, die damalige Bundesregierung drängte auf eine Öffnung der Flächentarifverträge, und nach Abschluss des Pforzheimer Tarifvertrages im Jahr 2004 machten die Arbeitgeber kampagnenartig Druck auf die Durchsetzung von Arbeitszeitverlängerungen ohne Entgeltausgleich.

Dies war die Geburtsstunde der Kampagne "Besser statt billiger" im Bezirk NRW der IG Metall. Oder besser des Slogans, denn die Idee einer auch organisatorisch unterstützten Kampagne war damit zunächst nicht verbunden. Der Slogan war in zweierlei Hinsicht neu für die Gewerkschaft: Er schuf ein inhaltliches Gegenargument zur Kostensenkungspropaganda der Standortdebatte, und er zielte betriebspolitisch auf die Interessenvertretungspraxis in den Betrieben. "Besser statt billiger" sollte das Motto für eine Infragestellung der herrschenden Unternehmensstrategien sein - und war damit eine "Maximalforderung der Gewerkschaften im Kapitalismus", wie uns Detlef Wetzel, der damalige NRW-Bezirksleiter und heutige IG-Metall-Vize, in einem Interview im Januar 2011 sagte.

ANSPRUCHSVOLLES PROGRAMM_ Dieses Programm war und ist freilich für Betriebsräte überaus anspruchsvoll weniger für solche großer Automobilbetriebe, die im täglichen Kampf um Produktionsverlagerungen gestählt sind und über ausreichende Ressourcen verfügen. Wohl aber für die große Zahl der Betriebsräte in kleinen und mittleren Betrieben. Deshalb war schnell klar, dass der Slogan organisatorisch unterlegt werden musste, um überhaupt in Betrieben Wirkung entfalten zu können. Von daher hat die IG Metall NRW die Kampagne in Form mehrerer, zeitlich aufeinanderfolgender Projekte entwickelt; zahlreiche Fälle guter Praxis wurden identifiziert und dokumentiert, Workshops für Betriebsräte durchgeführt zu Themen, die auf den Nägeln brannten und vielfach von Betriebsräten selbst vorgeschlagen worden waren. Dazu wurden Branchenreports und Memoranden erarbeitet. Für einzelne Betriebe, die große Probleme hatten, wurden Betriebsratsberater (darunter auch wissenschaftliche Experten) angeheuert. Gleichzeitig hat die NRW-IG-Metall ein Beraternetzwerk aufgebaut und branchenspezifisch gefördert, dass sich auch Betriebsräte gegenseitig beraten.

Zu Beginn der Kampagne 2005/2006 benannte ein IG-Metall-Team Erfolgsbeispiele einer "Besser"-Praxis und stellte sie auf Workshops und im Internet vor. Das war von großer Bedeutung, weil man an eine Praxis anknüpfen konnte, die zumindest in einzelnen Betrieben bereits existierte. Im Verlauf der Kampagne gelang es, "Besser statt billiger" als Mitbestimmungspraxis im Bezirk NRW zu verbreiten. 19 der 43 Verwaltungsstellen der IG Metall im Bezirk gaben in unserer Umfrage an, dass bei ihnen in 137 Betrieben "Besser statt billiger" eine Rolle gespielt hat, damit wurden zehn Prozent aller tarifgebundenen Betriebe des Bezirks erreicht. Die Ausgangslage in diesen Betrieben war durch Defensivkonstellationen geprägt, in denen Betriebsräte auf Forderungen nach Tarifabweichungen, Aus- und Verlagerungsdrohungen oder Rationalisierungsstrategien reagieren mussten.

BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHE ARGUMENTATION_ Was ist konkret unter der "Besser"-Praxis der Betriebsräte zu verstehen? Der wesentliche Punkt in der Mitbestimmungspraxis jener 16 Betriebe und Betriebsratsgremien, die wir untersucht haben, ist: Sie stellen Managementstrategien und -entscheidungen in Frage. Das klingt erst mal wenig aufregend und ist wohl gängige Praxis jeder wirksamen Mitbestimmung im Betrieb. Doch der Clou der "Besser"-Praxis der Betriebsräte besteht darin, dass die Managemententscheidungen in erster Linie mit betriebswirtschaftlich begründeten Argumenten kritisiert werden und nicht primär auf die sozialen Folgen abgehoben wird. Auf diese Weise können die Betriebsräte die vermeintlichen Sachzwänge wirkungsvoll hinterfragen, mit denen das Management seine Drohszenarien in der Regel verknüpft.

So war bei dem westfälischen Elektrounternehmen Miele bereits entschieden und in einem Interessenausgleich festgeschrieben worden, dass ein Fertigungsbereich des Konzerns fremd vergeben wird. Dies konnte jedoch durch unabhängige Beratung von Sozial- und Betriebswirtschaftlern in Frage gestellt und revidiert werden (siehe Bericht der Miele-Betriebsräte Seite 42). Dazu müssen die Betriebsräte kein ausgearbeitetes Alternativkonzept in der Tasche haben, freilich benötigen sie betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, um Schwachstellen in den Managementstrategien zumindest grob ausmachen zu können.

Wichtig dabei ist auch, dass die Betriebsräte ihre Kompetenzen durch Unterstützung von außen stärken können. Sei es durch die Gewerkschaft, die Anfragen des Managements hinsichtlich Tarifabweichungen betriebswirtschaftlich prüfen lässt. Oder sei es durch gewerkschaftsnahe Berater, die sie im Betrieb unterstützen. Zahlreiche Betriebsräte betonten, dass die Berater ihnen inhaltlich bei der Erarbeitung von Alternativen sehr geholfen und auch ihre Stellung in den Verhandlungen mit dem Management verbessert haben. Die Berater hätten auf der Grundlage anerkannter fachlicher Kompetenz "Augenhöhe" zum Management geschaffen, sagten diese Betriebsräte.

Co-Manager sind die Betriebsräte dadurch nach eigener Einschätzung nicht geworden. Sie sind vielmehr vorausschauend-aktive Interessenvertreter, deren Mitbestimmungsanspruch sich nicht mehr darauf beschränkt, die sozialen Folgen von Managemententscheidungen zu bearbeiten. Vielmehr wollen sie Einfluss auf die Entscheidungen nehmen - und dies mit betriebswirtschaftlichen Argumenten unterlegen Die Dynamik der Auseinandersetzungen hängt dann entscheidend von der Tradition der Arbeitsbeziehungen in den Betrieben ab: Wo diese zuvor eher vertrauensvoll waren, tragen die Verhandlungen kooperative Züge. Wo bereits Konfliktlagen vorherrschten, müssen die Betriebsräte auch ihre "Besser"-Strategien im Konflikt durchzusetzen versuchen.

Von zentraler Bedeutung für die "Besser"-Praxis ist die Beteiligung der Beschäftigten. Bei Verbesserungsprozessen und der Erarbeitung von Alternativkonzepten wurden einzelne Beschäftigte einbezogen wie auch bestimmte Beschäftigtengruppen wie etwa Ingenieure befragt. Vor allem hierauf beruht die Konkurrenzfähigkeit alternativer Konzepte der Betriebsräte. Die Betriebsräte können etwas tun, was das Management wegen seiner geringeren Nähe zu den Beschäftigten so nicht tun will oder kann, nämlich die Beschäftigten als fachliche Experten ihrer Arbeit nach ihrer Meinung zu fragen und einzubeziehen. "Wir können nicht zaubern, aber die Belegschaft kann es. Die Belegschaft weiß sehr viel, manchmal ist sie sich gar nicht darüber im Klaren, was sie alles weiß", sagte ein Berater, der bei einem Automobilzulieferer aktiv war. In diesem Unternehmen konnten Betriebsrat und Berater mithilfe der Beschäftigten Produktivitätspotenziale nachweisen und so einen Fertigungsbereich vor der Verlagerung bewahren. Ein positiver Nebeneffekt der Beschäftigten-Beteiligung besteht darin, dass die Beschäftigten die von ihnen gemachten Vorschläge auch voll mittragen und die Legitimation des Betriebsrates bei den Beschäftigten gestärkt wird.

