Böckler Impuls Ausgabe 20/2015

Gender

Zweigeteilte Arbeitswelt

Frauen arbeiten nach wie vor mehrheitlich in Frauenberufen, Männer in Männerberufen – und im Laufe eines Arbeitslebens verstärkt sich diese Tendenz noch. Das kann mit überkommenen Denkmustern zusammenhängen.

Geschlechtertrennung ist in vielen Bereichen gang und gäbe: Es gibt Frauenzeitschriften und Männermagazine, Damensalons und Barbiere, Überraschungseier für Mädchen und für Jungen. Und es gibt Frauenberufe und Männerberufe. Wie stark die geschlechtliche Segregation am Arbeitsmarkt aktuell ausfällt und wie sie sich erklären lässt, zeigt eine Studie von Anne Busch-Heizmann. Die Auswertung der Soziologin von der Universität Hamburg basiert auf aktuellen Daten des Mikrozensus, des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und der Erwerbstätigenbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Zahlen belegen, „dass der deutsche Arbeitsmarkt von einer paritätischen beruflichen Verortung von Frauen und Männern noch weit entfernt ist“.

Den Berechnungen zufolge arbeiten knapp 58 Prozent der männlichen Erwerbstätigen in Berufen mit mindestens 70 Prozent Männeranteil. Erwerbstätige Frauen gehen zu 52 Prozent einem weiblich dominierten Beruf nach. In Berufen, die weniger als 30 Prozent Geschlechtsgenossen aufweisen, ist dagegen nicht einmal ein Zehntel der Männer und Frauen tätig. Ein weiterer Befund: Frauen konzentrieren sich auf einige wenige Bereiche, bei den Männern ist das Spektrum breiter. Lediglich 5 von 138 Berufsgruppen der neuen Berufsklassifikation des Statistischen Bundesamtes weisen einen Frauenanteil von mindestens 90 Prozent auf, in 26 Berufen machen dagegen Männer mehr als neun Zehntel der Erwerbstätigen aus.

Die klassische Angebotstheorie würde diese Differenzen darauf zurückführen, dass Frauen andere berufliche Vorlieben als Männer haben. Die Forschung zeige allerdings, dass diese Erklärung zu einfach ist, so Busch-Heizmann. Denn: Wenn unterschiedliche Präferenzen ausschlaggebend sein sollten, wäre davon auszugehen, dass ein einmal eingeschlagener Berufsweg nur selten verlassen wird. Tatsächlich entscheide sich aber ein erheblicher Teil derjenigen, die einer geschlechtsuntypischen Tätigkeit nachgehen, nach einer Weile für einen geschlechtstypischen Job. Von den Frauen in Männerberufen, die im Rahmen des SOEP befragt wurden, sind innerhalb von zehn Jahren knapp 15 Prozent in Berufe mit einem höheren Frauenanteil gewechselt. In umgekehrter Richtung waren es nur 7 Prozent. Männer in Frauenberufen haben sich zu 18 Prozent einen Job mit höherem Männeranteil gesucht, nur 4 Prozent haben männlich gegen stärker weiblich dominierte Berufe getauscht.

Als eine wichtige Ursache für ihre Befunde verweist die Autorin auf historisch gewachsene „institutionelle Barrieren“. Während die Arbeitsbedingungen in Männerberufen typischerweise dem Leitbild des vollzeitberuflichen Familienernährers entsprächen, sollten Frauenberufe traditionell einen Zuverdienst neben den familiären Pflichten ermöglichen. Das spiegelt sich nach wie vor in den Arbeitszeiten wider: In Männerberufen beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit 43,4 Wochenstunden, bei Frauenberufen sind es 32,7 Stunden. Allerdings: Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitszeitanpassung sind eher in Männer- als in Frauenberufen gegeben.

Frauen in technischen Berufen diskriminiert

Ein weiterer wichtiger Faktor sind laut Busch-Heizmann verbreitete Geschlechterstereotype. Beispielsweise zeigten Studien, dass Männer unabhängig von ihren Schulnoten ihre mathematischen Fähigkeiten optimistischer einschätzen als Frauen. Das bringe nicht nur mit sich, dass Männer eher einen Beruf aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik ergreifen. Es könne zudem dazu führen, dass Frauen, die sich für einen dieser Berufe entscheiden, bei der Arbeit diskriminiert werden und sich deshalb beruflich neu orientieren.

Auch die scheinbar höhere Konzentration weiblicher Erwerbstätiger in einigen wenigen Berufen könnte mit traditionellen Denkmustern zusammenhängen: Die Forscherin hält es für denkbar, dass die Vielfalt von Frauenberufen in standardisierten Berufsklassifikationen wegen des geringeren gesellschaftlichen Status von „Frauentätigkeiten“ unterschätzt wird.

Das Fazit der Sozialwissenschaftlerin: Um der Segregation entgegenzuwirken, reichten Programme nicht aus, die Mädchen für Technik und Jungen für Krankenpflege begeistern sollen. Zusätzlich gelte es, andere Arbeitszeitnormen in Männerberufen durchzusetzen, die nicht mehr auf das Ideal des uneingeschränkt zur Verfügung stehenden Arbeitnehmers zugeschnitten sind. Andererseits müsse sichergestellt werden, dass Frauenberufe eine eigenständige Existenzsicherung ermöglichen. Darüber hinaus sei es wichtig, überkommene Vorstellungen von spezifisch weiblichen oder männlichen Fähigkeiten zu überwinden.

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