Betriebsrats-Zeitungen

Professionell und unbequem

Sie sind eine spezielle Form des Journalismus: Betriebszeitungen müssen den Spagat beherrschen zwischen der Loyalität zum Unternehmen und dem Selbstverständnis, im Interesse der Beschäftigten Missstände aufzudecken. Von Susanne Kailitz


Im aktuellen „ScheibenWischer“ geht es um die großen wie die kleinen Sachen: Die Forderungen der IG Metall für die Tarifverhandlungen 2015 werden in der Oktober-Ausgabe der Betriebszeitschrift für die 23 000 Beschäftigten des Mercedes-Benz-Werkes in Untertürkheim ebenso thematisiert wie die Tatsache, dass die Leute seit Wochen auf dem Anlieferstreifen vor dem Werks­tor Hedelfingen parken, weil der Parkplatz gesperrt ist. Das aber, so schreibt der Autor, führe zu lebensgefährlichen Situationen für alle, die das Werk betreten oder verlassen und sich dafür zwischen parkenden Lkw durchschlängeln müssen. Man möge also bitte die Ausweichparkplätze benutzen, damit nicht die Lauffaulheit einiger Mitarbeiter das Leben anderer gefährde.

Der „ScheibenWischer“ tut damit genau das, was eine gute Betriebszeitung ausmacht: Er ist nah dran an der Belegschaft und greift auf, was die Leute bewegt – von Tarifverhandlungen bis Parkplatzproblemen.

DIE ZEIT DER BLEIWÜSTEN IST VORBEI

Bis zu 2000 Mitarbeiterzeitungen mit einer Auflage von bis zu zehn Millionen Exemplaren gebe es in Deutschland, schätzt Christian Cauers. Der Medienwissenschaftler hat sich mit dieser speziellen Form der Presseerzeug­nisse befasst und dazu die Studie „Mitarbeiterzeitschriften heute“ vorgelegt, die inzwischen in der zweiten Auflage erschienen ist. Allerdings hat er in seiner Untersuchung nicht unterschieden zwischen den Mitarbeiterzeitungen, die vom Unternehmen herausgegeben werden, und denen, die von Betriebsrat oder Gewerkschaften gefüllt werden. 

Gleichwohl ist er sich sicher: „Die unprofessionellen Zeiten sind vorbei.“ Habe man früher Bleiwüsten mit wildem, selbst gebasteltem Layout in den Unternehmen verteilt, kämen die Betriebszeitungen heute deutlich hochwertiger daher. Dabei würden sich die einzelnen Zeitschriften aber stark voneinander unterscheiden. „Die Bandbreite ist sehr, sehr groß. Im hochtechnologischen IT-Bereich sind die Publikationen tendenziell hochwertiger und magaziniger. Da geht es nicht um die schnelle tagtägliche Kommunikation, dafür werden Intranet und Newsletter genutzt. Wichtiger ist die Darstellung des Unternehmens und die Information über seine Produkte.“ 

Anders sei das etwa im produzierenden Gewerbe. „In Firmen, in denen 80 Prozent der Mitarbeiter in der Produktionshalle arbeiten, sind die Formate der Mitarbeiterzeitungen den Tageszeitungen ähnlicher und oft traditionsreicher. Auch erscheinen sie häufiger.“ Man sei dort inhaltlich näher dran an den Mitarbeitern. „Da geht es dann schon mal um den letzten Betriebsausflug.“

LANGE TRADITION

Unternehmenszeitungen existieren seit Ende des 19. Jahrhunderts, seit einzelne Arbeitgeber die Kluft zwischen sich und ihren Beschäftigten in den Betrieben überbrücken wollten. Die Mitarbeiterzeitschrift sei klar aus „patriarchalen Absichten“ entstanden, so Cauers. „Sie war der Versuch, so zu führen und zu beeinflussen, wie man es in der Familie gewöhnt war.“ Dieses „autoritäre Stigma“ seien die Publikationen in der Herausgeberschaft der Arbeitgeber lange nicht losgeworden. 

