Porträt

Zeitenwende bei SAP

Andreas Hahn ist seit 2015 im Aufsichtsrat des Softwaregiganten. Von Michaela Namuth


„Hier rechts haben wir eine Gender-Toilette, und jetzt fahren wir hoch ins Großraumbüro der Entwickler“, erklärt Andreas Hahn, während er zielstrebig durch verglaste Etagen, lange Gänge und futuristisch designte „Kreativecken“ führt. Man kennt ihn, er kennt sich aus im Gebäudelabyrinth des SAP-Hauptquartiers in Walldorf.

Vor 24 Jahren ist er während des Studiums der Mathematik und Informatik als Werkstudent in die Firma gekommen. Heute ist er 45 und Produktexperte für Industriestandards und Open Source. Und er vertritt die Belegschaft im Aufsichtsrat. Dieser hat bei SAP eine ganz besondere Rolle: Bis 2006 gab es keinen Betriebsrat, aber Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. „Der hat sich auch um die betrieblichen Belange der Mitarbeiter gekümmert, ob es um Arbeitsstress oder neue Organisationsstrukturen ging“, erzählt Hahn. Dieses sehr individuelle Mitbestimmungsmodell funktionierte, solange es einen direkten Draht zum Vorstand der Unternehmensgründer gab. Die Hierarchien im Konzern waren flach, die Gehälter übertariflich und Gewerkschaften nicht gern gesehen – auch bei der Belegschaft.

Als Andreas Hahn zur Firma kam, saßen die SAP-Gründer noch im Vorstand. Dann zogen sie sich nach und nach aus dem operativen Geschäft zurück. „Danach kamen externe Manager und ein neuer Verwaltungsmittelbau. Der Druck auf die Mitarbeiter stieg“, erklärt er. Ein neuer Entwicklungschef forderte 120-prozentige Auslastung seiner Abteilung. In diesem Klima setzte eine Gruppe von IG-Metall-Mitgliedern die Gründung einer Belegschaftsvertretung durch. Hahn war von Anfang an im Betriebsrat, wo heute IG Metall und ver.di neben betrieblichen Gruppen vertreten sind. 2009 hat er die ver.di-Betriebsgruppe „upgrade“ mitgegründet.

Dann kam 2014 die Zäsur im Konzern. Man entschied, die Rechtsform der Europäischen Aktiengesellschaft, SE, zu wählen – ein Angriff auch auf die 76er-Mitbestimmung, um die Gewerkschafter draußen zu halten. „Der Schuss ging nach hinten los“, sagt Hahn heute. Am Ende wurde das Gremium von 16 auf 18 Mitglieder mit zwei direkt von der Belegschaft gewählten Gewerkschaftsvertretern aufgestockt – ein einmaliger Fall in der Geschichte der SE-Verhandlungen.

Einer von ihnen – Sebastian Sick, Unternehmensrechtler in der Hans-Böckler-Stiftung – war schon an den Verhandlungen über die Mitbestimmung in der künftigen SE beteiligt. Andreas Hahn ist überzeugt: „Ohne seine Kompetenz hätten wir das nie durchgeboxt. Bei harten Verhandlungen brauchen wir externe Experten.“ Sicks Rolle als Corporate-Governance-Experte wird inzwischen auch von Firmenchef Bill McDermott gewürdigt, und bei der Belegschaft führt sie zu einer neuen Akzeptanz der Gewerkschaften. „Diese Wahl war fast eine Zeitenwende bei SAP“, erklärt Hahn.

Im „Boardroom“ sitzt Hahn jetzt mit amerikanischen Managern am Verhandlungstisch. Man spricht offiziell Englisch und inoffiziell „Denglisch“, bei den Aufsichtsratssitzungen gibt es auch Dolmetscherkabinen. „Letztlich finden wir meistens einen Konsens, außer wenn es um den Gehaltsposten im Jahresbudget geht“, erzählt Hahn. Und dass dieser Konsens dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hasso Plattner, einst erklärter Gewerkschaftsfeind, besonders wichtig sei. Das derzeit wichtigste Projekt für Hahn ist der Technologieausschuss. Hier wird unter anderem das neue Cloud-Geschäft, also die Strategie der Zukunft, diskutiert. „Dass wir Arbeitnehmervertreter daran beteiligt sind, ist fundamental“, sagt er.

Ob das auch in Zukunft in diesem Umfang so bleibt, ist ungewiss. Ab 2019 könnten die Sitze der Gewerkschaftsvertreter bei einer möglichen Verkleinerung des Aufsichtsrats auf zwölf Sitze aufgrund einer Vertragsklausel wieder wegfallen. Doch diese Herausforderung will Andreas Hahn annehmen. Er stellt klar: „Wenn es sein muss, können die Gewerkschaften auch klagen.“

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Zur Person

Andreas Hahn, 45, studierte Mathematik und Informatik an der Universität Mannheim. 1992 kam er als Werkstudent zu SAP. Heute ist er Produktexperte für Industriestandards und Open-Source-Produkte. Bei der Bundestagswahl 2013 kandidierte er für die Piraten im Rhein-Neckar-Kreis. Seit 2006 ist Hahn Mitglied des Betriebsrats und Vorstandsmitglied der ver.di-Betriebsgruppe „upgrade”.


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