Böckler Impuls Ausgabe 18/2014

Lohnpolitik

Luft nach oben bei den Arbeitskosten

Stärker steigende Löhne in Deutschland würden dabei helfen, die Krise im Euroraum zu überwinden und Deflationsrisiken vorzubeugen.

Mit einer Zunahme um 1,4 Prozent haben sich die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft 2013 ähnlich schwach entwickelt wie im EU-Durchschnitt. Im ersten Halbjahr 2014 lag die Zuwachsrate sogar unter dem EU-Mittel. Dabei wäre eine dynamischere Entwicklung ökonomisch wünschenswert, so das IMK. Was Arbeit in Europa kostet, haben die Forscher mithilfe aktueller Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat berechnet.* Demnach schlug eine Arbeitsstunde hierzulande im vergangenen Jahr mit 31,30 Euro zu Buche. Damit gehöre Deutschland zum „unteren Bereich der Gruppe der Hochlohnländer“. An der Spitze rangieren Dänemark, Belgien und Schweden mit jeweils rund 41 Euro. Der Durchschnittswert der Euroländer liegt bei 29 Euro.

Im privaten Dienstleistungssektor der deutschen Wirtschaft beliefen sich die Arbeitskosten pro Stunde auf 28,70 Euro, nur unwesentlich mehr als der Euroraum-Durchschnitt von 28 Euro. Am meisten kosten private Dienstleistungen mit 42 Euro in Dänemark, gefolgt von Belgien mit 41,20 Euro und Schweden mit 40,60 Euro. Die Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2013 in Deutschland 36,20 Euro je Stunde, was dem vierten Platz im Länderranking entspricht. Spitzenreiter ist Belgien mit 42,70 Euro, danach kommen mit 42,20 und 40,90 Euro Schweden und Dänemark. Der Unterschied zwischen den Arbeitskosten im Dienstleistungsbereich und in der Produktion ist mit 7,50 Euro in Deutschland höher als in allen anderen europäischen Volkswirtschaften.

Die Situation im öffentlichen Sektor lasse die dramatischen Auswirkungen der Austeritätspolitik in der EU erkennen, schreiben die IMK-Wissenschaftler. In den meisten Ländern hätten sich die Arbeitskosten bei den öffentlichen Dienstleistungen zwischen 2008 und 2013 wesentlich schwächer entwickelt als in der privaten Wirtschaft. In Griechenland betrug der Rückgang im Schnitt 7,7 Prozent pro Jahr, in Portugal 2,5 Prozent und in Irland 0,5 Prozent. In Deutschland war die Entwicklung mit einer jährlichen Zuwachsrate von 2,6 Prozent etwas dynamischer als im privaten Sektor. Zuvor war Deutschlands öffentlicher Sektor allerdings Schlusslicht beim Arbeitskostenzuwachs.

Eine gravierende Schieflage besteht dem IMK zufolge bei den Lohnstückkosten, die hierzulande seit dem Jahr 2000 weniger gestiegen seien als in fast allen anderen Euroländern. Dadurch habe sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft deutlich verbessert, was mit zu den erheblichen Leistungsbilanzungleichgewichten im Euroraum beigetragen habe. Spanien, Portugal, Irland und Griechenland sei es zwar unter enormen Belastungen für die Bevölkerung mittlerweile gelungen, die Lohnstückkosten zu senken. Doch die Einkommensverluste in diesen Ländern waren so gewaltig, dass die Konsumausgaben der privaten Haushalte drastisch sanken.

Statt Anpassungsleistungen nur von den Defizitländern zu verlangen, sollten auch die Überschussländer – allen voran Deutschland – einen Beitrag leisten, empfehlen die Ökonomen. Zwar lag 2013 der Zuwachs bei den deutschen Lohnstückkosten mit 2,3 Prozent über dem Euroraum-Durchschnitt von 1,2 Prozent. Der Wettbewerbsvorteil gegenüber den Krisenländern sei allerdings immer noch sehr hoch und das Binnenwachstum zu schwach. Damit sich das ändert, müsse Deutschland bei den Löhnen kräftig nachlegen. Nötig wären nach Einschätzung des IMK gesamtwirtschaftliche Lohnsteigerungen von deutlich mehr als 3 Prozent. „Ein solcher Anstieg stünde auch im Einklang mit dem Inflationsziel der EZB für den Euroraum insgesamt und würde es den Krisenländern ermöglichen, ihren Anpassungspfad so zu modifizieren, dass er nicht in Deflation und Depression endet“, schreiben die Wissenschaftler.

Den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn betrachten die IMK-Forscher als einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung. Dass das Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie darüber hinaus die Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen erleichtert, sei begrüßenswert. Jetzt gelte es, dieses Instrument in der Praxis verstärkt zu nutzen.

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Quellen

Alexander Herzog-Stein, Ulrike Stein, Rudolf Zwiener: Deutschlands Lohn- und Arbeitskostenentwicklung wieder zu schwach (pdf), IMK Report 100, November 2014


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