Drei Fragen an Ulrike Stein

Arbeitskosten in Deutschland

Wir haben Ulrike Stein, Expertin im IMK unter anderem für Einkommensverteilung und Arbeitsmarkt drei Fragen zu den aktuellen Arbeitskosten in Deutschland gestellt.


Sind die Arbeitskosten in Deutschland zu hoch?

Mit durchschnittlichen Arbeitskosten in Höhe von 33,6 Euro in der Privatwirtschaft befindet sich die deutsche Wirtschaft weiterhin im unteren Bereich der Gruppe der EU-Hochlohnländer. Im Euroraum als Ganzes lagen die Arbeitskosten in der Privatwirtschaft bei knapp 30 Euro. Falscherweise wird in der Diskussion um hohe Arbeitskosten und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft häufig allein das Niveau der Arbeitskosten betrachtet. Richtigerweise muss man den Kosten auch die Produktivität gegenüberstellen. Die Relation zwischen Arbeitskosten und Produktivität sind dann die sogenannten Lohnstückkosten. Diese Lohnstückkosten haben sich in Deutschland deutlich schwächer entwickelt als in allen anderen europäischen Ländern. Es kann daher keine Rede davon sein, dass die deutschen Arbeitskosten insgesamt zu hoch sind. Der hohen Entlohnung steht eine mindestens ebenso hohe Produktivität entgegen.

Die Arbeitskosten in Deutschland steigen stärker als im Schnitt des Euroraums. Ist dies ein Problem?

Die deutschen Arbeitskosten pro Stunde in der Privatwirtschaft haben sich im Jahr 2016 um 2,5 % erhöht. Damit fiel der Anstieg knapp doppelt so hoch aus wie im Durchschnitt des Euroraums. Der nur mäßige Anstieg der europäischen Arbeitskosten ist der Tatsache geschuldet, dass in den meisten sogenannten ehemaligen Krisenländern die Arbeitskosten je Stunde in der Gesamtwirtschaft stagnierten oder erneut sanken.
Die Lohnstückkosten sind in Deutschland mit 1,8 % im Jahr 2016 zwar ebenfalls doppelt so stark wie im Euroraum-Durchschnitt gestiegen. Sie befinden sich damit aber fast im Einklang mit dem Inflationsziel der EZB von knapp 2 %, das als stabilitätskonforme Entwicklung für den Euroraum angesehen wird. Allerdings war die über Jahre hinweg andauernde niedrige Lohnstückkostenentwicklung in Deutschland aus makroökonomischer Sicht destabilisierend für den Euroraum. Für eine stabilitätskonforme Entwicklung hätten die deutschen Lohnstückkosten in diesem Zeitraum im Durchschnitt doppelt so stark ansteigen müssen. Es besteht also weiterhin ein deutlicher preislicher Wettbewerbsvorteil Deutschlands.

Wie wirken sich die kostengünstigen Dienstleistungen in Deutschland auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie aus?

In Deutschland liegen die Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe bei 39 Euro. Im privaten Dienstleistungssektor sind es lediglich 30,6 Euro. In keinem anderen Land in der europäischen Union sind die Arbeitskosten im privaten Dienstleistungssektor im Verhältnis zur Industrie so niedrig wie in Deutschland. In einigen mittel- und osteuropäischen EU-Ländern ist das Verhältnis sogar umgekehrt.
Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die exportstarke Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt. Nach den neuen Berechnungen des IMK entsteht durch die Einbeziehung dieser Vorleistungsverflechtungen eine Reduktion der Arbeitskosten der deutschen Industrie von rund 11 % was ca. 4 Euro im Jahr 2016 ausmacht. Damit profitiert die deutsche Industrie wie in keinem anderen Land von den vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten im privaten Dienstleistungssektor.


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