Betriebsräte-Preis

„Was tun für Umwelt und Gesundheit“

Der Betriebsrat beim Stuttgarter B2B-Versandhändler Kaiser+Kraft hat eine ungewöhnliche Betriebsvereinbarung abgeschlossen: Wer sich auf dem Weg zur Arbeit umweltfreundlich verhält, wird belohnt. Von Stefan Scheytt


 Wenn Betriebsrätin Sandra-Viola Mändle sich morgens in der Tiefgarage ihres Arbeitsgebers umsieht, fällt ihr auf, dass dort mehr Fahrräder stehen als früher. Das hat mit einer ungewöhnlichen Betriebsvereinbarung zu tun, die die Kaiser+Kraft Europa GmbH, ein Stuttgarter Versandhändler für Geschäftsausstattungen, mit dem Betriebsrat geschlossen hat: Seit Anfang 2014 bekommen die Mitarbeiter des Unternehmens, das zur TAKKT AG gehört und mit Büromöbeln, Lagerausstattungen und Transportgeräten handelt, Punkte gutgeschrieben, wenn sie den Weg zur Arbeit umweltbewusst zurücklegen. Im Jahr können sie sich so nebenbei eine Prämie in Höhe von mehreren Hundert Euro netto dazuverdienen. Genaue Zahlen will Mändle nicht öffentlich machen. 

Tarifgebunden ist das Unternehmen nicht. Es hat sich aber auf die Fahnen geschrieben, zum Branchenvorbild in Sachen Nachhaltigkeit zu werden. Da passte der Vorschlag des Betriebsrats, mit der Mobilitätsprämie einen Anreiz zur CO2-Reduktion zu schaffen. Jahrelang war es bei Kaiser+Kraft wie in vielen anderen Firmen: Das Unternehmen förderte den Individualverkehr und damit die täglichen Staus im Berufsverkehr, indem es die Parkplatzmiete in der eigenen Tiefgarage stark subventionierte. Wer dagegen mit einem Jahresticket des öffentlichen Nahverkehrs zur Arbeit kam, erfuhr schon weniger Unterstützung: Das Unternehmen schoss zwar den Jahresbetrag an den Verkehrsträger vor, holte sich die Monatsraten aber vom Mitarbeiter wieder. Zur Nachhaltigkeitsstrategie passte der Vorschlag des Betriebsrats, die bestehende Ungleichbehandlung der verschiedenen Arbeitswege zu beseitigen. Eine Präsentation des Betriebsratsvorsitzenden Thomas Kniehl – in dem neunköpfigen Gremium ist er als ver.di-Mitglied der einzige Gewerkschafter – genügte, um den Vorstand zu überzeugen. „Das kostet das Unternehmen richtig Geld“, meint dessen Kollegin Mändle. 

Denn von den bundesweit 520 Mitarbeitern nehmen mehr teil als erwartet. Rund 240 tragen täglich in eine Liste ein, wie sie zur Arbeit gekommen sind: Fußgänger und Fahrradfahrer bekommen drei Punkte, für die Benutzung von Bus und Bahn gibt es zwei, für die Fahrt in einer Auto-Fahrgemeinschaft einen Punkt; multipliziert werden die Punkte mit der durchschnittlichen Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz aller Mitarbeiter. Der errechnete Geldwert wird mit dem Februargehalt ausbezahlt. „Das Zubrot freut die Kollegen, und manche Fahrradfahrer erzählen, dass sie frischer zur Arbeit kommen und das gute Gefühl haben, etwas für ihre Gesundheit zu tun“, sagt Sandra-Viola Mändle. Jetzt hofft der Betriebsrat, dass das Beispiel Kreise zieht. 

Arbeitnehmervertreter vom Maschinenbauer Trumpf und vom Automationsspezialisten Festo hätten sich bereits erkundigt, ebenso ein Vorstand des Duisburger Familienunternehmens Haniel, dem auch ein Großteil der Anteile an der TAKKT AG gehört. Mändle persönlich profitiert nicht von der CO2-Prämie. Ihr Mann, der sie morgens die rund 40 Kilometer zur Arbeit mitnimmt, arbeitet selbst als Bereichsleiter bei Kaiser+Kraft. In dieser Position hat er Anspruch auf einen Dienstwagen und ist nicht prämienberechtigt. Denn das Auto soll nicht doppelt bezuschusst werden. Als Mitfahrerin hätte die Betriebsrätin Mändle zwar rein formal Anspruch auf Punkte aus der Fahrgemeinschaft. Aber darauf verzichtet sie.


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