Böckler Impuls Ausgabe 11/2016

Corporate Governance

Beteiligung stärkt die Moral

Inwieweit Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen, hängt auch von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Mitbestimmung wirkt sich positiv aus.

Unter zivilisierten Menschen gilt verantwortungsbewusstes Benehmen als Selbstverständlichkeit. Wenn Konzerne freiwillig Rücksicht auf die Umwelt oder die Gesellschaft nehmen, ist ihnen das in der Regel unter dem Stichwort „Corporate Responsibility“ (CR) eine ausführliche Erwähnung im Geschäftsbericht wert. Wie verbreitet entsprechende Aktivitäten international sind und mit welchen Faktoren das zusammenhängt, haben Gregory Jackson und Julia Bartosch von der FU Berlin untersucht. Ihrer Analyse zufolge ist CR kein geeigneter Ersatz für staatliche Regulierung, sondern idealerweise eine Ergänzung. Länder mit einem gewissen Maß an „institutionalisierter Solidarität“ – also beispielsweise mit einem effektiven Sozialstaat und Mitbestimmungsrechten für Arbeitnehmer – stünden in Sachen CR besser da als Länder, die in erster Linie auf den Markt setzen.

Für ihre Studie haben Jackson und Bartosch Daten großer börsennotierter Unternehmen in 24 OECD-Staaten aus den Jahren 2008 bis 2014 ausgewertet. Als Maß für die gesellschaftliche Verantwortung, die diese Konzerne übernehmen, haben sie einen CR-Index konstruiert, der das Engagement in den Bereichen Gemeinwesen, Diversity, Arbeitsplatzqualität, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Menschenrechte, Produktsicherheit sowie Aus- und Weiterbildung berücksichtigt. Der Index nimmt Werte zwischen 0 und 100 an, je nachdem, wie nah die CR-Aktivitäten dem möglichen Maximum kommen. Zusätzlich wurde ein Index für „Corporate Irresponsibility“, also für das Ausmaß unverantwortlicher Geschäftspraktiken erhoben, der auf Berichten von Presse und Nichtregierungsorganisationen beruht.

Der Auswertung zufolge haben die Großunternehmen dieser Welt moralische Fortschritte gemacht: Der CR-Index ist im Schnitt zwischen 2008 und 2013 von 41 auf 49 Punkte gestiegen. Zu den Vorreitern dieser Entwicklung gehören Frankreich, Großbritannien und Spanien. Deutsche Firmen landen 2013 mit durchschnittlich 55 Punkten im oberen Drittel. Bei den unverantwortlichen Aktivitäten schneiden die USA, Neuseeland und Australien am schlechtesten ab. Deutsche und britische Unternehmen, die im CR-Ranking recht gut dastehen, tun sich ebenfalls durch relativ viele unrühmliche Praktiken hervor. Konzerne in Frankreich und Schweden sind in zweierlei Hinsicht vorbildlich: viel CR, wenig Unverantwortlichkeit.

Um herauszufinden, worauf die Unterschiede zwischen den Ländern beruhen, haben die Sozialwissenschaftler ihre Ergebnisse zu sozialen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in Beziehung gesetzt. Nach ihren Berechnungen spielt zum einen die Unternehmensverfassung eine wichtige Rolle: Offenlegungspflichten zum Thema CR gehen mit mehr entsprechenden Aktivitäten einher. Mitbestimmung im Aufsichtsrat wirkt sich ebenfalls signifikant positiv aus, wobei der Effekt am stärksten in den Bereichen Menschenrechte und Diversity ausfällt. Offenbar setzen sich Arbeitnehmervertreter für Chancengleichheit ein, wenn sie die institutionelle Möglichkeit dafür haben, so die Autoren. Wettbewerbskontrolle ist CR eher abträglich, staatliche Ausgaben für Soziales sind förderlich. Konsistente Effekte können die Forscher hinsichtlich der Arbeitsbeziehungen nachweisen: Kündigungsschutz, starke Gewerkschaften, Betriebsräte und eine hohe Tarifdeckung wirken sich günstig aus.

Wenn man sich die Zusammenhänge mit unverantwortlichen Geschäftspraktiken ansieht, zeigt sich: Ein gut entwickelter Aktienmarkt, wenig Regulierung, niedrige Steuern und Sozialausgaben begünstigen sozial schädliche Verhaltensweisen. Das heißt: Liberale Steuerungsinstrumente wie Offenlegungspflichten, die auf Freiwilligkeit setzen, können zwar durchaus zu mehr CR führen, wie das Beispiel Großbritannien zeigt. Typisch liberale Konzepte bringen aber gleichzeitig mehr Unverantwortlichkeit mit sich. CR diene in diesem Zusammenhang vor allem dazu, von unternehmerischem Fehlverhalten abzulenken, so Jackson und Bartosch. Institutionen wie Kündigungsschutz und Betriebsräte tragen nach ihrer Analyse dagegen dazu bei, solches Fehlverhalten zu vermeiden. Daher halten sie es für wenig ratsam, CR per Deregulierung voranbringen zu wollen. Vielmehr sei ein gewisses Maß an Koordination notwendig, um simultan das Richtige zu fördern und das Falsche zu verhindern.

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Quellen

Gregory Jackson, Julia Bartosch: Corporate Responsibility in Different Varieties of Capitalism: Exploring the Role of National Institutions (pdf), Bertelsmann-Stiftung, Juni 2016


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