Das Übernahmedrama

SCHAEFFLER SCHLUCKT CONTI Anfangs befürchteten die Conti-Arbeitnehmer Zerschlagung und Mitbestimmungsflucht. Nun gibt es eine Vereinbarung zwischen Investor und Gewerkschaften, über die "Garantor" Gerhard Schröder wacht.


Von Hendrik Ankenbrand, Journalist in Hamburg/Foto: Keystone

Der Abtritt des Hardliners, der am Ende dieses Thrillers zum Verlierer geworden ist, ruft im Arbeitnehmerlager unterschiedliche Gefühle hervor. Nach dem Einstieg von Schaeffler werde er als Vorstandschef zurücktreten, hat Manfred Wennemer an diesem Dienstagabend kurz vor halb neun in der Telefonkonferenz in die Ohren der Aufsichtsräte und Vorstände der Continental AG gezischt. Während ihn der stellvertretende Aufsichtsratschef Werner Bischoff, IG BCE, daraufhin fast mit einem Kompliment als "harten, aber berechenbaren Verhandlungsgegner" verabschiedet, kommentiert der niedersächsische IG Metall-Chef Hartmut Meine: "Die Arbeitnehmer weinen Herrn Wennemer keine Träne hinterher."

Zwei Urteile, die zusammen das Ende eines Machtkampfes besiegeln, wie ihn die Republik an Raffiniertheit und Härte noch nicht erlebt hat. Der altehrwürdige Reifenhersteller Continental, 1871 gegründet, seit 2003 überaus erfolgreich wieder in der höchsten deutschen Börsenliga Dax notiert und vor Kurzem mit dem Kauf der VDO-Fahrzeugelektronik-Sparte von Siemens zum zweitwichtigsten Automobilzulieferer der Welt nach Bosch aufgestiegen, wird von einem halb so großen und nahezu unbekannten Familienbetrieb aus dem Fränkischen geschluckt.

Heimlich angeschlichen hatte sich der Wälzlagerhersteller Schaeffler KG aus Herzogenaurach, hatte sich mit ausgeklügelten Aktienoptionsgeschäften bereits den Zugriff auf 36 Prozent der Aktien gesichert, als der halbe Conti-Vorstand noch nichts ahnend im Urlaub weilte. Ein in der deutschen Industriegeschichte einmaliger Vorgang, der auch den stellvertretenden Aufsichtsratschef Bischoff Mitte Juli in den Ferien überrascht: "Wir müssen uns große Sorgen um den Gesamtkonzern machen", sagt er Tage nach den ersten Spekulationen.

MITBESTIMMUNG WIE BEIM MITTELSTÄNDLER_ Schließlich ist zu hören, dass Schaeffler zur Finanzierung des Deals nach dem Einstieg das Conti-Reifengeschäft losschlagen wolle. Zudem haben die Arbeitnehmervertreter ihre Kollegen in Bayern angerufen, und was die über die Mitbestimmungspolitik bei dem "mittelalterlichen Burgfräulein" zu berichten haben, das trotz einem Umsatz von acht Milliarden Euro die Höhe von Gewinn und Rendite wie ein kleiner Mittelständler verheimlicht, klingt nicht gut. IG Metall-Chef Meine droht, man werde "mit allen Mitteln verhindern", dass "ein völlig intransparentes Unternehmen die Continental AG übernimmt und zerschlägt". Sechs Wochen später stimmen die Gewerkschaften dem Einstieg Schaefflers zu. Hartmut Meine spricht jetzt von einer "konstruktiven Grundlage" für die Zusammenarbeit. Was ist passiert?

Es ist eine Geschichte des Kampfes zweier Unternehmen, deren ehrgeiziger Manager und zweier Gewerkschaften mit unterschiedlichem Selbstverständnis. Eher sozialpartnerschaftlicher die IG BCE, die traditionell die Hausmacht beim ursprünglich reinen Reifenkonzern Conti stellt. Konfrontativer die IG Metall, die nach der Übernahme von VDO die Hälfte der Beschäftigten des Gesamtkonzerns vertritt. Anfangs sieht es so aus, als würde die Arbeitnehmerseite im Fall Schaeffler/Conti von der Macht des Kapitalmarkts überrollt werden. Am Ende haben die Arbeitnehmervertreter gemeinsam beachtliche Garantien rausgeholt, wenngleich heute niemand sagen kann, wie weit sie Bestand haben werden.

