Drei Fragen an Dorothee Rodenhäuser

NWI 2018 – Konsum treibt die Entwicklung des Nationalen Wohlfahrtsindex anArtikel 115026

Dorothee Rodenhäuser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für interdisziplinäre Forschung FEST, arbeitet zu Wohlfahrts- und Nachhaltigkeitsindikatoren.


Wie haben sich konventionelles Wachstum und der alternative Wohlfahrtsindex in den letzten Jahren in Deutschland entwickelt?

Seit 2014 weist der Nationale Wohlfahrtsindex erstmals seit langem eine ähnliche Entwicklung auf wie das Bruttoinlandsprodukt: Beide Indikatoren haben deutlich zugelegt, vor allem aufgrund steigender privater Konsumausgaben. Das war zuletzt in den 1990er Jahren der Fall. Zwischenzeitlich wuchs zwar das BIP, die Wohlfahrt ging dagegen von 2000 bis 2005 sogar zurück und stagnierte anschließend. Im Jahr 2016 wird daher nur ein Wohlfahrtsniveau ähnlich dem von 1995 erreicht, während das BIP rund 33 Prozent höher ist als damals.

Für den Index spielen Umweltschäden eine große Rolle, sind diese zurückgegangen?

Ja, Umweltschäden und -risiken wie der Ausstoß von Luftschadstoffen und Treibhausgasen, aber auch die Kernenergienutzung sind zurückgegangen. Gerade in den 1990er Jahren hat die Verringerung der Emissionen einen wichtigen Beitrag zur positiven Wohlfahrtsentwicklung geleistet. Seither war der Einfluss in der Tendenz kleiner und die Entwicklung uneinheitlicher. Die Wohlfahrtsabzüge durch Treibhausgasemissionen z. B. sind in den letzten drei Jahren so niedrig wie – mit Ausnahme des Krisenjahrs 2009 – nie zuvor im betrachteten Zeitraum. Leider waren die klimaschädlichen Emissionen 2015 und 2016 aber wieder höher als 2014.

Insgesamt sind die Umweltkosten „konservativ“ angesetzt und werden voraussichtlich unterschätzt. Einige Umweltprobleme werden im NWI wegen Daten- und Bewertungsschwierigkeiten sogar nur sehr eingeschränkt erfasst. Hier besteht weiter Forschungsbedarf. Vor allem Wohlfahrtsverluste durch den Rückgang der Biodiversität können bisher nicht ausreichend quantifiziert werden und gehen nur als „Merkposten“ ein. Das wird der Brisanz des Problems nicht gerecht.

Welche Rolle hat die ungleiche Entwicklung der Einkommen für die Wohlfahrt in den letzten Jahren gespielt?

Die Entwicklung der Einkommensverteilung ist in der Perspektive des Nationalen Wohlfahrtsindex ein ganz entscheidender Aspekt gesellschaftlicher Wohlfahrt. Der starke Anstieg der Ungleichheit in den Jahren 1999 bis 2005 hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Wohlfahrt in Deutschland in dieser Zeit gesunken ist. Seither hat sich daran nichts verbessert, im Gegenteil: In den letzten Jahren verharrt die Ungleichheit auf dem höchsten Niveau seit 1991, dem Beginn des betrachteten Zeitraums. Zwar stiegen die durchschnittlichen Arbeitseinkommen zuletzt deutlich an, die Vermögens- und Kapitaleinkommen aber auch. Die ungleiche Einkommensverteilung neutralisiert daher einen Teil der positiven Wohlfahrtswirkung steigender privater Konsumausgaben. Denn wenn zusätzliche Einkommen Menschen mit hohem Einkommen zufließen, stiften sie dort einen geringeren „Grenznutzen des Konsums“ als bei Ärmeren, für die der gleiche absolute Zuwachs viel stärker ins Gewicht fällt.


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