Ideenwettbewerb "Digitalisierung, Mitbestimmung, gute Arbeit“

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Einreichung von Projektskizzen



Die Hans-Böckler-Stiftung möchte Forschungsvorhaben fördern, die sich mit der Frage beschäftigen, inwiefern der Prozess der Digitalisierung im Sinne von Mitbestimmung und guter Arbeit gestaltet werden kann.
Vor diesem Hintergrund fordern wir zur Einreichung von Projektskizzen auf, die sich mit folgenden Aspekten zukünftiger Optionen und möglicher Konstellationen für politische Entscheider beschäftigen:

 

  • Forschung, die den sozialen Prozess der Digitalisierung einer kritischen Analyse unterzieht, die insbesondere die Veränderung von Machtverhältnissen in den Blick nimmt.
  • Forschung, die die konkreten Verschiebungen durch Digitalisierung thematisiert, wie etwa die Verschiebung zwischen Branchen oder von Kontrolle über digitale Produktionsmittel und Schlüsseltechnologien.
  • Forschung, die Akteurskonstellationen im Digitalisierungsdiskurs in Betracht nimmt und erörtert, entlang welcher Logiken sich Unternehmen, Parteien und Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände wechselseitig aufeinander beziehen.

Die Projekte sollen nicht nur die Risiken für gute Arbeit und Mitbestimmung untersuchen, sondern sich der Frage widmen: Welche Möglichkeiten eröffnen sich? Wie lässt sich Digitalisierung mit dem Ziel gestalten, die Machtverhältnisse zugunsten von guter Arbeit und Mitbestimmung zu verändern?

Zur Forschungsmethodik: Wir gehen davon aus, dass sich die Forschungsfragen am geeignetsten mit interdisziplinären Forschungsansätzen bearbeiten lassen. Die Forschungsmethoden sollten darauf ausgerichtet sein, auf der Basis einer empirischen Bestandsaufnahme dessen, was heute bereits Realität ist, alternative Optionen für die Zukunft herauszuarbeiten. Da der Prozess der Digitalisierung nicht neu ist, sind auch Arbeiten denkbar, die untersuchen, inwiefern Zukunftsvorstellungen der Vergangenheit zu einem kritischen Verständnis der aktuellen Diskussion beitragen können.

Der Prozess der Digitalisierung hat grundlegende Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft. Indem die aktuelle Diskussion den Akzent auf den Begriff Digitalisierung legt, ergibt sich jedoch das Risiko eines Technikdeterminismus. „Digitalisierung“ erscheint als etwas, das der Gesellschaft vorgegeben ist. Tatsächlich aber wird die Digitalisierung im Kontext anderer gesellschaftlicher Prozesse geformt und gestaltet. In den Projektskizzen sollen diese Prozesse daher mit ihren spezifischen Interessen, Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Leitbildern Beachtung finden, weil sie in die konkrete Gestaltung und Anwendung digitaler Technologien einfließen.

Wissensgesellschaft

Die Digitalisierung steht in engem Zusammenhang zu dem Prozess, der unter den Stichworten „Informationsgesellschaft“ oder „Wissensgesellschaft“ diskutiert wird. Der Fokus dieser Diskussion liegt auf dem Bedeutungszuwachs des Wissens als Produktivkraft, der dazu führt, dass nicht mehr nur der industrielle Produktionsprozess, sondern auch produktionsvorbereitende Bereiche wie Forschung und Entwicklung, Produktionsplanung, Service und Controlling im Sinne „wissenschaftliche Betriebsführung“ optimiert werden. Digitale Kommunikations- und Informationstechnologien spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Weiterentwicklung der Wissensgesellschaft wird von der Frage geprägt, wie der Zugang zu Wissen gestaltet werden soll: abgeschottet und monopolisiert oder offene Zugänge zu Wissensbeständen.

Finanzialisierung

Unter dem Stichwort „Finanzialisierung“ wird der zunehmende Einfluss des Finanzsektors und seiner Logik auf die Wirtschaft insgesamt diskutiert. Die Logik der Quantifizierung ist ein entscheidender Hintergrund für die Entwicklung digitaler Technologien. Gleichzeitig unterstützt die Digitalisierung Wachstum und Globalisierung der Finanzmärkte. Hinter beiden Prozessen, Finanzialisierung und Digitalisierung, steht das Ziel, die gesamte Wirklichkeit in berechenbare Größen zu transformieren und nach Maßgabe dieser Größen zu optimieren. Eine „Vermessung der Welt“ mittels binärer Codes wird komplexen ökonomischen Zusammenhängen jedoch nicht gerecht.

Geschlechterverhältnisse

Wie jede neue Technologie geht auch die Digitalisierung mit einer Neuaushandlung der Geschlechterverhältnisse einher, mit der Veränderung von Machtverhältnissen, geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen und Arbeitsteilungen. Die Entwicklung digitaler Technologien ist sehr stark männlich dominiert und von männlich konnotierten Leitbildern der künstlichen Intelligenz und der Beherrschbarkeit der Wirklichkeit geprägt. Sie eröffnet sowohl Möglichkeiten der Zementierung als auch der Überwindung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten. Eine kritische Analyse der Digitalisierung muss deshalb den Genderaspekt sowohl im Hinblick auf die Konzeption als auch die Auswirkungen digitaler Technologien einbeziehen.

