'Lebensqualität statt Maßlosigkeit'

INTERVIEW Klaus Pickshaus, Gesundheitsexperte beim Vorstand der IG Metall, über psychische Belastungen als neues Top-Thema für Gewerkschaften und Betriebsräte


Das Gespräch führte GUNTRAM DOELFS/Foto: Frank Rumpenhorst

Seit Jahren gibt es einen rasanten Anstieg bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Reagieren die Arbeitnehmer auf den wachsenden Arbeitsdruck?
Alle ernst zu nehmenden Analysen der Krankenkassen und der Arbeitsmediziner zeigen, dass es in der Tat einen solchen Zusammenhang gibt.

Was sind die Ursachen für den krank machenden Dauerstress?
In den Unternehmen breiten sich neue Managementstrategien aus. Unter dem Druck finanzgesteuerter Modelle werden unrealistisch hohe Zielvorgaben an die Beschäftigten weitergegeben, die zu einer chronischen Überforderung führen. Beschäftigte in Firmen mit hohem Arbeitsdruck beschreiben oft eine Situation, in der ihre Gesundheit an einem seidenen Faden hängt.
 
Welche Arbeitsformen sind besonders betroffen?
Wir haben eine sehr auffällige Zunahme bei der Leiharbeit. Dort sind die psychischen Belastungen und Erkrankungen höher als in anderen Bereichen. Die Unsicherheit des Beschäftigungsverhältnisses wirkt besonders belastend, wie unsere eigenen Erhebungen zeigen - der DGB-Index "Gute Arbeit". Daneben können wir über alle Beschäftigungssegmente hinweg so etwas wie eine radikalisierte Vernutzung der Arbeitskraft feststellen. Einige der daraus resultierenden Erkrankungsformen wie das Burnout-Syndrom sind noch nicht einmal anerkannte Berufskrankheiten, obwohl sie typisch für das 21. Jahrhundert werden könnten.

Welche Rolle können Betriebsräte und Gewerkschaften bei der Sicherung der Arbeitsqualität spielen?
Die Gewerkschaften treten als Alternative zu einer Ökonomie der Maßlosigkeit für einen neuen Entwicklungspfad ein, der auf Nachhaltigkeit, Prävention und Qualität der Arbeit setzt. Besonders der durch Restrukturierungsmaßnahmen ausgelöste Stress am Arbeitsplatz hat in einem unglaublichen Maße zugenommen. In Frankreich kam es sogar zu Verzweiflungstaten einzelner Beschäftigter. Wir alle kennen die Berichte über die Selbstmorde bei France Télécom. Es ist wichtig, in allen Phasen einer Restrukturierung auf die gesundheitlichen Folgen zu achten. Der Handlungsauftrag an die Betriebsräte ist offensichtlich.

Wie kann das gelingen? Nicht selten gehen Beschäftigte aus Angst vor Jobverlust sogar krank zur Arbeit.
Das stimmt. Aber aus Rückmeldungen unserer Betriebsräte und aus eigenen Befragungen gewinnen wir den Eindruck, dass trotz der Krise eine höhere Sensibilität der Beschäftigten gegenüber Gesundheitsthemen entstanden ist. In einer Beschäftigtenbefragung der IG Metall wurde an erster Stelle ein sicherer und fester Arbeitsplatz gewünscht - gleich danach folgt aber der Wunsch nach einer Arbeit, die nicht krank macht. Viele wissen, dass die Arbeitsfähigkeit bei Bewerbungen eine zentrale Rolle spielt. Wir machen auch eine neue Erfahrung mit der massenhaften Kurzarbeit: Einerseits führt diese zu schmerzhaften Einkommenseinbußen, andererseits sehen manche einen Zeitgewinn und damit mehr Lebensqualität im Vergleich zum häufigen Arbeiten ohne Ende vor der Krise. Wichtig wäre, dass es uns als Gewerkschaften gelingt, diese Erfahrungen aufzugreifen und sie als Gesichtspunkte für eine neue Arbeitszeitdebatte zu nutzen.

Warum ist das wichtig?
Es besteht immer die Gefahr, dass Beschäftigte arbeitsbedingte Gesundheitsstörungen oder Krankheitssymptome sich selbst zuschreiben. Dem kann man nur begegnen, wenn Gesundheit zu einem betriebsöffentlichen Thema gemacht wird. Dafür braucht man angstfreie Räume, um über Gefährdungen sprechen zu können. Nur so kann man auf Frühwarnsignale sensibel reagieren und präventiv eingreifen.

Was tut die IG Metall konkret?
Wir versuchen betrieblich und überbetrieblich Bündnispartner zu gewinnen. So hat die IG Metall mit dem Verband der Betriebs- und Werksärzte ein gemeinsames Positionspapier zum Thema psychische Gesundheit erarbeitet. Betriebsräte und Betriebsärzte sollten gemeinsam Präventionsmaßnahmen diskutieren und sich um diejenigen kümmern, die bereits erkrankt sind und vorübergehend aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen. Hier gibt es die Instrumente des betrieblichen Eingliederungsmanagements, die viel stärker als bisher genutzt werden könnten.

Haben sich die zunehmenden psychischen Probleme der Beschäftigten schon bis in die Führungsetagen herumgesprochen?
Leider ist oft zu beobachten, dass Erkenntnisse, die selbst in der Politik schon angekommen sind, sich erst mit Zeitverzug in den Führungsetagen der Unternehmen herumsprechen. Die Entwicklungen in Frankreich sollten eine Lehre sein. Hier wurden die Verantwortlichen von France Télécom erst nach den schrecklichen Selbstmorden ausgewechselt. Erst die öffentliche Debatte hat die unternehmensinternen Veränderungen angestoßen.

Gibt in es ausreichend Unterstützung von der Politik?
Erfreulich ist, dass die vom Bundesarbeitsministerium koordinierte Initiative "Neue Qualität der Arbeit" (INQA) sich mit gesundheitlichen Folgen von Restrukturierungen befassen will. Bei INQA arbeiten Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Stiftungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände mit.

Sind Kampagnen oder Aktionen zu diesem Thema vorgesehen?
Die IG Metall plant für den Herbst gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung eine arbeits- und betriebspolitische Konferenz, auf der neben der Beschäftigungssicherung vor allem die Frage der Sicherung und Verbesserung von Arbeitsstandards im Mittelpunkt stehen soll. Und der DGB arbeitet an einer neuen Erhebung zum DGB-Index "Gute Arbeit". Dort wird erstmals systematisch nach den Auswirkungen der Krise auf die Gesundheit der einzelnen Beschäftigten gefragt.

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