Und so mancher Geschäftsführer würde sich diese Zeiten vielleicht zurückwünschen, wenn er heutige Betriebszeitschriften aufschlägt. Kai Bliesener, selbst Mediendesigner und von 2004 bis Mitte 2013 Pressesprecher der IG Metall Baden-Württemberg sowie von 1998 bis 2004 verantwortlicher Redakteur des „ScheibenWischers“, erinnert sich jedenfalls gut daran, dass an manchen Erscheinungstagen „die Geschäftsleitung sichtbar aufgescheucht war“. Vor allem dann, wenn das Blatt sich Missständen wie etwa dem Arbeitszeitverfall oder bestimmten Arbeitsbelastungen gewidmet habe: „Da gab es dann auch mal rasch einberufene Sondersitzungen auf Arbeitgeberseite, die sich mit einzelnen Beiträgen im ScheibenWischer befassten“, erzählt er. „Das war für uns immer ein gutes Zeichen, denn wir konnten uns sehr sicher sein: Das wird gelesen. Und zwar im ganzen Unternehmen. Das hat der Redaktion sehr geholfen, die Bedeutung und die Akzeptanz des ScheibenWischers auf allen Seiten zu verbessern.“

Auch Timm Boßmann, gelernter Journalist und Betriebsrat bei Weltbild, wird immer mal wieder von den Chefs gefragt, „ob das nun wieder sein musste. Wir sagen dann: Ja, das musste sein. Und dann ist die Sache eigentlich durch.“ Boßmann ist Kopf der Weltbild-Betriebsratszeitung „Picker“. Schon deren Name ist Programm: Die Picker sind diejenigen, die die Produkte zusammensuchen, die dann versendet werden – ohne sie kann kein Paket das Lager verlassen. „Damit wollten wir die Geschäftsführung immer wieder daran erinnern, wer den Laden eigentlich am Laufen hält. Und natürlich geht es auch darum, zu piksen und dem Arbeitgeber immer wieder den einen oder anderen Nadelstich zu versetzen.“

Grund dafür gab es bei Weltbild in den vergangenen Jahren immer wieder: Lange war unklar, was aus dem insolventen Unternehmen werden sollte. Seit diesem Sommer gibt es eine neue Geschäftsleitung, viele Fragen dazu, wie es für die Mitarbeiter weitergehen soll, sind noch offen. Während es für die tagesaktuellen Informationen einen Blog gibt, liefert der „Picker“ in seinen gedruckten Ausgaben Hintergrundinformationen.

Insgesamt sind die Macher der Betriebszeitungen im Lauf der Jahre immer professioneller geworden, auch dank leicht verfügbarer Layout-Programme und Kollegen, die in Sachen Computerbedienung immer versierter sind. Der „ScheibenWischer“ etwa ist inzwischen ein ziemlich umfangreiches Projekt: Er erscheint acht- bis zehnmal pro Jahr mit etwa zwölf Seiten und einer Auflage von 12 000 Exemplaren. Betreut wird er von Jordana Vogiatzi, IG-Metall-Pressesprecherin in Stuttgart und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit in den Betrieben in ihrem Bezirk. Die „ScheibenWischer“-Redaktion legt die Themen fest, Vogiatzi unterstützt beim Layout oder bei der Bildersuche und gibt das Ganze schließlich an Layouter und Drucker weiter. Zehn Betriebszeitungen gebe die IG Metall in ihrem Verwaltungsbezirk heraus, sagt sie, „das ist schon eine Hausnummer“. 

Vogiatzi ist noch immer begeistert über diese besondere Form des Journalismus, die sie mit den Betriebszeitungen betreibt. „Das macht einfach großen Spaß. Man hat ganz eng mit den Leuten aus dem Betrieb zu tun und erfährt, welche Themen die Menschen dort gerade bewegen. Für diese Zeitschriften engagieren sich Beschäftigte, die große Lust am Schreiben haben und sich dafür begeistern.“ Da sie aber dennoch Laien sind, tun sich gelegentlich Baustellen auf, die es in anderen Redaktionen so wohl nicht gibt. „Ich muss immer wieder auf das Problem der Bildrechte aufmerksam machen“, sagt die IG-Metallerin. „Man kann eben auch noch so schöne Fotos nicht als Titelbild verwenden, wenn unklar ist, wer die Quelle ist. Unsere Autoren haben in der Regel keine journalistische Ausbildung. Das ist auch der Grund, warum die IG Metall Stuttgart journalistische Seminare für Betriebsräte und Vertrauensleute anbietet.“

