Böckler Impuls Ausgabe 10/2008

Gesundheit

Sicherer Job, hohe Lebenserwartung

Wer in bescheideneren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen lebt, stirbt im Durchschnitt früher als besser Gestellte. Das belegt eine Studie nun erstmalig auf einer sehr breiten Datenbasis für Männer. Die längste Lebenserwartung haben Beamte im höheren Dienst.

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. 65-jährige Männer haben beispielsweise im Durchschnitt rund 16 weitere Jahre vor sich, Tendenz bislang steigend. Doch jenseits des statistischen Mittels sind die Chancen, den 80. Geburtstag zu erleben, unterschiedlich verteilt: Männer, die ein höheres Lebensarbeitseinkommen hatten und daher höhere Bezüge aus der Altersversorgung erhalten, leben um bis zu fünf Jahre länger als Männer mit niedrigerem Einkommen. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern des Forschungsdatenzentrums der Rentenversicherung (FDZ-RV) in Berlin und des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels.

Die Wissenschaftler nutzten anonymisierte Datensätze der Deutschen Rentenversicherung und des Statistischen Bundesamtes. Ihre Untersuchung beschränkt sich auf Männer. Grund: Ältere Frauen, vor allem in den alten Bundesländern, waren kaum langjährig erwerbstätig, weshalb ihre Arbeitseinkünfte und ihre Sterblichkeiten keinen aussagekräftigen Zusammenhang aufweisen. Die Differenzen bei der ferneren Lebenserwartung sind deutlich. Bei 65-jährigen Männern reicht die Spanne von 14,6 Jahren unter Rentnern mit geringerem Einkommen bis zu 19,6 Jahren bei pensionierten Beamten des höheren Dienstes. Insgesamt leben Pensionäre im Durchschnitt zwei Jahre länger als Rentner.

Die Forscher führen die soziale Ungleichheit bei der Lebenserwartung, die auch in anderen europäischen Ländern beobachtet wird, auf verschiedene Ursachen zurück. So haben Personen mit höherem Lebenseinkommen oder höherer Laufbahn eher in Berufen gearbeitet, die körperlich nicht so stark belasten. Sie hatten auch seltener mit existenziellen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, was sich wiederum positiv auf Lebenszufriedenheit und Gesundheitsbewusstsein auswirke. Beispielsweise setzten sich Menschen, "deren Lebensstandard dauerhaft gesichert ist, eher mit einer gesunden Lebensführung auseinander und nutzen (Weiter-) Bildungsangebote stärker als Personen, deren vordringlichstes Problem etwa drohende Arbeitslosigkeit oder die Zahlung der nächsten Miete ist", schreiben die Wissenschaftler. Zudem hätten besser gestellte Personen eher das notwendige Geld, um zusätzliche Gesundheits- und Altersvorsorgeprodukte zu finanzieren.

Diese positiven Einflüsse wirken sich nach der Analyse unter Beamten und Pensionären besonders stark aus. "Hohe Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit" ermöglichten einen "planbaren Lebensverlauf", der grundsätzlich gesundheitsförderlich wirke. Darüber hinaus sehen die Wissenschaftler aber noch zwei weitere Faktoren: Die bei Beamten wie Pensionären verbreitete private Krankenversicherung verbessere die medizinische Versorgung. Auf der anderen Seite beeinflusse auch die obligatorische Gesundheitsprüfung vor der Übernahme ins Beamtenverhältnis die statistische Lebenserwartung: So gelangen von vornherein nur tendenziell gesündere Bewerber in den Staatsdienst.

Dass die Unterschiede zwischen pensionierten Beamten größer ausfallen als unter Rentern, erklären die Forscher mit der geringeren Durchlässigkeit zwischen den Laufbahngruppen. So sei eine akademische Ausbildung Voraussetzung für den Zugang zum höheren Dienst. Anders bei gesetzlich Rentenversicherten: Hier finden sich in der Gruppe mit relativ hohem Lebensarbeitseinkommen beispielsweise auch Akkordarbeiter, die jahrelang eine körperlich belastende Arbeit geleistet haben.

Allein zwischen 1999 und 2003 hat sich die Lebenserwartung 65-jähriger Männer um rund drei Monate erhöht, zeigen die Daten. Die Lücke zwischen den Lebenserwartungen verschiedener Einkommens- und Laufbahngruppen hat sich kaum verkleinert. Künftig dürften die Differenzen durch hohe Arbeitslosigkeit und Einschränkungen bei der gesetzlichen Alterssicherung und im Gesundheitswesen sogar eher größer werden, so die Forscher. In Deutschland gebe es bislang keine "umfassende politische Strategie", um dem Problem zu begegnen, dass Menschen in schlechteren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen im Verhältnis früher sterben. Damit liege die Bundesrepublik gegenüber anderen westeuropäischen Ländern zurück.


Quellen

Ralf K. Himmelreicher, Daniela Sewöster, Rembrandt Scholz, Anne Schulz: Die fernere Lebenserwartung von Rentnern und Pensionären im Vergleich (pdf), in: WSI-Mitteilungen 5/2008 


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