Altstipendiat

Der Intendant

Thomas Oberender bekleidet als Intendant der Berliner Festspiele einen der herausgehobensten Kulturposten der Republik. Und sucht nach großen Formaten für großes Publikum. Von Susanne Kailitz


 Es ist nicht ganz leicht, sich Thomas Oberender als Performer vorzustellen, singend, tanzend, sprechend auf der Bühne. Der Intendant, in schwarzem Poloshirt und Sakko, wirkt sehr kontrolliert und ein bisschen unnahbar. Er kann, das haben Feuilletonisten großer Wochenblätter festgestellt, fast ein bisschen streng sein, wenn man ihn nach Kunst und Kultur befragt – aber das könnte auch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein, weil sich vermutlich die meisten Menschen ein bisschen kulturbanausig fühlen, wenn sie ihm gegenübersitzen und darüber nachdenken, wie lange sie nicht mehr im Theater waren. 

Denn mehr Kultur geht nicht: Oberender, 1966 in Jena geboren, hat an der Berliner Humboldt-Universität Theaterwissenschaft und szenisches Schreiben an der Universität der Künste studiert und 1999 mit einer Arbeit über Botho Strauß promoviert. Nach Stationen in Bochum und Zürich ging er 2006 nach Salzburg, wo er das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele leitete. Vor mehr als drei Jahren kam er zurück in seine alte Heimat: als Chef der Berliner Festspiele, für die er selbst gelegentlich auf die Bühne geht.

Oberender hält die Kombination aus Ausstellungs- und Festspielhaus für „eine in der Welt einmalige und der Entwicklung der zeitgenössischen Kunst ideal entsprechende Konstellation“. Sein Ziel ist es, die neuen Entwicklungen in der Welt der Musik, des Theaters und der bildenden Kunst zusammenzuführen. Die Festspiele sind für ihn ein „modernes, hybrides Modell, das die internationale Kunst zwischen den Künsten“ abbildet und aufgrund der Größe ihrer Häuser dabei auf der Suche nach den großen Formaten ist. Für ein großes Publikum: Die Berliner Festspiele lockten mit ihren Festivals und Veranstaltungsreihen im vergangenen Jahr mit den Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau rund 780 000 Besucher an. Zu den Festivals und Akademieprogrammen im Festspielhaus in Wilmersdorf kamen 150 000.

Für Thomas Oberender stehen die gelegentlichen Auftritte als Performer vielen anderen Verpflichtungen gegenüber. Als Intendant ist er für die künstlerische Ausrichtung seiner beiden Häuser verantwortlich, als Geschäftsführer muss er sich zugleich um Verträge, Budgets und die politische Situation der Festspiele kümmern. In den letzten Jahren hat er sich zudem einen Namen für neue Wege der Kulturpolitik gemacht. Zugleich kämpft er für ein neues Verständnis von Hochkultur, das die klassischen Institutionen schützt, aber auch die sogenannte freie Szene und ihre Ensembles einbezieht.

Damit ist er auch der Hans-Böckler-Stiftung ganz nah, über die er bis heute mit spürbarer Achtung spricht. Sie habe ihn als Studenten aus Ostdeutschland in den 90er Jahren „in einer ganz unglaublichen Art unter die Fittiche genommen, mit einem großen Interesse an anderen Lebenswegen“. Die Förderung sei durch viele Extraleistungen wie regelmäßige Kongresse, Seminare und Gutscheine „viel mehr als Geld“ gewesen; letztlich habe er sich vor allem aus Verbundenheit zur Stiftung „am Riemen gerissen“ und die Dissertation durchgezogen. „Ich hatte am Ende das Gefühl, der Stiftung das schuldig zu sein.“

Die Welt der Künste habe ihn immer schon angezogen, sagt er, schon während seiner Zeit in der DDR, als er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser machte und parallel das Abitur ablegte. Doch sie sei nie eine Flucht vor der Realität gewesen. „Dass Kunst und Künstler abgehoben oder lebensfremd sind, ist ein Klischee. Im Gegenteil: Künstler müssen dem Leben sehr nahekommen, um es in Worte und Formen zu fassen. Sie sind nicht weltfremd, sondern weltvertraut.“

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