Nominiert für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2015

Gesundheit in Gefahr

Weil die körperliche Belastung zu groß war, forderten die Krankenschwestern der Steinwaldklinik Erbendorf zusätzliche Stellen und verbindliche Dienstpläne – mithilfe einer kollektiven Gefährdungsanzeige. Von Andreas Kraft


Wie ist das zu schaffen? In 75 Minuten mussten die Schwestern und Pflegerinnen der Steinwaldklinik Erbendorf früher bis zu zwölf Patienten wecken, waschen und anziehen. Und das in der Geriatrie, wo alte Menschen nach einer OP mit Reha wieder so fit gemacht werden sollen, dass sie sich zu Hause allein versorgen können. Viele können nicht laufen, bei einigen müssen noch Verbände gewechselt werden, andere sind dement.

„Es geht einfach nicht“, sagt Manuela Dietz. 17 Jahre hat sie als Krankenschwester gearbeitet, nach zwei Jahren in Erbendorf meldeten sich ihre Schulter und ihr Rücken. „Und das mit nicht mal 40 Jahren.“ Die Arbeitsbelastung war einfach viel zu hoch. Sie und ihre Kolleginnen rackerten sich ab und schafften es am Ende doch nicht. „Die Mitarbeiter wurden hier regelrecht verschlissen“, ergänzt ihre ehemalige Kollegin, die neu gewählte Betriebsratsvorsitzende Monika Selch. Zu spüren bekamen das auch die Patienten. Um ihr Pensum zu bewältigen, hatten die Krankenschwestern keine andere Wahl: Sie mussten einen Teil der vorgesehenen Pflege einfach weglassen. Ihre eigentliche Aufgabe, die Patienten so anzuleiten, dass sie sich nach ein paar Wochen wieder selbst waschen können, fiel dabei vollkommen hinten runter. „Irgendwann schmierst du den Patienten nicht mal mehr ein Brot“, sagt Manuela Dietz, „du gibst ihnen einfach einen Pudding.“

Gleichzeitig wuchsen die Überstunden weiter an. Bei vielen Kolleginnen standen mehr als 200 Stunden plus im Arbeitszeitkonto – auch weil Kolleginnen immer wieder krank wurden. Zudem gab es nicht genug Mitarbeiterinnen, um alle Dienste zu besetzen. Die Folge: Ständig änderte die Pflegedienstleitung mit einem Post-it den Dienstplan. Ergebnis: An ihrem freien Tag mussten die Kolleginnen trotzdem arbeiten. „Wir wurden nicht mal gefragt“, sagt Dietz. „Als wären wir Leibeigene.“ Noch immer sieht man ihr an, wie demütigend sie das fand.

Dietz, damals selbst Mitglied im Betriebsrat, und ihre Kolleginnen beschwerten sich. Nicht nur einmal. Doch es änderte sich nichts. Zusammen mit dem zuständigen Sekretär von ver.di, Robert Hinke, setzten sie sich im Sommer 2013 zusammen und überlegten, was sie tun könnten. Bei einem der Treffen kam ihnen dann die Idee: Sie würden eine Gefährdungsanzeige schreiben und der Geschäftsführung gleichzeitig ein Ultimatum stellen: Sollte die Personalnot Mitte September 2013 immer noch bestehen, würden sie an ihren freien Tagen nicht mehr einspringen. Zusammen formulierten sie ein entsprechendes Schreiben, das am Ende alle Schwestern und Pflegerinnen der drei Stationen unterschrieben.

Darin schilderten sie die enorme Arbeitsbelastung, die sowohl die Gesundheit der Mitarbeiterinnen als auch der Patienten gefährde, und forderten unter anderem die Schaffung von zehn neuen Stellen und andere Schichtbesetzungen. Doch die Klinikleitung schaltete auf stur. „Anscheinend haben sie gehofft, dass sie uns mit Druck dazu bekommen, dass wir einknicken“, sagt Dietz. Doch die Kolleginnen blieben standhaft. Drei Monate lang sprangen sie nicht mehr ein.

Auch wenn Manuela Dietz und Monika Selch viel lachen, wenn sie von dieser Zeit erzählen, spürt man im persönlichen Gespräch, wie nervenaufreibend die Zeit war. Immer wieder wurden sie und ihre Kolleginnen massiv angegangen und eingeschüchtert. Mehrfach drohte die Führung damit, das Haus zu schließen. Schuld seien der Betriebsrat und die Schwestern. Das Spiel mit der Angst hat viel Gewicht in der Region: Im Umkreis von 80 Kilometern sind die Kliniken Nordoberpfalz der einzige Arbeitgeber im Klinikgeschäft. 2006 bündelten die Landkreise Tirschenreuth und Neustadt an der Waldnaab sowie die Stadt Weiden ihre Krankenhäuser in einer gemeinsamen Klinik-AG. Wer hier seinen Arbeitsplatz verliert, hat kaum eine Möglichkeit, einen neuen zu finden.

Der Konflikt eskalierte. Die Betriebsrätinnen seien regelmäßig angeschrieen worden. In Sitzungen habe sich der Pflegedirektor demonstrativ zur Wand gedreht, wenn er etwas zu den Vertretern des Betriebsrates sagte, anstatt sie anzuschauen. Immer wieder mussten die Mitarbeiterinnen und der Betriebsrat ihre Rechte vor Gericht durchsetzen. Zusammen mit ver.di suchten die Kolleginnen schließlich das Gespräch mit dem Aufsichtsrat der Klinik, in dem Politiker aus den Landkreisen und der Stadt Weiden sitzen. Auf Druck der Bürgermeister und Landräte bewegte sich die Klinikleitung schließlich und stimmte im Dezember einer Mediation zu. Am Ende stand eine Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit.

AUCH MAL NEIN SAGEN

Die Klinik schuf im folgenden Frühjahr 3,5 neue Vollzeitstellen, stockte den Frühdienst von drei auf vier Schwestern pro Station auf, engagierte Servicekräfte, um die Krankenschwestern zu entlasten, und verpflichtete sich, in den kommenden sechs Monaten 2500 Überstunden abzubauen. Aber anscheinend stand die Leitung nicht wirklich hinter dem Kompromiss. So seien Kolleginnen unter Druck gesetzt worden, sich ihre Überstunden ausbezahlen zu lassen anstatt sie, wie vereinbart, abzufeiern. Seitdem versucht der Betriebsrat, die verhärtete Front zu entspannen.

Auch wenn die Arbeitsbelastung nach wie vor hoch ist – der Einsatz hat sich gelohnt. „Der Zusammenhalt ist viel besser, und die Kolleginnen lassen sich auch nicht mehr so leicht einschüchtern“, sagt Dietz. Wenn sie ihre Freizeit geplant haben und dann gefragt werden, ob sie nicht einspringen können, trauen sie sich jetzt auch mal, Nein zu sagen. Doch müssen die streitbaren Arbeitnehmervertreter wachsam sein, dass die alten Zustände nicht wieder einreißen. Auch wenn Dietz inzwischen nicht mehr in der Steinwaldklinik arbeitet, können sich ihre Kolleginnen immer noch an die ehemalige Betriebsrätin wenden. Sie ist inzwischen Gewerkschaftssekretärin vor Ort bei ver.di – zuständig für Wohlfahrt, Kirchen, soziale Dienste und Gesundheit.

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