Selbstversuch

Ein Tag in der Content-Hölle

Zahlreiche neue Crowdworking-Plattformen versprechen Autoren schnelle und gut bezahlte Aufträge. Doch was ist dran am Versprechen von der schönen neuen Welt der Textarbeit? Ein Besuch im Bergwerk des Internetzeitalters. Von Andreas Kraft


Es ist Samstagmorgen. Gestern war ich in der Content-Hölle. Meine Augen tränen, in meinem rechten Handgelenk zieht es, ich habe Kopfschmerzen. Ich habe geklickt, gesucht und getippt und am Ende fast 15 Euro verdient. An einem ganzen Tag! Und dieses Geld ist mir nicht mal sicher. Denn ich weiß immer noch nicht, ob meine Kunden meine Texte auch annehmen.

Aber der Reihe nach: Vor gut einer Woche habe ich mich bei zwei neuen Crowdworking-Portalen beworben, die sich auf die Vermittlung von Texten spezialisiert haben. Zunächst muss ich in einem Einstellungstest aber beweisen, was ich kann. Dazu kann ich bei der einen Plattform einen beliebigen eigenen Text einreichen. Für die andere Plattform muss ich zunächst extra einen Reisebericht schreiben – das dauert gut zwei Stunden. Dann heißt es warten. Täglich schaue ich in mein E-Mail-Postfach. Doch keine Antwort.

Vor fast drei Jahren habe ich schon mal als Crowdworker gearbeitet. Solange ich warte, denke ich mir, kann ich doch mal meinen alten Account von einer dritten Plattform reaktivieren. Die Seite sieht jetzt zwar ein bisschen schicker aus, die Arbeit ist aber immer noch die gleiche. Und an den Arbeitsbedingungen oder der Bezahlung hat sich auch nichts verbessert.

Dafür ist mein erster Auftrag ganz schön spannend. Ich arbeite mit an der Zukunft der Automobilbranche. Zuerst nehme ich mit einer speziellen Software auf, wie ich in bestimmten Situationen mit meinem Auto sprechen würde – etwa damit die Spracherkennung die Hausnummer der Adresse im Navigationsgerät ändert oder das Heino-Album von 2013 abspielt. Pro Aufnahme bekomme ich fünf Cent. Nach einer Viertelstunde habe ich immerhin 70 Cent verdient. Ein bisschen stolz bin ich schon. Mein erstes Geld seit Langem in der „brave new world“ der Arbeit.

Dann wende ich mich einem Modeprojekt zu. Ich soll Produkte bestimmten Kategorien zuordnen. Doch dafür muss ich mich erst in einem Test qualifizieren. Das Armkettchen klappt noch ganz gut, bei dem Spitzenbody wird es schwierig. Was um Himmels willen ist Shapeware? Ich werfe einen Blick auf meinen oben eingeblendeten Verdienst: Das Auto-Unternehmen lehnt ein paar meiner Aufnahmen ab und storniert sie. Mein Kontostand schwindet, während ich mich frage, ob das jetzt ein Armreif oder eine Armspange ist. Mist. Daneben. Mein Bildschirm blinkt rot: „Unsere Qualitätssicherung hat Sie leider von der weiteren Mitarbeit an diesem Projekt ausgeschlossen. Dennoch vielen Dank für Ihre Mitarbeit!“ Nach einer halben Stunde Arbeit bin ich bei 60 Cent. Ich stelle den Laptop zur Seite.

Nur ein Cent pro Wort

Ein paar Tage später kommen endlich die lang erwarteten Mails. Der eine Anbieter gibt mir auf meinen Reisebericht drei Sterne. Das bedeutet, ich würde einen Cent pro Wort bekommen. Doch es gibt gar keine Aufträge für mich. Die Kunden wollen alle nur Autoren mit mindestens vier Sternen. Auf der anderen Plattform habe ich mehr Glück. Dort bin ich direkt Vier-Sterne-Autor, und es wartet eine Menge Arbeit auf mich. Ich kann mir sogar Themen suchen, die mich interessieren.

Ich klicke mich durch die Aufträge. Die Kunden erwarten übliche journalistische Standards: Alles soll richtig geschrieben sein, die Informationen sollen korrekt mit mindestens zwei Quellen recherchiert werden, der Stil soll ansprechend sein und je nach Leserschaft locker, gehoben oder sachlich. Nur bezahlen will dafür anscheinend keiner. 1,3 Cent pro Wort ist nicht viel. Jede Tageszeitung zahlt das Zehnfache. Und Tageszeitungen zahlen schon wenig.

Zuerst schreibe ich einen Artikel darüber, wie gut sich Weidenholz zum Verfeuern eignet. Ergebnis: Eigentlich gar nicht. Doch gefordert sind zahlreiche weitere Informationen: Wo und wie wachsen Weiden? Lassen sich ihre Stämme gut spalten? Wie lange muss man das Holz trocknen? Welchen Heizwert hat es? Verbrennt es mit Funkenflug? Ich brauche dafür gut zwei Stunden, 30 Minuten und 17 Internetseiten. Am Ende bekomme ich nicht mal fünf Euro. Dann beginne ich mit meinem zweiten Artikel, mit dem ich immerhin fast zwölf Euro verdienen kann. Ich soll einen Beitrag über Wärmedämmung schreiben. Meine üblichen journalistischen Standards werfe ich schnell über Bord. Es muss schnell gehen, aber am Ende brauche ich doch gut viereinhalb Stunden. Bekäme ich wenigstens den Mindestlohn, ich würde doppelt so viel verdienen.

Tageslohn 15 Euro

Nach sieben Stunden Arbeit bin ich ziemlich geschafft. Ich habe schließlich richtig Gas gegeben, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Aber wenn ich mich mit einem leeren Pappbecher in die Fußgängerzone gesetzt hätte, hätte ich jetzt bestimmt mehr als 15 Euro. Und ich kann nicht mal sicher sein, dass ich die 15 Euro auch wirklich bekomme. Wenn meinen Kunden meine Texte nicht gefallen, können sie sie einfach ablehnen, und ich habe umsonst gearbeitet.

Langsam schwant mir, wo ich hier gelandet bin: im Bergwerk des Internetzeitalters. Nur herrschen hier Zustände wie im Mittelalter. Es gibt keinen Arbeitsschutz, keine Sicherheitsstandards und keine Gewerkschaften. Für die Internetbranche gilt seit einigen Jahren der Grundsatz: Content ist King. Will ein Unternehmen über Google gefunden werden, braucht es Texte auf seiner Internetseite. Ohne Keywords geht jede Sichtbarkeit verloren. Sie sind das Gold der Branche. Nur diejenigen, die es aus dem Berg holen, sollen nicht vom Reichtum profitieren. Das Geld mit dem Internet verdienen andere: die Programmierer und Kapitalgeber, aber nicht die Autoren.

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