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29.06.2018

Verschuldung sinkt unter Maastricht-Grenze, Zeit für Investitionen

Der Aufschwung geht leicht gebremst weiter – IMK prognostiziert jeweils 2,1 Prozent BIP-Wachstum für 2018 und 2019

Trotz gestiegener Risiken durch die Handelskonflikte der USA und die neue populistische Regierung in Italien prognostiziert das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, dass sich der solide Aufschwung der deutschen Konjunktur nur leicht gebremst fortsetzt. Für 2018 und 2019 erwarten die Konjunkturforscher eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um jeweils 2,1 Prozent im Jahresdurchschnitt. Gegenüber der Vorhersage vom März senkt das IMK seine Prognose für dieses Jahr um 0,3 Prozentpunkte und für 2019 um lediglich 0,1 Prozentpunkt. Stärkste Säule des Aufschwungs bleibt bei spürbaren Reallohnzuwächsen der private Konsum, doch auch die Investitionen entwickeln sich kräftig. Der Trend auf dem Arbeitsmarkt ist weiter positiv: Obwohl das Arbeitskräfteangebot durch Zuwanderung gewachsen ist, geht die Arbeitslosigkeit kontinuierlich zurück: auf 5,3 Prozent im Jahresmittel 2018 und 5,1 Prozent 2019. Da auch die öffentliche Hand vom Aufschwung profitiert, dürfte die gesamtstaatliche Verschuldung bereits Ende 2018 zum ersten Mal seit 2002 wieder unter der Maastricht-Grenze von 60 Prozent des BIP liegen.

Angesichts von sprudelnden Steuereinnahmen empfiehlt das IMK, die öffentlichen Investitionen deutlich anzuheben und sich dabei den Bereichen Bildung und Begrenzung des Klimawandels höchste Priorität zu geben. „Der aktuelle Aufschwung bietet die Gelegenheit, Aufgeschobenes anzupacken“, erklären die Düsseldorfer Forscher. Wenn Deutschland die Binnennachfrage durch mehr öffentliche Investitionen längerfristig weiter stärke, „würde sich das nicht nur in einer höheren inländischen Produktion, einer höheren Lebensqualität und verbesserten Investitionsbedingungen niederschlagen, sondern auch in höheren Importen.“ Dadurch trügen Investitionen dazu bei, den gefährlich hohen deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu reduzieren, der von vielen Ökonomen und internationalen Organisationen wie der OECD kritisiert wird.

„Unsere Prognose fällt spürbar optimistischer als die der meisten anderen Konjunkturforscher“, sagt Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Wir sehen natürlich auch, dass die Risiken durch Donald Trumps Protektionismus-Poker gewachsen sind. Wir sind aber überzeugt, gute Argumente für unseren Optimismus zu haben. Denn erstens wirken in der Weltwirtschaft auch weiterhin positive Faktoren. Die internationale Konjunktur ist lebhaft und die großen Zentralbanken, insbesondere die EZB, betreiben eine wachstumsfördernde Politik mit Augenmaß. Es gibt bislang keine Einbrüche beim Export, sondern nur etwas weniger Zunahme. Zweitens ist die deutsche Wirtschaft schlicht deutlich robuster als im vergangenen Jahrzehnt: Das Wachstum stützt sich wesentlich auch auf die Binnennachfrage. Deshalb schlägt eine erhöhte Unsicherheit im Außenhandel viel weniger durch. Das haben wir in den vergangenen Jahren deutlich gesehen.“

Kerndaten der Prognose für 2018 und 2019

Arbeitsmarkt
Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt weiter kräftig zu – um mehr als 570.000 Personen oder 1,3 Prozent im Jahresdurchschnitt 2018 und weitere 1,2 Prozent im Jahresmittel 2019. Die Arbeitslosigkeit sinkt: Für 2018 prognostizieren die Forscher einen Rückgang um etwa 160.000 Personen, so dass im Jahresdurchschnitt rund 2,37 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Für 2019 erwartet das IMK, dass die Arbeitslosenzahl um jahresdurchschnittlich knapp 70.000 auf etwa 2,3 Millionen Personen sinkt.

Außenhandel
Auch der Euroraum befindet sich im Aufschwung: 2018 und 2019 wächst das BIP in der Währungsunion um je 2,2 Prozent. Die Konjunktur in den USA, China und anderen Schwellenländern bleibt ebenfalls insgesamt dynamisch, die deutschen Exporteure verfügen über eine hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Daher geht das IMK davon aus, dass die deutschen Ausfuhren nach einer Wachstumsdelle in diesem Jahr (Zunahme um durchschnittlich 2,8 Prozent) 2019 wieder deutlich anziehen und um 4,2 Prozent im Jahresmittel zulegen werden. Die Importe wachsen in diesem Jahr um durchschnittlich 2,9 Prozent, 2019 dann um 5,3 Prozent. Der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird in diesem Jahr noch einmal etwas steigen und 2019 nahezu unverändert sein.

Investitionen
Bei hoher Auslastung und weiterhin günstigen Finanzierungsbedingungen investieren die Unternehmen kräftig: 2018 steigen die Ausrüstungsinvestitionen um durchschnittlich 5,8 Prozent, 2019 sind es 6,7 Prozent im Jahresdurchschnitt. Auch bei den Bauinvestitionen bleibt die Dynamik kräftig. Sie nehmen 2018 um 3,2 Prozent und 2019 um 2,8 Prozent zu. Dabei kommt es zu einer Verlagerung: Die Investitionen in den Wohnbau schwächen sich angesichts hoher und weiter steigender Immobilienpreise ab, während der Wirtschaftsbau einhergehend mit der dynamischen Ausweitung der Ausrüstungen stärker zulegt.

Einkommen und Konsum
Die verfügbaren Einkommen wachsen 2018 und 2019 real um durchschnittlich 1,8 Prozent. Bei nahezu konstanter Sparquote nehmen die realen privaten Konsumausgaben um 1,7 und 1,8 Prozent zu. Damit trägt der private Konsum in diesem Jahr 0,9 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum von 2,1 Prozent bei. Im kommenden Jahr ist es ein Prozentpunkt von 2,1 Prozent.

Inflation und öffentliche Finanzen
Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland nähert sich bei deutlich steigendem Ölpreis dem EZB-Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent an, erreicht es aber erneut nicht: 2018 steigen die Verbraucherpreise um 1,7 und 2019 um 1,6 Prozent.

Der von der Binnennachfrage getragene Aufschwung sorgt weiterhin für starke Steuereinnahmen und Einnahmeüberschüsse bei Gebietskörperschaften und Sozialkassen: In beiden Jahren beträgt der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo jeweils knapp 50 Milliarden Euro.

Weitere Informationen:

Peter Hohlfeld, , Thomas Theobald, Silke Tober: Aufschwung intakt, Risikolage verschärft. Prognose-Update: Die konjunkturelle Lage in Deutschland zur Jahresmitte 2018. IMK Report Nr. 140, Juni 2018.

Kontakt:

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Peter Hohlfeld
IMK-Konjunkturexperte

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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