Der Prozess der Digitalisierung umfasst alle Lebensbereiche. Er setzt sich aus einer Vielzahl von Prozessen zusammen, die zwar miteinander verbunden sind, sich dennoch klar voneinander trennen lassen. Für eine kritische Analyse kommt es darauf an Zugänge zu finden, die es ermöglichen, diese Komplexität in einer Weise zu bearbeiten, dass die Alternativen deutlich werden, die sich für die gesellschaftspolitische Diskussion eröffnen. Wir schlagen für die Formulierung von Projektskizzen folgende Zugänge vor:

Ökonomische Strukturen

Die Digitalisierung hat bereits und wird zukünftig weiterhin ökonomische Machtverhältnisse verändern. Derzeit stellt sich beispielsweise die Frage, ob die Digitalisierung zu einer Machtverschiebung von den klassischen Industrieunternehmen zu Internet- und IT-Unternehmen und zwischen Regionen in der Welt führt. Ebenso ist offen, inwiefern insbesondere Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen Wettbewerbsvorteile durch die Ausnutzung rechtlich unbestimmter Räume erzielen können.

Weitere Fragen stellen sich: Sind Basistechnologien als öffentliche digitale Infrastruktur zu sichern, um private Machtkonzentrationen zu verhindern? Wer kann sich die Kontrolle über die Daten und Produktionsmittel sichern? Wer kontrolliert Schlüsseltechnologien, von denen andere abhängig sind?

Digitalisierung und Mitbestimmung

Durch die digitale Entwicklung ergeben sich neue Aufgaben und Möglichkeiten für die betriebliche Mitbestimmung und Unternehmensmitbestimmung. Wie kann Mitbestimmung in global vernetzten Unternehmen mit transnationalen Arbeitsgruppen gewährleistet werden? Welche neuen Rechte müssen im Hinblick auf die zunehmende Menge an Daten, die im Arbeitsprozess entstehen, formuliert und durchgesetzt werden? Wie können digitale Techniken für neue Formen der Beteiligung und Interessenorganisation genutzt werden? Welche Möglichkeiten bieten sie für eine echte Demokratisierung von Unternehmen?

Qualifizierung und Ausbildung

Die Digitalisierung kann als ein Angriff auf das menschliche Erfahrungswissen und die lebendige Arbeit gelesen werden. Dabei erscheint es vor allem lohnend auszuloten, wie vorhandene Kompetenzen und Kreativitätspotenziale weiter ausgebaut werden können, um veränderten Qualifikationsanforderungen zu begegnen und in Verbindung mit künstlicher Intelligenz eine Aufwertung von Arbeit zu erreichen. Damit stellt sich die Frage, wie Wissensvermittlung und Lernen, Aus- und Fortbildung im Betrieb und in den Bildungseinrichtungen so gestaltet werden kann, dass die Souveränität der lebendigen Arbeit erhöht wird.

Big Data, Kontrolle und Autonomie

Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Schon jetzt nutzen Internetunternehmen Data Mining als Quelle der Wertschöpfung. Durch das Internet der Dinge werden die zur Verfügung stehenden Datenmengen in den nächsten Jahren enorm anwachsen und für kommerzielle Zwecke genutzt. In Unternehmen entstehen Datenmengen, die zur Leistungssteuerung und -kontrolle genutzt werden können. Das Potenzial für Machtverschiebungen ist offensichtlich. Über Analysen der Rechte an den eigenen Daten, eines zeitgemäßen Datenschutzes in Gesellschaft und Unternehmen oder der Informationsfreiheit geraten diese Verschiebungen in den Blick.

Urheberrecht und Arbeitsbeziehungen

Eine weitere Quelle der Wertschöpfung, die an Bedeutung gewinnt, ist das so genannte „geistige Eigentum“. Zur Neuregelung von Immaterialgütern für die digitale Welt gibt es seit über 20 Jahren intensive politische Debatten. Die Auswirkungen dieser Regelungen auf das Kräfteverhältnis von lebendiger Arbeit und Kapital sind unklar und werden in der öffentlichen Diskussion eher ausgeblendet. Bisherige Versuche, die Position der Urheberinnen und Urheber gegenüber Verlagen und Unternehmen zu stärken, haben sich als schwierig erwiesen. Eine klare und unvoreingenommene Analyse der bestehenden Regelungen und der Optionen für Neuregelungen ist für eine Positionsbestimmung zugunsten der kreativ Tätigen deshalb grundlegend.

Digitalisierung und Wohlfahrtsstaat

Die digitale technologische Entwicklung erfordert einen starken Sozialstaat. Mögliche Produktivitätsgewinne durch Digitalisierung könnten zur Stärkung einer solidarischen Gesellschaft eingesetzt werden. Zu untersuchen wären sozialstaatliche Herausforderungen zur Stabilisierung individueller Lebenslagen, die durch Transformationsprozesse in der digitalen Arbeitswelt entstehen können. Die Digitalisierung eröffnet ebenso neue Möglichkeiten und Zugänge zu gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen.

Bitte reichen Sie Ihre Idee für ein Forschungsvorhaben bis zum 15. August 2016 hier in Form einer elektronischen Projektskizze ein. In der Projektskizze wird die Identifizierung von Forschungslücken erwartet. Umsetzungs- oder Evaluationsvorhaben können nicht gefördert werden. Besonders willkommen sind uns Ideen von Forschungsteams, insbesondere wenn sie aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengesetzt sind.

Auf Ihre Projektskizze werden Sie von uns bis Ende September eine Rückmeldung erhalten, ob eine Weiterentwicklung zum Vollantrag mit Perspektive auf Förderung ab Sommer 2017 möglich ist. Für Rückfragen steht Ihnen Sabrina Hellfeier unter forschung-skizzen@boeckler.de zur Verfügung.

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