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20.01.2011

Tariflöhne und -gehälter: 2010 ein reales Plus von 0,7 Prozent

Die Tarifentwicklung in Deutschland hat im vergangenen Jahr einen positiven Verlauf genommen. Die Tariflöhne und -gehälter sind 2010 im Durchschnitt um 1,8 Prozent gestiegen. Da sich die Verbraucherpreise lediglich um 1,1 Prozent erhöht haben, ergibt sich daraus ein realer Anstieg der Tarifvergütungen um 0,7 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Bilanz der Tarifpolitik des Jahres 2010, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung heute vorlegt.

Positiv beeinflusst wird die jahresbezogene Tarifsteigerung 2010 durch die länger laufenden Abschlüsse aus 2009. Die daraus resultierende Tarifanhebung für 2010 beläuft sich auf 2,3 Prozent, die Neuabschlüsse des Jahres 2010 ergeben lediglich 1,3 Prozent. Im Mittel errechnen sich dann die 1,8 Prozent.

Am höchsten fiel die jahresbezogene Tarifsteigerung mit 2,9 Prozent im Bereich Energie- und Wasserversorgung, Bergbau aus, gefolgt vom Handel mit 2,5 Prozent, dem Baugewerbe sowie dem Nahrungs- und Genussmittelgewerbe mit 2,4 Prozent und dem Bereich Verkehr und Nachrichtenübermittlung mit 2,3 Prozent. Genau im Durchschnitt lagen das Verbrauchsgütergewerbe sowie Kreditinstitute, Versicherungsgewerbe mit je 1,8 Prozent, geringer fielen die Tarifsteigerungen im Investitionsgütergewerbe mit 1,0 Prozent und im Bereich Gebietskörperschaften, Sozialversicherung mit 0,9 Prozent aus. In Ostdeutschland lag die kalenderjährliche Erhöhung mit 2,0 Prozent etwas höher als in Westdeutschland mit 1,7 Prozent. "In Wirtschaftszweigen mit geringen Tarifsteigerungen ergibt sich ein reales Minus", sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Dr. Reinhard Bispinck. "Dies ist ein Resultat der Krise. Sie dämpfte die Lohnentwicklung, in vielen Tarifrunden hatte zudem die Sicherung von Arbeitsplätzen oberste Priorität."

Bei den effektiven Bruttoeinkommen sieht die Entwicklung etwas besser aus: Je Arbeitnehmer/in sind sie im vergangenen Jahr nominal um 2,2 Prozent gestiegen, preisbereinigt um 1,1 Prozent. Erstmals nach sechs Jahren des fortgesetzten effektiven Reallohnverlustes konnte damit ein reales Plus erzielt werden. Ursache dafür sind im Wesentlichen der starke Rückgang der Kurzarbeit und die (damit verbundene) Verlängerung der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit im vergangenen Jahr, die zu einer entsprechenden Normalisierung auch bei den effektiv gezahlten Löhnen und Gehältern führte.

Insgesamt schlossen die DGB-Gewerkschaften in Deutschland im vergangenen Jahr Lohn- und Gehaltstarifverträge für rund 8,8 Mio. Beschäftigte ab, darunter etwa 7,5 Mio. in den alten und 1,3 Mio. in den neuen Bundesländern. Für rund 78 Prozent dieser Beschäftigten gab es Tarifabschlüsse mit verzögerter Anpassung der Lohn- und Gehaltserhöhungen. Als Ausgleich vereinbarten die Gewerkschaften für knapp 60 Prozent der davon betroffenen Beschäftigten Pauschalzahlungen. Diese betrugen durchschnittlich 38 Euro (West: 38 Euro, Ost: 42 Euro) im Monat. Für weitere 7,5 Mio. Beschäftigte traten im Jahr 2010 Erhöhungen in Kraft, die bereits 2009 oder früher vereinbart worden waren. Die Laufzeit der Verträge beträgt durchschnittlich 24,3 Monate.

In diesem Jahr stehen neben den Verhandlungen im öffentlichen Dienst (Länder) auch Tarifrunden in den Branchen chemische Industrie, Bauhauptgewerbe, Versicherungen, Druckindustrie, Einzel- und Großhandel sowie zahlreichen kleineren Wirtschaftszweigen an.

Verhandelt wird auch bei großen Unternehmen wie Volkswagen, der Deutschen Telekom und der Deutschen Bahn. Die vorliegenden Tarifforderungen bewegen sich zwischen 5 und 7 Prozent.

Die Ausgangssituation für die Tarifrunde 2011 ist für die Gewerkschaften nach Auffassung des WSI-Tarifexperten günstiger als im Vorjahr, denn für dieses Jahr sei mit einer Fortsetzung des wirtschaftlichen Erholungsprozesses zu rechnen. "Das macht die Durchsetzung spürbarer realer Tarifanhebungen leichter. Die Gewerkschaften können dabei an Abschlüssen wie zum Beispiel in der Stahlindustrie anknüpfen, die bereits höhere Tarifsteigerungen beinhalteten als in der unmittelbaren Krisenphase."

Kontakt:

Dr. Reinhard Bispinck
Leiter WSI-Tarifarchiv

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

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