Zweieinhalb Jahre vorher. Der Schauplatz heißt Hannover-Stöcken. Hier, in den roten, fünfstöckigen Klinkerbauten aus der Zeit des Dritten Reichs, presst Conti Reifen für LKW und PKW - noch. Bald ist Schluss, so hat es Wennemer verfügt. Auf dem Parkplatz vor dem Tor 2 schreien 3000 Mitarbeiter in schwarzen Arbeitsanzügen ihre Wut gegen den Vorstandschef heraus, sie fühlen sich betrogen. Wennemer hatte 2005 mit der IG BCE einen Beschäftigungsvertrag geschlossen und den Beschäftigten dafür längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich abgerungen. Wenig später will er das Werk doch schließen - ein eklatanter Bruch eines Standortbündnisses. Man habe sich bei der erwarteten Reifennachfrage verrechnet, sagt der studierte Mathematiker. Obwohl nicht mehr als 320 Arbeitsplätze betroffen sind, reagiert die Öffentlichkeit empört. Stöcken gerät zum Symbol für den Niedergang von Industriearbeitsplätzen am Standort Deutschland, und der "erzkapitalistische Konzern" Conti ("Capital") ist der Totengräber.

Dem Westfalen Wennemer scheint das egal, der Sohn eines Dorfpolizisten gilt als stur. "Sonderverantwortung" für einen deutschen Standort gebe es ohnehin nicht, die Proteste seien Ausfluss einer "lokalen Moral" und "gewerkschaftspolitisch geschürter Angst". Obwohl das Werk profitabel arbeitet, der Gesamtkonzern Milliarden verdient und an der Börse gefeiert wird, bleibt der Manager mit der leisen Stimme und dem sperrigen Kassengestell auf der Nase unnachgiebig. Wirkung zeigt sein Verhalten jedoch weiter über Conti hinaus - denn plötzlich steht das Modell der betrieblichen Bündnisse in Frage. Er habe nichts gegen "Kostendenker", sagt IG-BCE-Mann Bischoff heute. "Aber man darf die Zahlen nicht von der sozialen Dimension abkoppeln."

SCHAEFFLER SCHLEICHT SICH AN_ Die andere Vorgeschichte spielt sich 450 Autobahnkilometer südöstlich ab. In Herzogenaurach trauen Betriebsräte und Beschäftigte im Herbst 2007 ihren Augen nicht. Der Mann mit Bürstenschnitt und randloser Brille, der dort vorne steht, ist ihr Geschäftsführer Jürgen Geißinger. Das, was da hinter ihm an die Wand strahlt, ist eine Powerpoint-Präsentation. Diagramme sind darauf zu sehen, Pfeile und … Zahlen!

Kaum zu glauben, was sie da hören. Hier, bei der Betriebsversammlung, spricht Geißinger offen über die Unternehmensstrategie seines Arbeitgebers, des Wälzlagerherstellers Schaeffler. Sinniert über die Konkurrenz aus China, liefert Zahlen über die Auslandsinvestitionen und benennt interne Probleme. Geißinger redet zwei Stunden lang.

So etwas hat die Belegschaft zuvor noch nicht erlebt. Schaeffler ist zwar ein Weltkonzern, der allein in Deutschland 30?000 Mitarbeiter zählt und die Erbenwitwe Maria-Elisabeth Schaeffler und ihren Sohn Georg mit einem Privatvermögen von geschätzten sechs Milliarden Euro ("Forbes"-Liste) so reich gemacht hat, dass Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine Mitte September forderte, sie zu enteignen.

