Gute Arbeit

Der Rheinbahn-Knigge

Die Rheinbahn AG in Düsseldorf will von ihren Beschäftigten jetzt regelmäßig wissen, wo der Schuh drückt. Schwachstellen im Unternehmen werden dann systematisch bearbeitet. Der Grund: Bald ist jeder zweite Rheinbahner über 50. Von Carmen Molitor


Zu wenig Zeit für Freunde und Hobbys, zu wenig Rückmeldung des Vorgesetzten zur Arbeitsleistung und nicht genügend Fortbildung – es sind vor allem diese drei Punkte, die die Beschäftigten der Rheinbahn AG kritisieren. Dafür schätzen sie an ihrem Arbeitgeber das „hohe Engagement für die Arbeit“, die „hohe fachliche Kompetenz“ und sind zuversichtlich, ihre Arbeit auch noch in zwei Jahren gesundheitlich bewältigen zu können. Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer Befragung der Belegschaft, die der Vorstand der Rheinbahn AG, unterstützt vom Betriebsrat, im Februar initiiert hatte. Zentrale Fragestellung: Was kann das Unternehmen dafür tun, damit die Mitarbeiter ihren Job dauerhaft gut bewältigen können?

Die Düsseldorfer Rheinbahner bleiben ihrem Unternehmen durchschnittlich 19,2 Jahre treu, Tendenz steigend. Und der demografische Wandel geht nicht spurlos vorbei. „2020 ist jeder zweite Rheinbahner über 50 Jahre alt“, erklärt Arbeitsdirektor Klaus Klar. „Wir müssen uns fragen, was wir dafür tun können, die Menschen arbeitsfähig zu halten. Das ist alternativlos, um erfolgreich am Markt zu bleiben.“ Klar will die 2600 Beschäftigten regelmäßig befragen lassen, wo sie der Schuh drückt, und auf Basis ihrer Antworten Maßnahmen entwickeln, um die Arbeitssituation kontinuierlich zu verbessern. Die Rheinbahn AG wählte für diesen Prozess das Konzept „Haus der Arbeitsfähigkeit“ des Arbeitsphysiologen Professor Juhani Ilmarinen. Damit lässt sich wissenschaftlich erheben, ob die Beschäftigten ihre Arbeit unter den derzeitigen beruflichen und privaten Umständen gut bewältigen können und sich dabei wohlfühlen. Und, falls nicht, was das Unternehmen daran ändern kann. Was Klar überzeugte, war, „dass die Bewertung des Status quo aus Sicht der Mitarbeiter erfolgt und nicht durch Beratungsunternehmen.“ 

DER BETRIEBSRAT IST NAH DRAN

Durch die Befragung trat manches Problem zutage, das schon länger brodelt. Beispiel Fahrdienst: Hier gelingt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur schwer. Vor allem Fahrerinnen und Fahrer, die sowohl in Bussen als auch in Stadt- und Straßenbahnen eingesetzt werden, beklagen sich über besonders belastende Dienste: „Teilweise sind die Dienstschichten sehr lang, und durch den täglichen Wechsel mit Übergängen von Mitteldiensten zu Frühdiensten entstehen oftmals kurze Ruhezeiten“, beschreibt Betriebsrat Uwe David. Die durchschnittliche Arbeitszeit von 7,48 Stunden muss der Fahrer im Mittel über ein Jahr erbringen. „Da sind Wochen mit 60 Stunden und Wochen mit 30 Stunden dabei.“ Dabei das Privatleben zu organisieren kostet zu viel Kraft, monierten die Betroffenen in der Befragung. 

Der Betriebsrat beschäftigt sich schon länger mit diesem Problem. Zusätzlich nahm sich jetzt die Projektgruppe des „Hauses der Arbeitsfähigkeit“ der Kritik der Fahrer an. Das Gremium, das sich aus Frauen und Männern unterschiedlicher Bereiche und Hierarchien des Unternehmens zusammensetzt, arbeite systematisch daran, Lösungen für die zentralen in der Umfrage geäußerten Probleme zu finden, sagt Projektleiterin Viktoria Fromme. Die entwickelten Maßnahmen stellt die Gruppe einem Lenkungskreis aus den beiden Vorständen, dem Betriebsleiter und den drei geschäftsführenden Betriebsräten vor, der darüber entscheidet, ob die Ideen umgesetzt werden.