PUBLIZISTISCHER ZWITTER

Rein formal gelten Betriebszeitungen als publizistische Sonderform, die sowohl dem Presserecht als auch dem Betriebsverfassungsgesetz unterliegen, wonach die Mitglieder des Betriebsrats zum Wohle der Beschäftigten wie des Unternehmens zur vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung verpflichtet sind. Als Zwitter aus Betriebs- und Presseorgan haben sie deshalb eine spezielle Art zu arbeiten – im Spagat zwischen der Loyalität zum Unternehmen und der Aufgabe, auf Missstände aufmerksam zu machen. „Das lässt sich auch nicht auflösen“, sagt Medienwissenschaftler Cauers. „Die Redaktion einer Betriebszeitung wird niemals investigativ arbeiten – egal, ob das Unternehmen oder die Gewerkschaft die Kosten dafür trägt.“

Dass man dennoch mutig sein müsse und sich nicht selbst einen Maulkorb anlegen dürfe, davon ist Timm Boßmann, dessen Zeitung vom Unternehmen bezahlt wird, überzeugt. „Auch wenn es unzählige Urteile zu vermeintlichen Betriebsgeheimnissen gibt – nach dem Betriebsverfassungsgesetz hat eine Betriebszeitung die Aufgabe, die Belegschaft zu informieren; auch über Dinge, die die Geschäftsleitung gern unter dem Teppich halten würde.“ Einfacher hätten es da die Zeitschriften, deren Kosten die Gewerkschaften tragen, die dann auch presserechtlich verantwortlich zeichnen, so Kai Bliesener, der auch Mitherausgeber eines „Handbuch Medien machen“ ist. „Da muss man nicht allzu viele Rücksichten nehmen, wenn es darum geht, Missstände anzusprechen.“ 

Auch muss Ärger wegen eines Artikels nicht in jedem Fall schlecht sein: So habe man vor einigen Jahren einmal eine Gegendarstellung drucken müssen, erzählt Jordana Vogiatzi. „Da ging es um den geplanten Verkauf von Flächen an einem Standort, und es wurde über die Gründe spekuliert. Da war von mangelnder Kommunikation der Geschäftsleitung mit dem Betriebsrat die Rede. Mit der Gegendarstellung haben wir dann genau das erreicht, was wir wollten, nämlich eine deutliche Klarstellung. Für die Leute. Und das war richtig gut.“

Damit das gelingt, brauchen die Redaktionen einen guten Draht in die Belegschaften und ein Gefühl für eine ausgewogene Berichterstattung. „Wenn wir einen Aufmacher haben, der vor allem unsere Angestellten betrifft“, so Boßmann über den „Picker“, „dann muss auf der nächsten Seite etwas kommen, das für die Leute aus dem Lager und dem Versand spannend ist.“ Für Menschen außerhalb des Betriebs wären das häufig Lappalien. „Aber wenn in Halle 3 die Hebebühne seit drei Wochen defekt ist und alle Rückenschmerzen haben, dann treibt das den Blutdruck intern hoch. Und das müssen wir berichten.“

Beim „ScheibenWischer“ in Untertürkheim setzt man auf das Prinzip der namentlichen Kennzeichnung der Artikel. Die Autoren, meist Betriebsräte, geben auch an, wie sie für die Mitarbeiter erreichbar sind. „Dann wissen die Leute, an wen sie sich wenden können, wenn sie mehr über ein Thema wissen wollen“, sagt Bliesener. Die Arbeitnehmervertreter werden dann direkt angesprochen, wenn sie die Zeitung verteilen. „Das machen die Kollegen persönlich am Tor, das bringt eine ganz starke Verbundenheit.“


MEHR INFORMATIONEN

Kai Bliesener/Eli Eberhardt/Jochen Faber/Jordana Vogiatzi (Hrsg.): HANDBUCH MEDIEN MACHEN. Für engagierte Leute in Gewerkschaften, Betriebsräten, Non-Profit-Organisationen. Marburg, Schüren Verlag 2011


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