Doch im Wirtschaftsausschuss erhalten die Arbeitnehmervertreter eher spärliche bis gar keine Informationen über den Geschäftsverlauf. Dort treten meist Personalmanager aus der zweiten und dritten Reihe auf, die den Betriebsräten und IG Metallern nur die Veränderungsraten von Gewinn und Rendite vorstellen, aber keine absoluten Werte. Wolfgang Müller, IG Metall-Betreuer für Schaeffler, fragt nach der Bilanzsumme. Die Antwort: "Weiß nicht." Als er auf einer Betriebsversammlung die Rendite auf 13 Prozent schätzt, flippt der Personalvorstand aus: "Wenn das die Kunden erfahren!" "Das waren absurde Veranstaltungen", sagt Müller im Rückblick.

Mit Offenheit und Mitsprache der Beschäftigten ist es bei Schaeffler nicht weit her. Bei der Vertrauensleutekonferenz 2007 fallen Begriffe wie "autoritär", "feudale Züge" und "Erpressung", wenn die Gewerkschaftsmitglieder über das Verhältnis zum Management sprechen. Ob 6,06 Euro Stundenlohn für Leiharbeiter gerecht sei, darüber lässt die Geschäftsführung nicht mit sich reden. Schon gar nicht über die Gewinnbeteiligung, die die IG Metall fordert.

Doch seit der Betriebsversammlung, auf der sich Geißinger so auskunftsbereit zeigt, zieht mehr Transparenz ein. Den Gewinn nennt Schaeffler zwar immer noch nicht. "Aber die Gesprächsatmosphäre hat sich nach Geißingers Auftritt deutlich gelockert", sagt IG Metaller Müller. Zwar ist der Geschäftsführer nach wie vor beleidigt, wenn auf Flugblättern der Slogan "Geißinger = Geizinger" steht. "Ihr müsst immer alles gleich in die Öffentlichkeit tragen", beklagt er sich bei den Metallern. Doch man spricht wieder miteinander.

DIE ARBEITNEHMER BESÄNFTIGEN_ Haben Geißinger und die "listige Witwe" Schaeffler ("Manager Magazin") zu dieser Zeit etwa schon ihre Attacke auf Conti vor Augen? Sehen sie voraus, dass sie die Arbeitnehmer beim Übernahmekampf auf ihre Seite ziehen und deshalb milde stimmen müssen? "Das würde Sinn machen", räumt Müller im Nachhinein ein. Fakt ist: Als der Machtkampf um Conti ein knappes Dreivierteljahr später auf dem Höhepunkt tobt, kommt von Schaefflers Seite die Bitte an die Belegschaft, die Welt doch mal darüber aufzuklären, dass hier die Arbeitnehmerrechte doch nicht so fest mit Füßen getreten würden, wie der Metaller Meine am Anfang der Auseinandersetzung gegrollt hatte.

Die Gewerkschafter Bischoff und Meine telefonieren mit Geißinger. Sie glauben: Das Familienunternehmen Schaeffler könnte im Vergleich zu kapitalmarktgetriebenen "Heuschrecken" das kleinere Übel sein. Ihr bayerischer Kollege Müller ist vom Sinn des Zusammenschlusses ohnehin überzeugt: "Die Geschäfte überlappen sich nicht", sagt Müller. Keine Synergien, die Arbeitsplätze kosten könnten. Schaeffler wolle langfristig investieren, und mit der Übernahme könnte ein mächtiger Weltmarktspieler auf dem Autozuliefermarkt entstehen, der in Forschung und Entwicklung investieren und dem niemand so schnell was anhaben könnte. Müller: "Eine spannende Sache."

Spannend ist jedoch auch eine andere Frage, und die hat eher mit Deinvestitionen zu tun: Wie will Schaeffler den elf Milliarden Euro schweren Einstieg finanzieren? Bislang haben sechs Banken ein Kreditpaket in Höhe von 16 Milliarden Euro geschnürt. Zu der Frage, wie Schaeffler die zurückzahle, will kaum jemand zitiert werden. Hinter vorgehaltener Hand antworten die meisten: "Indem das Conti-Reifengeschäft verkauft wird."

