Drei Fragen an Christian Proaño

Promotionskolleg an der Universität Bamberg

Univ.-Prof. Dr. Christian R. Proaño, Professur für Volkswirtschaftslehre, insb. Angewandte Wirtschaftsforschung, betreut das Promotionskolleg „Makroökonomik bei beschränkter Rationalität: Dynamik Stabilisierung und Verteilung“ an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.


Die  Hans Böckler Stiftung mit dem IMK fördern ein Doktoranden Kolleg an Ihrem Fachbereich. Worum geht es dabei fachlich?

Das Promotionskolleg „Makroökonomik bei beschränkter Rationalität: Dynamik Stabilisierung und Verteilung“ an unserem Fachbereich an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg befasst sich primär mit der Interaktionen von Finanz- und Realmärkten sowie mit der daraus entstehenden Dynamik bei der Einkommens- und Vermögensverteilung. Wir wollen theoretische Modelle entwickeln, die die beschränkte Rationalität der Wirtschaftsagenten angemessen wiederspiegeln, ihre makroökonomischen Konsequenzen erklären und wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen liefern können.

Inwieweit ist dies ein Beitrag  zur Reform des ökonomischen  Denkens?

Die überwiegende Mehrheit der ökonomischen Zunft hat weder das Auftreten noch das Ausmaß der letzten globalen Finanzkrise zeitnah erkannt und scheinbar auch die Interdependenz internationaler Finanzmärkte und ihren Einfluss auf die Realwirtschaft stark unterschätzt. Zunehmend werden deshalb aus der akademischen und politischen Arena Rufe lauter, die Alternativen zur vorherrschenden Lehrmeinung in der Makroökonomik fordern. Ziel unseres Promotionskollegs ist es, interessierten Promovierenden den neuesten Forschungsstand zu eben solchen Alternativen zu vermitteln, um sie danach in ihrer eigenen Forschung auf diesem Gebiet zu betreuen bzw. bei ihrem beruflichen Werdegang zu unterstützen. Unserer Meinung nach sind Alternativen zur vorherrschenden Makroökonomik, insbesondere angesichts globaler Krisen und historisch stark zunehmender Ungleichheiten, aus gesellschaftspolitischer Sicht nicht nur geboten sondern auch dringlich erforderlich.

Inwieweit ist  dies wirtschaftspolitisch von Bedeutung?

Der unterstellte Grad an Rationalität der Akteure in einem Wirtschaftssystem ist nicht nur von zentraler Bedeutung für seine Dynamik und Stabilität, sondern bedingt in einer direkten Art und Weise die Wirkung und den Spielraum wirtschaftspolitischen Handelns. Während die Wirtschaftspolitik unter adaptiven (zurückgewandten) Erwartungen über „traditionelle makroökonomische Transmissionsmechanismen“ die Realwirtschaft beeinflusst, verläuft dieser Effekt unter der Annahme von „rationalen Erwartungen“ hauptsächlich über die Erwartungsbildung der Marktakteure. Folgerichtig ist die Hauptaufgabe der Wirtschafspolitik im letzteren Fall, den rationalen Erwartungsbildungsprozess durch deutliche und vorausschaubare Handlungen zu beeinflussen, um auf diesem Wege das Wirtschaftssystem zu einem bestimmten Gleichgewicht zu lenken. Somit basiert die Effizienz und sogar die Angemessenheit wirtschaftspolitischer Handlungen auf einer extremen und in der Realität höchst unwahrscheinlichen Situation in der a) alle Agenten das „ganze Modell“ und seine Funktionsweise perfekt durchschauen, verstehen und dementsprechend ihre Erwartungen bilden, und b) der Staat den Erwartungsbildungsprozess der Agenten ebenfalls perfekt durchschaut, diesen versteht, um letztlich diese Kenntnisse bei seiner Lenkungsfunktion ausnutzen zu können.

Da es aber in keiner Weise gewährleistet ist, dass rationale – besser: modellkonsistente – Erwartungen tatsächlich endogen gebildet werden können, kann eine Diskrepanz zwischen dem wahren datengenerierenden Prozess, dem tatsächlichen Erwartungsbildungsprozess der Wirtschaftssubjekte und dem vom Staat angenommenen Erwartungsbildungsprozess der Agenten zu makroökonomischer Instabilität führen. Vor diesem Hintergrund wollen wir im Rahmen dieses Promotionskollegs unter anderen Themen erforschen, wie das Design von geld- und fiskalpolitischen Regeln in einem solchen unsicheren makroökonomischen Rahmen ohne die zwingende Annahme von rationalen Erwartungen erfolgen soll.


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