Drei Fragen an Silke Tober

Prognose zur Jahresmitte

Silke Tober, Expertin für Geldpolitik im IMK, beantwortet drei Fragen zu der konjunkturellen Lage in Deutschland zur Jahresmitte (Report 148).


Droht in Deutschland eine Rezession?

Das Risiko einer Rezession ist seit Mitte vergangenen Jahres zwar merklich gestiegen, aber die Binnennachfrage erscheint robust genug, um die Aufwärtsentwicklung trotz schwächerer Weltwirtschaft und hoher Unsicherheiten in Gang zu halten. Ausschlaggebend für diese Einschätzung ist die Tatsache, dass die Stagnation im zweiten Halbjahr 2018 zu einem erheblichen Teil auf Sondereffekten beruhte, insbesondere den Zertifizierungsproblemen in der Automobilindustrie, aber auch dem niedrigen Wasserpegel des Rheins. Entsprechend haben wir im ersten Quartal eine merkliche Gegenbewegung gesehen. Die Eigendynamik der Konjunktur ist intakt, wenn auch abgeschwächt. Die Auftragseingänge, insbesondere aus dem Ausland, sind aufwärts gerichtet und die Geschäftserwartungen haben sich zuletzt stabilisiert.
Vor diesem Hintergrund prognostiziert das IMK einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1 % im Jahr 2019 und um 1,6 % 2020. Da im kommenden Jahr ein Arbeitstageeffekt in Höhe von 0,4 Prozentpunkten zu Buche schlägt, impliziert diese Entwicklung nur eine geringfügig erhöhte Dynamik im Verlauf des Prognosezeitraums. Die Arbeitslosenquote sinkt auf durchschnittlich 5,0 % in diesem Jahr und verharrt im kommenden Jahr auf diesem Niveau.

Die Industrieproduktion ist seit November 2018 in der Tendenz rückläufig. Ist das mit einem positiven BIP-Wachstum vereinbar?

Die Produktion im Dienstleistungssektor und im Bau kompensiert gegenwärtig die schwache Industrieproduktion. Die Industrieproduktion ist durch ihre hohe Exportabhängigkeit am stärksten von der Abschwächung der Weltwirtschaft und den Unsicherheiten über den weiteren Verlauf der Handelskonflikte und die genaue Ausgestaltung des Brexits betroffen. Darüber hinaus spielten sich auch die temporär dämpfenden Effekte in der zweiten Jahreshälfte 2018 – insbesondere die Zertifizierungsprobleme in der Kfz-Industrie – in diesem Bereich ab. Anfang 2019 holten die privaten Haushalte dann einen Teil der Kfz-Käufe nach, die sie im zweiten Halbjahr 2018 nicht tätigen konnten. Das ist ein Grund für den mit 1,2 % sehr kräftigen Anstieg des privaten Konsums im ersten Quartal 2019. Unterstützend wirkten fiskalische Maßnahmen wie die Senkung der Einkommensteuer. Auch die Bauinvestitionen expandierten robust und die Ausrüstungsinvestitionen wurden moderat ausgeweitet.
In der Prognose geht das IMK davon aus, dass die Industrieproduktion in den kommenden Monaten einen Aufwärtskurs einschlägt. Die Verflechtungen des industriellen Sektors mit dem Dienstleistungssektor sind groß, insbesondere über Vorleistungen, die für die industrielle Produktion erbracht werden. Daher ist ein Auseinanderlaufen der Entwicklungen nur vorübergehend möglich. Ein anhaltendes Schrumpfen der Industrieproduktion hätte bald gesamtwirtschaftliche Auswirkungen und einen Einbruch bei der Beschäftigung zur Folge.

Warum ist aus Sicht des IMK gegenwärtig ein weiterer fiskalischer Impuls notwendig?

Die Fiskalpolitik setzt zwar in diesem Jahr bereits expansive Impulse, diese sind aber aus mehreren Gründen zu schwach. Erstens sollte der Staat den stattfindenden Strukturwandel hin zu Digitalisierung und Klimaschutz verstärkt mit eigenen Investitionen und Förderprogrammen, zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr, unterstützen, um so ein innovationsfreundliches Umfeld zu schaffen und private Investitionen anzustoßen. Zweitens ist eine mit höheren öffentlichen Investitionen einhergehende Stärkung der Binnennachfrage erforderlich, um bestehende internationale Ungleichgewichte abzubauen und zu einer Deeskalation der Handelskonflikte beizutragen. Deutschland wird aufgrund des hohen Leistungsbilanzüberschusses (2018: 7,4 %) in diesem Jahr zum neunten Mal in Folge gegen die EU-Stabilitätsregeln, konkret die Grenzwerte zur Vermeidung makroökonomischer Ungleichgewichte, verstoßen. Drittens sollte Deutschland als Land mit einem erheblichen fiskalischen Spielraum zur Stabilisierung des Euroraums beitragen, um so die Geldpolitik zu entlasten. Die EZB befindet sich auch neun Jahre nach Ausbruch der Eurokrise noch im Krisenmodus, der Leitzins ist seit fünf Jahren negativ und die Kerninflationsrate ist mit zuletzt 0,8 % im Euroraum und 0,9 % in Deutschland viel zu niedrig. Sollte es zu einer stärkeren Abschwächung im Euroraum kommen wäre ein schnelles fiskalpolitisches Handeln noch dringlicher, da dann die Gefahr eines Aufflammens der Krise merklich steigen würde.

 


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