Nominiert für den Betriebsräte-Preis 2015

Gute Zeiten für Vertriebler

Und es geht doch! Bei der Vertriebsgesellschaft der Bayer Vital GmbH können sich jetzt zwei Mitarbeiter eine Außendienststelle teilen, statt wegen Familienpflichten kündigen zu müssen. Das setzte der Betriebsrat durch. Von Andreas Schulte


Ein Fulltime-Job im Außendienst und ein sechsjähriger Sohn, dem die Ganztagsschule nicht bekam – diese Doppelbelastung laugte Andrea Müllejans aus, zumal sie ihr Kind alleine erzieht. „Ich habe es kaum geschafft, den Bedürfnissen meines Kindes und dem Beruf gleichermaßen gerecht zu werden“, sagt die Pharmareferentin von Bayer Vital.

2011 stand sie schon kurz davor, den Job aufzugeben, als ihr eine Initiative des Betriebsrates, flankiert von der Gewerkschaft IG BCE, aus der Bredouille half. Just zu diesem Zeitpunkt hatte die gewählte Arbeitnehmervertretung nach langen Verhandlungen mit dem Arbeitgeber eine neue Regelung durchsetzen können: „Teilzeit im Außendienst“. Die frische Betriebsvereinbarung gewährte erstmals in der Branche auch Außendienstmitarbeitern ein Recht auf Teilzeitarbeit. Andrea Müllejans nutzte die Gunst der Stunde. Sie stellte einen Antrag und reduzierte so ihre Stunden – und ihre Belastung.

Acht Jahre hat der Betriebsratsvorsitzende Michael Westmeier für das Recht auf Teilzeitarbeit im Außendienst gekämpft. Hoch oben von seinem Büro im fünften Stock aus überblickt er das Betriebsgelände der Bayer AG in Leverkusen. „Außendienstler klagten bei uns schon seit 2007 darüber, dass sie die Doppelaufgabe Familie und Beruf nicht mehr schaffen“, erzählt er. Einige mussten sogar kündigen.

PERSONALER STELLEN SICH TAUB

Also suchte Westmeier nach einer generellen Lösung für eine Teilzeit im Außendienst. „Aber auf diesem Ohr waren die Personaler taub. Die sagten kategorisch: Das geht organisatorisch nicht.“ Der Arbeitgeber forderte zudem Kennzahlen, die den wirtschaftlichen Nutzen von Teilzeit im Außendienst belegen. „Die wollten zuerst nicht verstehen, dass es auch darum geht, die besten Fachkräfte zu sichern“, sagt Westmeier.

Der Betriebsrat machte Druck, organisierte eine Mitarbeiterbefragung, um die Betriebsöffentlichkeit hinter sich zu bringen. Das Ergebnis: Viele Mitarbeiter wollen eine Teilzeitregelung. „Wir haben das Thema dann in jeder Betriebsversammlung gespielt und so publik gemacht“, sagt Westmeier. Das Kalkül: Aus Sicht des Arbeitgebers durfte die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie keine weiten Kreise ziehen. Denn die Bayer Vital GmbH samt ihrer Mutter, der Bayer Health Care AG, schlachtete das Schlagwort von der „Work-Life-Balance“ in der Außendarstellung schon damals kräftig aus. Aber im Betrieb selbst spürten die Mitarbeiter davon wenig. „Der Arbeitgeber drohte unglaubwürdig zu werden“, sagt Westmeier. Das hat der Betriebsrat ausgenutzt: „Wir haben den Arbeitgeber dann immer wieder auf die Teilzeit angesprochen und genervt und genervt – immer noch eines der effektivsten Instrumente der Betriebsratsarbeit.“ Schließlich setzte sich die Arbeitgeberseite 2010 unter neuer Geschäftsleitung an den Verhandlungstisch. „Dann aber endlich auch ergebnisoffen und konstruktiv“, sagt Westmeier. Knapp zehn Verhandlungsrunden benötigten Personaler, Außendienstler und Betriebsrat, um grundsätzliche Fragen zu klären: Wie kann Teilzeit im Außendienst organisiert sein? Welchen betrieblichen Mehrwert oder welche Umsatzeinbußen bringt sie? Wie kann die Kundenzufriedenheit gewährleistet werden? „Wir hatten zunächst fast vier Jahre gebraucht, um den Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu zerren“, sagt Westmeier. „Aber ab diesem Zeitpunkt kamen wir viel schneller ans Ziel, als wir bis dahin vermutet hatten.“

LEIHARBEITER ALS JOB-SHARING-PARTNER

Schon ein Jahr später präsentierte der Betriebsrat die zunächst befristete Betriebsvereinbarung „Teilzeit im Außendienst“. Mit diesem Pilotprojekt war Bayer Vital das erste Unternehmen seiner Branche mit einem Rechtsanspruch auf zunächst drei Jahre Teilzeit im Außendienst. 20 Mitarbeiter nutzen ihn. Das Prinzip: Ein Vollzeitmitarbeiter reduziert seine Arbeitszeit um ein bis drei Tage. Die frei gewordenen Tage übernimmt ein sogenannter Job-Sharing-Partner im gleichen Vertriebsgebiet. Den sucht Bayer Vital entweder in den eigenen Reihen oder bei einer Leiharbeitsfirma. „Die Leiharbeit ist die Kröte, die wir schlucken mussten“, sagt Westmeier. Mit ihr verhindert der Arbeitgeber Überkapazitäten, wenn Teilzeitmitarbeiter zur Vollzeit zurückkehren. „Aber auch unsere Leiharbeiter sehen das Projekt positiv. Viele von ihnen hätten sonst gar keine Beschäftigung im Außendienst.“

Bei den Vorgesetzten der neuen Teilzeitarbeiter hat sich die anfängliche Skepsis gelegt. Ihre Mitarbeiter sind motiviert, die Umsätze haben sich kaum verändert. Im Kampf um die besten Kräfte hat Bayer Vital seine Position verbessert: Das Unternehmen wirbt nun mit dem Teilzeitmodell als besonders familienfreundliches Unternehmen.

Nach Ablauf der Vereinbarung gelangte das Papier 2014 auf den Prüfstand. „Klar wollten beide Seiten grundsätzlich weitermachen“, erzählt Westmeier. Seit 2015 gilt die Betriebsvereinbarung nun unbefristet – und wartet mit einigen Verbesserungen auf: Teilzeit ist nun nicht mehr nur drei, sondern fünf Jahre lang möglich. Aktuell arbeiten rund vier Prozent der 1700 Außendienstmitarbeiter in Teilzeit – Tendenz steigend.

„Für uns ist das ein Erfolgsmodell“, sagt Westmeier. Der Arbeitszeitpionier hat schon das nächste Ziel im Visier. Bislang ist nur eine 60-prozentige Teilzeit möglich. Westmeier will das auf 80 Prozent ausweiten. Dies käme einem Anspruch auf eine Viertagewoche gleich.

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