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20.01.2009

Bilanz des WSI-Tarifarchivs

Tarifrunde 2008: Tarifpolitik in der Finanzmarktkrise

Verbesserte Abschlüsse - geringe tarifliche Reallohnsteigerungen

Die Tarifentwicklung in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr verbessert, aber die steigenden Verbraucherpreise haben gesamtwirtschaftlich letztlich nur ein kleines reales Plus bei den Tarifverdiensten zugelassen. Im Durchschnitt sind die tariflichen Grundvergütungen der Beschäftigten in Deutschland im Jahr 2008 jahresbezogen um 2,9 Prozent gestiegen. Dies ergibt sich aus der Bilanz der Tarifpolitik des Jahres 2008, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung heute vorlegt.

Am höchsten fiel die jahresbezogene Tarifsteigerung mit 4,4 Prozent im Bereich Gebietskörperschaften, Sozialversicherung aus, gefolgt vom Bereich Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft mit 3,7 Prozent und dem Bereich Verkehr und Nachrichtenübermittlung mit 3,5 Prozent. Unterdurchschnittlich war die Tarifsteigerung im Bereich Kreditinstitute, Versicherungsgewerbe mit 2,7 Prozent, im Investitionsgütergewerbe mit 2,6 Prozent sowie im Nahrungs- und Genussmittelgewerbe mit 2,5 Prozent. Am niedrigsten fiel die Steigerung im Handel mit 1,9 Prozent aus. "In manchen Wirtschaftszweigen blieben die Tarifsteigerungen hinter der Preissteigerungsrate zurück", sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Dr. Reinhard Bispinck.

Die Lebenshaltungskosten sind im Jahr 2008 durchschnittlich um 2,6  Prozent gestiegen. Im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt konnte also mit den Tarifsteigerungen ein kleines Reallohnplus von 0,3  Prozent erreicht werden. Berücksichtigt man zusätzlich die Arbeitsproduktivität, die im vergangenen Jahr aufgrund der sich abschwächenden Konjunktur um 0,1 Prozent zurückgegangen ist, ergibt sich rechnerisch ein kostenneutraler Verteilungsspielraum für 2008 von 2,5 Prozent. Die Tarifabschlüsse lagen also insgesamt um 0,4 Prozent höher. Dagegen waren die Verteilungsspielräume in den meisten Jahren seit 1998 nicht ausgeschöpft worden. 

Bei den effektiven Bruttoeinkommen je Arbeitnehmer/in sieht die Entwicklung ungünstiger aus: Sie sind im vergangenen Jahr nominal lediglich um 2,3  Prozent gestiegen. Real sind die effektiven Bruttoverdienste also um 0,3 Prozent  gesunken. Das Jahr 2008 war damit das fünfte Jahr in Folge, in dem die Beschäftigten effektive Reallohnverluste hinnehmen mussten.

Insgesamt schlossen die DGB-Gewerkschaften in Deutschland im vergangenen Jahr Lohn- und Gehaltstarifverträge für rund 11,1 Mio. Beschäftigte ab, darunter etwa 9,6 Mio. in den alten und 1,5 Mio. in den neuen Bundesländern. Für rund 71 Prozent dieser Beschäftigten gab es Tarifabschlüsse mit verzögerter Anpassung der Lohn- und Gehaltserhöhungen. Als Ausgleich vereinbarten die Gewerkschaften für gut 80 Prozent der davon betroffenen Beschäftigten Pauschalzahlungen. Diese betrugen durchschnittlich 116 Euro (West: 118 Euro, Ost: 101 Euro) im Monat.

Für weitere 4,6 Mio. Beschäftigte traten im Jahr 2008 Erhöhungen in Kraft, die bereits 2007 oder früher vereinbart worden waren. Die Laufzeit der Verträge beträgt durchschnittlich 22,4 Monate (2007: 22,2).
In den neuen Bundesländern hat sich das Tarifniveau im Vergleich zum Westen gegenüber dem Vorjahr erhöht. Das Tarifniveau Ost/West betrug Ende 2008 bezogen auf die tariflichen Grundvergütungen 96,8 Prozent  (2007: 95,2 Prozent). Dies resultiert aus der Tarifanhebung im öffentlichen Dienst Ost auf 100 Prozent des Westniveaus.

Im laufenden Jahr stehen neben den Verhandlungen im öffentlichen Dienst (Länder) auch die Tarifverträge bei der Deutschen Bahn und der Deutschen Telekom zur Neuverhandlung an. Verhandelt wird außerdem in der Textil- und Bekleidungsindustrie, im Bauhauptgewerbe, in der Stahlindustrie sowie im Einzel- und Großhandel. Die Tarifforderungen sind weit gefächert: Im öffentlichen Dienst (Länder) fordert ver.di 8 Prozent mindestens 200 €, bei der Deutschen Bahn AG will Transnet 10 Prozent höhere Entgelte durchsetzen, in anderen Branchen fordern die Gewerkschaften zwischen 5 und 7 Prozent.

Finanzkrise und Rezession dürften sich nach Auffassung des WSI-Tarifexperten dämpfend auf die Tarifergebnisse auswirken. "Die Rahmenbedingungen sind aus Arbeitnehmersicht ungünstig", so Bispinck. "Wir brauchen aber auch aus konjunkturpolitischen Gründen dringend kräftige Reallohnsteigerungen. Es wäre geradezu widersinnig, auf der einen Seite Konjunkturpakete zu verabschieden und andererseits denen zu folgen, die eine falsche lohnpolitische Bescheidenheit empfehlen."

Kontakt:

Dr. Reinhard-Bispinck at boeckler.de  

Rainer-Jung at boeckler.de  

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