Die Projektgruppe sieht im Fahrdienst vor allem den diffusen Verdacht der ungerechten Behandlung als Problem: „Viele Fahrer haben das Gefühl, dass sie immer belastende Dienste zugeteilt bekommen und andere nie“, erklärt Fromme. Die Projektgruppe schlug deshalb vor, für mehr Transparenz bei der Verteilung der Dienste zu sorgen, um mehr Zufriedenheit der Beschäftigten zu erreichen. „Was die Projektgruppe macht, ist nicht falsch“, kommentiert Betriebsrat Uwe David. „Aber das alleine reicht nicht aus. Wir müssen an den Diensten selber arbeiten. Die sind teilweise fast zehn Stunden lang!“ Betriebsrat und Projektgruppe gehen das Problem nun von zwei Seiten aus an. Das wird vermutlich kein Einzelfall bleiben. 

KRITIK AN DER DIENSTPLANUNG

Nicht alle Mitarbeiter waren anfangs begeistert über die Befragung. Manche argwöhnten, dass sie zwar befragt würden, sich aber trotzdem nichts ändere. Andere befürchteten, dass der Arbeitgeber lediglich testen wolle, ob sie ihm noch genügend nutzen. Die Initiatoren versuchten, Skeptiker vor der Umfrage durch Informationsveranstaltungen zu beschwichtigen. „Uns ging es nicht darum, festzustellen, ob jemand noch fit ist“, betont Projektleiterin Fromme. „Erstens war die Befragung anonym, zweitens haben beide Seiten einen Nutzen davon: Für uns ist es wichtig, zu wissen, wo es hakt und wo der Arbeitgeber eingreifen kann. Und für die Arbeitnehmer ist von Vorteil, Bedingungen zu haben, unter denen sie gesundheitlich dazu in der Lage sind, bis zur Rente zu arbeiten.“ Knapp die Hälfte der Rheinbahner machte schließlich bei der freiwilligen Befragung mit und beantwortete die 27 Fragen zu Wohlbefinden, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit. „Ich halte das für eine sehr gute Beteiligung“, betont Arbeitsdirektor Klar. „Jetzt liegt es an uns, Maßnahmen mit den Mitarbeitern zu erarbeiten und auf den Weg zu kriegen. Die müssen wirken.“

Auch Betriebsratsvorsitzender David hält das „Haus der Arbeitsfähigkeit“ für eine gute Sache: „Die Befragung der Kolleginnen und Kollegen zeigt uns, welchen Stellschrauben man drehen muss, um Arbeitsfähigkeit zu erhalten.“ Überrascht habe ihn aber keines der bisherigen Ergebnisse. Auch nicht, dass sich die Beschäftigten von ihren Vorgesetzten zu wenig wertgeschätzt fühlen. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, ein Bewusstsein für Achtsamkeit zu schaffen“, sagt Projektleiterin Fromme. Idee der Projektgruppe: Eine Art „Rheinbahn-Knigge“ soll Regeln für den guten Umgang im Unternehmen festschreiben. Auch Führungskräfteschulungen sind angedacht. 

Kritik an Dienstplanung oder Führungspersonal kann keinen Chef freuen. Arbeitsdirektor Klaus Klar duckt sich davor nicht weg. „Wir haben das Ergebnis angenommen – und wir haben es auch anzunehmen“, zieht er eine Zwischenbilanz. Wichtig ist ihm, dass jetzt mit den Mitarbeitern schnell Lösungen angestoßen werden, die die Situation verbessern. Die Umfrage zum „Haus der Arbeitsfähigkeit“ soll alle zwei Jahre wiederholt werden. Für die Vorstände gibt es einen besonderen Ansporn, bis dahin die Arbeitsfähigkeit zu verbessern. Es ist vereinbart worden, dass ihre Prämie nicht mehr nur auf das Betriebsergebnis bezogen ist. Ein Drittel der Tantiemen erhalten sie nur, wenn die Beschäftigten die Arbeitsfähigkeit beim nächsten Mal höher einschätzen.

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