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04.12.2009

Neuer Sammelband zur Krankenhausprivatisierung

Personal in privaten Kliniken hat deutlich mehr Betten zu versorgen als in öffentlichen Häusern

In keinem anderen europäischen Land sind in den letzten beiden Jahrzehnten so viele Krankenhäuser privatisiert worden wie in Deutschland. Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich der Anteil privater Kliniken mehr als verdoppelt und beträgt mittlerweile über 30 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil öffentlicher Krankenhäuser stark zurückgegangen und liegt mit 32 Prozent nur noch knapp über dem der privaten Kliniken. Die größte Gruppe bilden mittlerweile mit 37,5 Prozent die freigemeinnützigen Krankenhäuser. Dabei handelt es sich vor allem um kirchliche Einrichtungen.

Mit den Ursachen dieser Entwicklung und ihren Auswirkungen auf Beschäftigte und Patienten beschäftigt sich der soeben erschienene Band "Privatisierung von Krankenhäusern", den Nils Böhlke und Dr. Thorsten Schulten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung und Prof. Dr. Thomas Gerlinger, Kai Mosebach und Dr. Rolf Schmucker vom Institut für Medizinische Soziologie (IMS) in der Frankfurter Goethe-Universität herausgegeben haben.

"Der Grund für die Privatisierungswelle ist vor allem die oft schwierige Haushaltssituation von Ländern und Kommunen", erläutern Nils Böhlke und Thorsten Schulten vom WSI. "Die öffentliche Hand hat es seit Jahren versäumt, in ausreichendem Maße in die Krankenhäuser zu investieren. Heute befinden sich viele öffentliche Einrichtungen in einem problematischen Zustand und weisen hohe Defizite auf. In dieser Situation scheint der Verkauf an einen privaten Investor oft als einziger Ausweg."

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich in den kommenden Jahren der Privatisierungstrend weiter verstärken wird, weil die aktuelle Wirtschaftskrise die Löcher in den öffentlichen Haushalten noch deutlich vergrößert hat. "Große Klinikenkonzerne wie zum Beispiel die Rhön-Klinikum AG haben ihr Kapital bereits weiter aufgestockt, um zukünftig vermehrt auf Einkaufstour zu gehen", beobachten Böhlke und Schulten.

Die Folgen der Privatisierung für Beschäftigte und Patienten sehen die Forscher eher kritisch. So ist das zahlenmäßige Betreuungsverhältnis von Ärzten, Pflegekräften und anderen Beschäftigten zu Patienten in öffentlich getragenen Kliniken deutlich günstiger als in privaten oder freigemeinnützigen Krankenhäusern. Ablesen lässt sich das am rechnerischen Verhältnis von Beschäftigten zu belegten Betten in einem Jahreszeitraum: Während ein Arzt in einem größeren öffentlichen Haus im Jahr 2008 rechnerisch im Durchschnitt an 780 Tagen belegte Betten zu versorgen hatte, kamen auf seinen Kollegen in einer größeren privaten Klinik 936 Belegtage - und damit rund 20 Prozent mehr . In größeren freigemeinnützigen Häusern waren es im Durchschnitt sogar 1056 Belegtage pro Arzt, haben die WSI-Forscher auf Basis der Krankenhausstatistik des Statistischen Bundesamtes berechnet.

Auch die Pflegekräfte hatten in privaten Häusern erheblich mehr zu tun: Im Jahresschnitt 2008 hatten sie an 493 Tagen belegte Betten zu versorgen, während es in öffentlich getragenen Kliniken 419 Belegtage waren. "Es ist schwer vorstellbar, dass die deutlich höhere Arbeitsbelastung von Beschäftigten in privaten Krankenhäusern keine nachteiligen Konsequenzen für die Patienten haben sollte", so Böhlke und Schulten.

Der andauernde Privatisierungstrend bei den Krankenhäusern könnte allerdings durch eine wachsende Privatisierungsskepsis innerhalb der Bevölkerung gestoppt werden. Ein Beispiel dafür berichten die Forscher aus Niederbayern: Im Rottal-Inn-Kreis haben sich erst vor wenigen Wochen fast 90 Prozent der Bürger bei einem Bürgerentscheid gegen den Verkauf der örtlichen Kreiskrankenhäuser ausgesprochen.

Kontakt:

Dr. Thorsten Schulten
WSI  

Rainer Jung
Leiter Pressestelle  

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