Böckler Impuls Ausgabe 13/2007

Kinderbetreuung

Die Kita von acht bis fünf passt nicht für alle

Die Betreuungsangebote für Kinder sollen ausgebaut werden. Doch mit mehr Plätzen allein ist es nicht getan: Eltern mit unregelmäßigen Arbeitszeiten benötigen auch flexible Angebote.

Am frühen Morgen sieht es schlecht aus, auch nach 17 Uhr und am Wochenende. Eltern, die außerhalb der Standardzeiten arbeiten, vermissen gerade dann bezahlbare Betreuungsangebote für ihre Kinder. Weil zunehmend mehr Beschäftigte zu ungewöhnlichen Zeiten arbeiten, verschiebt sich ein Teil der Nachfrage nach Kinderbetreuung. Darauf weisen Michaela Schier vom Deutschen Jugendinstitut und Peggy Szymenderski von der TU Chemnitz hin. Die Forscherinnen haben Intensivinterviews mit 76 Müttern und Vätern aus Leipzig und München geführt, die in Branchen mit besonders unregelmäßigen Arbeitszeiten tätig sind - im Einzelhandel sowie in der Fernseh- und Filmproduktion. Ein Ergebnis ihrer Studie: Die öffentlichen Kindertagesstätten sind bislang nicht ausreichend auf den neuen Bedarf eingestellt. Auch im Osten, wo Ganztagsstätten die Regel sind, fehlt es an Flexibilität. Das Forschungsprojekt "Entgrenzte Arbeit - Entgrenzte Familie" wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Flexible Arbeitszeiten sind in der Medienbranche wie bei eher einfachen Dienstleistungen weit verbreitet. Die untersuchten Branchen Einzelhandel und Film "stehen exemplarisch für flexibilisierte Erwerbsbedingungen im städtischen Umfeld, die einen äußerst differenzierten Bedarf an Kinderbetreuungsangeboten bedingen", schreiben die Autorinnen. Filme entstehen projektweise. Während eines Projektes sind lange Arbeitstage die Regel, oft mit offenem Ende, Wochenend- und Nachtarbeit. Und auch die im Einzelhandel verbreitete hochflexible Teilzeit-Erwerbstätigkeit entspricht nicht mehr der klassischen Halbtagsarbeit am Vormittag, auf die viele Vormittags-Kita-Angebote gerade in Westdeutschland abgestimmt sind. "Die Arbeitszeit von in Teilzeit beschäftigten Müttern im Einzelhandel verteilt sich häufig jede Woche anders, ungleichmäßig über die Wochentage", beobachten Schier und Szymenderski. Der Samstag ist ein normaler Arbeitstag, doch Kitas und Schulen bleiben zu. Die Interviews wurden 2006 geführt, seitdem hat sich die Situation der Eltern nochmals verschärft, weil die meisten Bundesländer die Ladenöffnungszeiten rund um die Uhr freigegeben haben.
Atypische Arbeitszeiten erschweren auch gemeinsame Freizeitaktivitäten von Eltern mit ihren Kindern. Väter und Mütter mit sehr unregelmäßigen Arbeitszeiten haben oft dann frei, wenn ihre Kinder in der Schule oder in der Kindertagesstätte sind. Sie möchten ihre Kinder dann nicht oder erst zu einer späteren Tageszeit in die Kita bringen. Das ist aber aufgrund starrer Bringzeiten und unflexibler pädagogischer Module kaum möglich und kann sogar den Anspruch auf einen Betreuungsplatz gefährden.

Atypischer Betreuungsbedarf. "Gerade die Spitzenzeiten im Einzelhandel, wie zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr sowie Brückentage, fallen häufig mit Schließ- und Ferienzeiten in Schulen und Kitas zusammen", so Schier und Szymenderski. Und Filmteams drehen vor allem in den Sommerferien. Für die befragten Eltern heißt das, dass sie in diesen Phasen handfeste Betreuungsprobleme zu lösen haben. Als Ersatz müssen sie ein sehr flexibles Betreuungsnetz spannen, um spontan Lösungen für ihre Kinder auf die Beine zu stellen. Das Gros ist dabei auf die Hilfe von Verwandten, Freundinnen, älteren Kindern oder Nachbarinnen angewiesen. "Nur wenige der befragten Eltern können aus finanziellen Gründen auf bezahlte private Betreuungskräfte wie Tages­eltern, Au-pair-Kräfte, Kinderfrauen zurückgreifen", so die Studie.

Flexible Betreuung, aber bezahlbar. Mütter und Väter mit flexiblen Arbeitszeiten wünschen sich eine ebenso flexible Kinderbetreuung, zugleich möchten sie nicht auf Qualität verzichten. Viele der befragten Eltern betonen das Bedürfnis ihrer Kinder nach einem Alltag, der den kindlichen Zeitrhythmen entspricht, und nach einer hohen Kontinuität des Betreuungspersonals. Neben den starren Belegungskonzepten erweisen sich die pauschalen Beitragsmodelle als Hindernis, berichten die Autorinnen der Studie. "Aufgrund fehlender Alternativen entscheiden sich manche der befragten Eltern dazu, teure Ganztagesplätze zu buchen, auch dann, wenn ihr zeitlicher Bedarf geringer ist", berichten die Autorinnen der Studie. Eine gute Lösung ist das nicht - Beschäftigte im Einzelhandel wie auch die meisten Filmschaffenden erzielen nur niedrige Einkommen; im Mediensektor kommt eine hohe Unsicherheit über künftige Aufträge hinzu.


Quellen

Michaela Schier, Peggy Szymenderski: Eltern in entgrenzter Erwerbsarbeit - differenzierte und flexible Betreuungsbedarfe. Teilergebnisse einer qualitativen Studie im Einzelhandel und in der Film- und Fernsehbranche. EntAF-Arbeitspapier, Nr. 2, München, Juli 2007. Arbeitspapier zum Download


zum Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe
zurück

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Diese Website benutzt Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Die Nutzung der Cookies können Sie in Ihren Browser-Einstellungen ändern. Wir benutzen außerdem Tracking-Cookies der Tracking-Tools Matomo und Webtrekk. Diese werden nur gesetzt, wenn Sie auf den „Einverstanden“-Button klicken. Solange Sie dies nicht tun, nutzen Sie die Website und Ihre Angebote, ohne dass die genannten Tracking-Tools aktiviert werden. Durch die Betätigung des Einverstanden-Buttons willigen Sie auch in das durch Facebook Insights getätigte Tracking auf der Facebook Fanpage der Hans-Böckler-Stiftung ein. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.


Einverstanden