Deutscher Betriebsräte-Preis 2016

„Das ist ein großes Ding“

INTERVIEW Den Betriebsräten der BASF SE gelang es, Zukunftsinvestitionen von rund 10 Milliarden Euro zu vereinbaren und damit den Konzern-Standort Ludwigshafen und 36 000 Arbeitsplätze bis 2020 zu sichern – dies entgegen den globalen Investitionstrends. Dafür erhielten sie den Deutschen Betriebsrätepreis 2016 in Gold.


Herzlichen Glückwunsch, Sinischa Horvat und Andrè Matta. Weshalb wurden die Arbeitnehmervertreter der BASF initiativ? War der Standort Ludwigshafen bedroht?

Es wird zunehmend schwieriger vorauszusagen, wie die Lage in unserer Branche in fünf Jahren aussehen wird. Es war allen klar, dass investiert werden muss an unserem Standort. Aber diesmal war es sehr, sehr schwierig für den Vorstand der BASF verbindliche Zusagen zu geben, Verbindlichkeit, das hat eine andere Qualität.

Warum war es diesmal so schwierig? Was ist neu?

Üblicherweise wird dort investiert, wo die Wachstumsmärkte sind. Die sind heute in Asien und in Amerika. Da muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, dass wir hier in Ludwigshafen ebenso eine Perspektive haben. In intensiven Verhandlungsrunden gelang es uns, das Management zu verpflichten genauso auch am deutschen Standort zu investieren – in die Modernisierung und in die Forschung auf dem Niveau der letzten Jahre, was auf insgesamt 10 Milliarden Euro hinausläuft. Es war für uns von der Arbeitnehmerseite nicht leicht, diese Zusagen dem Management abzuringen.

Droht Ludwigshafen abgehängt zu werden von der globalen Entwicklung?

Wir haben durchaus registriert, dass die Forschung stärker globalisiert wurde in den letzten Jahren. In Asien wurde 2012 ein Forschungsstandort eröffnet, dort wurde auch investiert. Ebenso wurden Projekte von Ludwigshafen in die USA verschoben. Da waren schon viele besorgt, was das für die Zentrale der BASF-Forschung in Ludwigshafen bedeutet? Da waren Ängste da und das mussten wir absichern.

Mit welchem Ergebnis?

Gesichert sind jetzt die Forschungskapazitäten in Ludwigshafen. Während die Projekte, die derzeit in Asien und USA gemacht werden, on-top dazukommen. Damit haben wir die Arbeitsplätze hier in Ludwigshafen abgesichert.

Es wurde Zeit gewonnen für fünf Jahre. Ist der Verbundstandort, das größte zusammenhängende Chemieareal weltweit, tendenziell von Schrumpfung bedroht?

Wir sehen, was um uns herum passiert: Die großen Player in der Branche werden zerschlagen, aufgeteilt und es wird massiv outgesourct. Deswegen war es uns von der Arbeitnehmerseite wichtig, in die Vereinbarung hineinzuschreiben, dass Ludwigshafen ein integrierter Verbundstandort bleibt - mit Services, mit Produktion, mit Forschung, mit Logistik, mit allen Drumherum.

Mit welchen Argumenten konnte der Betriebsrat das Management bewegen, überhaupt in Verhandlungen zu gehen?

Wir machten deutlich, dass wir eine Win-win-Situation anstreben sollten. Sowohl für unsere Beschäftigten, wie fürs Unternehmen. So ein Signal hat ja auch eine Außenwirkung für die Region, für unsere Kunden und Lieferanten. Die sehen: Hier wird was bewegt am Standort. Es ist auch ein Signal an junge Talente und Fachkräfte: Ihr habt eine Zukunft bei der BASF.

Was waren denn die schwierigsten Hürden in den 20 Verhandlungsrunden mit dem Management?

Am schwierigsten war es, den Zukunftssicherungsvertrag in all der Breite zu vermitteln, die wir als Betriebsrat für nötig halten. Da sollte Gesundheitsmanagement genauso drin sein wie die Fachkräftesicherung und der Generationenvertrag. So sind aus einem einzigen Papier jetzt auch vier Einzelbetriebsvereinbarungen geworden. Das ist ein großes Ding, dass wir da gedreht haben.

Was ist das Wichtigste, was ihr für die Mitarbeiter erreicht habt.

Das ist die Zusage, dass unsere Mitarbeiter in Ludwigshafen einen sicheren Arbeitsplatz haben, weil betriebsbedingte Kündigungen bis 2020 ausgeschlossen sind. Und das ist bei 36 000 Mitarbeitern am Standort ein dickes Paket, das die Arbeitnehmerseite hier vom Unternehmen bekommen hat.

Die Fragen stellte Cornelia Girndt, Redakteurin des Magazin Mitbestimmung.

 

Mit Sinischa Horvat, dem Vorsitzenden des Betriebsrats der BASF SE und André Matta, operativer Betriebsrat und Vorsitzender des IG BCE-Bezirksvorstands sprach die Redaktion des Magazin Mitbestimmung gleich nach der Preisverleihung am 10. November 2016 in Bonn.


Weitere Informationen

Am Deutschen Betriebsrätetag in Bonn von 8. bis 10. November 2016 nahmen rund 800 Betriebsräte, Gewerkschafter und Berater teil. Der BUND-Verlag ist Ausrichter des jährlich vergebenen Preises. In der Jury ist auch die Hans-Böckler-Stiftung vertreten.

Den Betriebsrätepreis 2016 in Silber erhielt der Betriebsrat der thyssenkrupp AG für ein System, das Arbeitnehmerrechte und Arbeitsschutz weltweit verankert. Aktiv wurde der Konzernbetriebsrat, da es bei
thyssenkrupp keinen Weltbetriebsrat gibt und der seit 2007 existierende „Code of Conduct“, ein Verhaltenskodex, sich als Papiertiger entpuppt hatte, wie KBR-Vorsitzender Willi Segerath berichtete. Mit dem Rahmenabkommen, das im März 2015 vom Unternehmen, der IG Metall und Industrial unterzeichnet wurde, kann jeder Arbeitnehmer weltweit über eine E-Mail-Adresse seinen Fall schildern, der an einen Ausschuss geht. Somit ist das Beschwerdesystem auch Teil der Mitbestimmung bei thyssenkrupp. Bisher wurden 19 Fälle gemeldet, thyssenkrupp hat 157 000 Arbeitnehmer in 80 Ländern.

Der Betriebsrätepreis 2016 in Bronze ging an den Betriebsrat der N-ERGIE AG, Nürnberg, für die langfristige Sicherung von Fachkräften für das Unternehmen. Die Betriebsräte des Energieversorgers wurden ausgezeichnet für ein Projekt, mit dem sie – gemeinsam mit der Personalabteilung – über flexible Arbeitszeitmodelle Kapazitäten schaffen für Nachwuchskräfte, für die Einstellung von mehr Auszubildenden und einen Talente-Pool.

Sonderpreise erhielten:

  • der Betriebsrat des Klinikums Esslingen mit dem Projekt: "Erhalt des Klinikums Esslingen in kommunaler Trägerschaft",
  • der Gesamtbetriebsrat und Konzernbetriebsrat der Robert Bosch GmbH, Gerlingen, mit dem Projekt: "Gesamtbetriebsvereinbarungen `Ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung´ und `Psychische Gesundheit´",


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