Die Sparte, 6,5 Milliarden Umsatz schwer und mit einer operativen Umsatzrendite von 15 Prozent höchst profitabel, würde momentan viel Geld bringen. Und die Betriebsräte und Gewerkschafter haben sehr wohl registriert, dass die Biografie des neuen Conti-Chefs Neumann keine Gummi-Anteile enthält: promovierter Elektrotechniker, bei Conti Technikvorstand und überzeugt, dass vor allem die Elektronik die größten Wachstumschancen habe, so Insider.

Keine schönen Aussichten für Bruno Hickert. Der Konzernbetriebsratsvorsitzende kommt aus der "Gummi-Ecke", der Reifenherstellung. Vieles, was der alte Chef Wennemer gemacht hat, fand Hickert falsch: "Aber dass er in Billiglohnländern Werke aufgebaut hat, hilft heute der Ertragslage und sichert so auch die Standorte in Deutschland." Marktschwankungen dürfen jedoch nicht ausschließlich hierzulande aufgefangen werden, wie es derzeit etwa im Werk Stöcken geplant sei.

VERTRAG MIT DEN GEWERKSCHAFTEN_ Die Hoffnung von Conti-Betriebsräten wie Hickert stützt sich auf zwei Papiere. Das eine, eine in der deutschen Geschichte einzigartige "Investorenvereinbarung" von Conti mit dem Minderheitsaktionär Schaeffler, legt fest, dass Schaeffler bis 2012 keine 50 Prozent der Conti-Aktien kaufen darf. In der anderen, einer Vereinbarung zwischen Schaeffler und den Gewerkschaften sowie dem Konzernbetriebsrat, steht, dass Schaeffler bis 2014 "nicht ohne Zustimmung des Vorstands und Aufsichtsrats" von Conti darauf "hinwirken" werde, dass Unternehmensbestandteile verkauft werden, Standorte geschlossen und der Konzernsitz verlegt werde. Zudem gibt es für diesen Zeitraum Garantien über die Flächentarifverträge und die paritätische Mitbestimmung im Konzern. Überwachen soll das Ganze der "Garantor" Gerhard Schröder.

Auch Conti-Betriebsrat Hickert hat die Vereinbarung unterschrieben. Jetzt soll er darauf vertrauen, dass das Unternehmen, das in der Vergangenheit Konkurrenten wie FAG Kugelfischer schnell geschluckt und dort aggressiv das operative Geschäft an sich gerissen hat, bei Conti die Füße stillhält? Meine hebt das Positive hervor: "Die Zusagen minimieren die Risiken für die Beschäftigten und sind ein Rahmen in künftigen Auseinandersetzungen. Die Erklärung kann als Zeichen gewertet werden, dass der neue Großaktionär bemüht ist, einen kooperativeren Stil anzustreben."

Der Hannoveraner Betriebsrat Hickert bezeichnet die Wahl Schröders für den Posten des Schiedsrichters als "exzellent". Der wurde zwar nicht, wie berichtet, von den Gewerkschaften, sondern vom Conti-Vorstand vorgeschlagen. "Wir haben uns aber nicht gegen ihn gewehrt", sagt IG-BCE-Mann Bischoff. Jetzt freue man sich auf die Zusammenarbeit. Schröder und die Vereinbarung, das ist die Hoffnung darauf, dass Schaeffler es sich gar nicht erlauben könne, vor Ablauf der Frist das Reifengeschäft zu verkaufen. "Wir haben dadurch Öffentlichkeit hergestellt", sagt Bischoff. "Da haben wir den moralischen Finger drauf", sagt Hickert.

Allerdings weiß er immer noch nicht genau, mit wem er es da eigentlich zu tun hat, es laufen erste Gespräche, zur Vertrauensleute-Versammlung bei Schaeffler Ende September sind auch zehn Conti-Betriebsräte eingeladen.

Die Schlacht um Conti an sich nennt Bischoff im Nachhinein ein "gewerkschaftspolitisches Lehrstück". Doch was haben die Gewerkschaften gelernt? IG Metall-Chef Berthold Huber zumindest hat nach der Schaeffler-Attacke eine "erweiterte Mitbestimmung" gefordert, die für Fusionen, Übernahme der Kontrollmehrheit oder Standortverlagerung gelten müsse.

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