WAS BRINGT DAS DER GEWERKSCHAFT?_ Für die vorausschauend-aktive Praxis der Arbeitnehmer-Interessenvertretung ist "Besser statt billiger" von großer Bedeutung. Die Kampagne hat fraglos diesen Gedanken verbreitet und organisatorisch flankiert. Doch welchen Wert hat "Besser statt billiger" für das Projekt der gewerkschaftlichen Revitalisierung? Hier sind unsere Befunde nicht eindeutig. Sicher lässt sich sagen, dass eine "Besser"-Praxis vielfach dort zur Mitgliedergewinnung führt, wo sie mit Tarifabweichungen verbunden ist. Dies liegt aber weniger an "Besser statt billiger" als vielmehr an der Beteiligung der Gewerkschaftsmitglieder bei der Wahl von Tarifkommissionen oder bei Entscheidungen über ein Verhandlungsergebnis.

Diese betriebsnahe Tarifpolitik wird von der IG Metall inzwischen standardmäßig praktiziert. Dabei konnten in einem der untersuchten Betriebe auf einen Schlag 200 Angestellte als neue Mitglieder gewonnen werden - dies in einem Angestelltenbetrieb, in dem vorher unter den 1000 Beschäftigten überhaupt nur 50 Gewerkschaftsmitglieder waren.

Ohne den Kontext der Tarifabweichung hat die "Besser"-Praxis der Betriebsräte jedoch keine unmittelbaren Organisationswirkungen für die Gewerkschaft. Hier ist zwar eine Stärkung der Betriebsräte, nicht aber der Gewerkschaft zu erkennen. Allerdings gibt es indirekte Wirkungen insbesondere dort, wo durch "Besser statt billiger" Angestellte als Experten angesprochen wurden, die traditionell nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Interessenvertretungen stehen, aber deren fachliche Expertise für die Erarbeitung von Alternativkonzepten von großer Bedeutung ist.

In einem der "Besser-Betriebe" konnte der Betriebsrat die Angestellten sogar zu einem Arbeitskampf mobilisieren. Auf diese Weise wird ein Interesse an kollektiver Interessenvertretung bei den Angestellten wachgerufen, das sich auch positiv auf die gewerkschaftliche Organisationsmacht auswirken kann - nicht als schneller Erfolg, sondern als Ergebnis mühevoller Kleinarbeit. Die Früchte dieser Kleinarbeit dürften schneller wachsen, wenn die Interessenvertretungen ihre "Besser"-Praxis stärker mit Mitgliederkampagnen verknüpfen würden, als dies bisher geschehen ist.

DIE STUDIE

Die Wirkungen der "Besser statt billiger"-Kampagne der IG Metall im Bezirk NRW hat Thomas Haipeter zusammen mit Antonio Brettschneider, Tabea Bromberg und Steffen Lehndorff in dem Forschungsprojekt "Rückenwind für die Betriebsräte? Eine Analyse betrieblicher Modernisierungskampagnen in der Metall- und Elektroindustrie" untersucht, das von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Das Projekt beinhaltet Experteninterviews mit Vordenkern und Praktikern der Kampagne, 16 Betriebsstudien und eine Befragung der Verwaltungsstellen des Bezirks. In den Betriebsstudien wurden jeweils Betriebsräte, gewerkschaftliche Betreuer sowie Berater und Managementvertreter interviewt. Der Bericht wird im Frühsommer 2011 in der edition sigma erscheinen.


Zusatzinfos

Behalten statt fremd vergeben (pdf) - Miele-Betriebsräte berichten von einem von der IG Metall angeregten Beratungprozess


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