8.-10. Mai 2017, Station Berlin

Die Hans-Böckler-Stiftung auf der re:publica 2017

In insgesamt drei Sessions diskutierten die Kommissionsmitglieder Jan Marco Leimeister, Valentina Kerst und Anke Hassel auf der diesjährigen re:publica über Chancen und Herausforderungen des digitalen Wandels. Am Stand der Hans-Böckler-Stiftung drehte sich in diesem Jahr alles um die Arbeit und die Mitbestimmung der Zukunft. Ein Konferenzbericht von Guntram Doelfs.


Als vor zehn Jahren die Netzkonferenz re:publica startete, war sie klein, hip und grenzenlos idealistisch. Zehn Jahre später ist die digitale Community dank Fake News, Hasstiraden und Shitstorms frustriert und nicht mehr ganz so idealistisch. Dennoch ist aus dem beschaulichen Klassentreffen für Blogger längst Europas größte Internetkonferenz geworden, wo sich „Digital Nerds“ aus mehr als 40 Ländern über die Zukunft der digitalen Gesellschaft austauschen. Weil es wohl kaum einen passenderen Ort gibt, um mit der jungen digitalen Elite von morgen über die Folgen von Digitalisierung, Arbeit 4.0 und deren Auswirkungen für die Zukunft der Mitbestimmung zu diskutieren, zieht es seit 2016 auch die Hans-Böckler-Stiftung auf die Netzkonferenz. Auf der diesjährigen re:publica, die vom 8. bis 10. Mai im ehemaligen Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg stattfand, war die Stiftung mit einem Informationsstand sowie mit gut besuchten eigenen Veranstaltungen aktiv.

„Wir wollen hier mit jungen Menschen ins Gespräch über prekäre Arbeitsbedingungen in diesem Bereich kommen, etwa in Startups und beim Crowdworking – und ihnen zeigen, wie wichtig die Mitbestimmung ist, um diese Bedingungen zu verbessern“, so Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Stiftung, am ersten Tag der re:publica. Ein deutlicher Kontrapunkt zum Mainstream der Konferenz, bei der Konzerne wie Daimler oder IBM längst als Hauptsponsoren auftreten – oder wie Google massiv um den Nachwuchs werben. Ein Umstand, der inzwischen gemeinsam mit der immer mehr ausufernden Größe der Netzkonferenz (mehr als 8000 Teilnehmer, 1100 Redner) für zunehmende Kritik in der Netzgemeinde sorgt.

Dass die Arbeitsbedingungen dennoch auch bei den  jungen Digitalen ein Thema sind, zeigte die erste Böckler-Veranstaltung über Arbeiten in der Cloud, bei der sich mehr als 200 Zuhörer in den Saal drängten. Auf dem Podium diskutierten der Wirtschaftsinformatiker Jan Marco Leimeister, der mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung jüngst eine Studie über „Arbeiten in der Wolke“ vorgelegt hat, sowie Mitglied der von der Stiftung ins Leben gerufenen Kommission „Arbeit der Zukunft“ ist, Veronika Mirschel, Bereichsleiterin Selbständige von ver.di, und Streetspotr-Mitgründerin Dorothea Utzt über Nutzen und Risiken der Plattformökonomie. Streetspotr betreibt digitalisierte Marktforschung und zahlt Minijobbern Minibeträge von durchschnittlich zehn Euro, wenn diese mit dem eigenen Smartphone für das Marketing von Unternehmen Informationen sammeln.

Die junge Firmenchefin befürwortete grundsätzlich eine faire Entlohnung und sozialversicherungspflichtige Jobs bei jungen Startups, warnte aber vor einer „typisch deutschen“ Überregulierung der Plattformökonomie. „Die Arbeit ist nicht an den Ort gebunden und wird international erbracht. Bei zu viel Regulierung wandert diese ab“, prophezeite sie. Veronika Mirschel mahnte an, Auftraggeber auf Plattformen nichtsdestotrotz stärker in die Pflicht zu nehmen. Jan Marco Leimeister räumte zugleich mit dem Klischee auf, dass die digitale Transformation nur schlecht ausgebildete Mitarbeiter den Job kosten könnte. „Die Tätigkeiten in der Crowd werden immer komplexer“, sagte Leimeister – und damit steige auch der Verdrängungswettbewerb.

Einem ganz anderen Aspekt widmete sich die ebenfalls sehr gut besuchte zweite Böckler-Veranstaltung, bei der es um die Chancen von Frauen bei der Digitalisierung der Arbeitswelt ging. Hier kam es zu teilweise kontroversen Diskussionen auf dem Podium und mit dem überwiegend weiblichen Publikum. Die These des Zukunftsforschers Ulrich Reinhardt, dass zukünftig auch trotz Digitalisierung die rollenspezifischen Berufsbilder erhalten bleiben werden, stieß auf erheblichen Widerspruch. Valentina Kerst, ebenfalls Mitglied der Kommission „Arbeit der Zukunft“ und Geschäftsführerin der strategischen Internetberatung topiclodge zeichnete ein deutlich positiveres Bild und sprach „von extremen Veränderungen“ in den vergangenen fünf Jahren. Danach streben immer mehr Frauen auch in klassische Männerdomänen der Digitalwirtschaft, etwa bei der Software-Programmierung, oder sie gründen verstärkt Startups. 13 Prozent aller Startup-Unternehmen seien inzwischen von Frauen gegründet, so Kerst. Viel wichtiger als diese Zahl sei aber, dass „Frauen viel seltener mit ihren Unternehmen scheitern und ihr Unternehmen viel nachhaltiger führen“, so die Beraterin. Die Techniksoziologin Tanja Carstensen gab zu bedenken, dass die Digitalisierung zwar einerseits neue Möglichkeiten für Vereinbarkeit schaffe, zugleich aber die Anforderungen an die einzelnen Erwerbstätigen in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen hätten.

Videos auf youtube 

 

Fotos zur Veranstaltung

re:publika 2017

Zusatzinfos

Zur Session "Arbeiten wir bald alle in der Cloud?" (mit Kommissionsmitglied Prof. Jan Marco Leimeister)

Zur Session "Starten Frauen im Zuge der Digitalisierung besser durch?" (mit Kommissionsmitglied Valentina Kerst)

Zur Session "Future of Work: How can Germany be a leader in the Digital Economy?" (mit Kommissionsmitglied Prof. Anke Hassel)


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Christina Schildmann (Leitung)
Lisa Schrepf, Annekathrin Müller

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Tel.: 0211-7778-654
Fax: 0211-7778-4-655

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