Von ANDREAS SCHULTE

10. Engineering- & IT-Tagung: KI – Fluch oder Segen?

Stiftung In den Kölner Ford-Werken erörterten 250 Teilnehmer der 10. gemeinsamen Engineering- und IT-Tagung von Hans-Böckler-Stiftung und IG Metall, wie Algorithmen und lernende Maschinen die Gesellschaft und die Arbeitswelt verändern. Es zeigte sich, welch großes Potenzial in Künstlicher Intelligenz steckt und wo Vorsicht geboten ist.

Von ANDREAS SCHULTE

Für viele Arbeitnehmer wirkt sie wie ein aufziehendes Gewitter: Künstliche Intelligenz (KI) bedroht verschiedenen Stu­dien zufolge jeden fünften Arbeitsplatz. Zunächst würden stereotype Arbeiten wegfallen, später selbst kreative Tätigkeiten, heißt es. Aber stimmt das? Andere Studien sehen keinen Verlust von Arbeitsplätzen. Schlummern in den umstrittenen Algorithmen und lernenden Maschinen nicht auch Potenziale für die Arbeitswelt?

Diesen Fragen ging die 10. Engineering- und IT-Tagung der Hans-Böckler-Stiftung mit der IG Metall in den Ford-Werken Köln auf den Grund, zu der 250 Interessierte kamen. Dabei ergänzten Barcamp Sessions, also praxisorientierte Workshops mit Themen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Diskussionen und Vorträge.

Den ersten hielt Sarah-Jayne Williams, Smart-Mobility-Managerin bei Ford. „Wir werden mehr vernetzte Autos verkaufen, aber es werden insgesamt weniger Fahrzeuge sein als bislang“, sagte die Managerin. Deshalb wandle sich das Unternehmen hin zum Software- und Datenanbieter.

Diesen Schritt hat der deutsche Landmaschinenhersteller Claas bereits vollzogen. Mitarbeiter in größerer Zahl musste das Unternehmen seitdem nicht entlassen.

Claas braucht aber neben klassischen Ingenieuren zunehmend Softwareingenieure. Das Familien­unternehmen hat eine Plattform eingerichtet, die weltweit Informationen von vernetzten Landmaschinen sammelt, und handelt mit den Daten. Diesen für die Digitalisierung typischen Wandel eines Unternehmens beschrieb Innovationsforscher Frank Piller von der RWTH Aachen.

Wolfgang Ertel, Professor für KI in Ravensburg, entwickelt lernende Roboter, die Vorbild für die Technik von Ford und Claas sind. Er beschrieb beispielhaft ein gesellschaftliches Problem der Robotik: Technisch möglich seien bald bezahlbare Serviceroboter für den Haushalt, die den Wohnkomfort erheblich erhöhen könnten. Doch sei der Bedarf an Ressourcen und Energie enorm. Es drohe ein so genannter Rebound-Effekt, der Effizienzsteigerungen durch intensive Nutzung der neuen Technik ins Gegenteil verkehre.

„Wir müssen uns fragen, ob wir das wirklich wollen.“ Ertel appelierte an die Politik, „endlich ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das auf Wachstum verzichtet.“ Das Wachstum des Kapitalismus habe „den Planeten längst über seine Grenzen strapaziert.

Betriebsorientiert ging es in den Barcamps zu. Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, stellte einen Fünf-Punkte-Plan für innovative Mitbestimmung zur kritischen Betrachtung vor. Die Maßnahmen sollen Arbeitnehmervertretern helfen, Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern – etwa durch eine Qualifizierungsoffensive.

Ein Betriebsatlas soll veranschaulichen, in welchen Bereichen des eigenen Unternehmens Digitalisierung bereits existiert und welche Auswirkungen sie hat. Er stellt auch dar, wie der Qualifizierungsstand im Unternehmen ist und welche neuen Berufsfelder entstehen. So kann die Gewerkschaft die Folgen der Digitalisierung besser einschätzen. Christiane Benner gab zu Bedenken, dass „der Einsatz von KI nicht zu Personalabbau führen darf“.

Neben vorausschauenden Qualifizierungsmaßnahmen besteht der Plan weiterhin aus einer „Roadmap Digitalisierung“ für jeden Betrieb, dem Schutz der Beschäftigtendaten und vor physischer und psychischer Belastung sowie einer garantierten Beteiligung der Beschäftigten. Am Ende gab es einen Appell an das Plenum, diese Punkte gemeinsam anzugehen. Der Austausch zwischen Betriebsräten und Kollegen sei für den Erfolg des Plans entscheidend.

In einem anderen Camp erörterten Teilnehmer die Rechtslage beim Datenschutz: Wem gehören die Daten, die Nutzer intelligenter Maschinen erzeugen?

Und ein drittes Camp zeigte Möglichkeiten auf, wie KI zur Barrierefreiheit beitragen kann. Ein Ansatz: automatisierte Bildbeschreibungen, die Sehbehinderten die Nutzung des Internets erleichtern und dadurch auch die Chancen für Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt verbessern.

Aufmacherfoto: Stephen Petrat

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