Betriebsräte-Preis

„Manchmal lagen die Nerven blank“

Wie lassen sich mentale Belastungen am Arbeitsplatz erkennen und beseitigen? Diese Frage geht der Betriebsrat der Allergopharma GmbH in Reinbek bei Hamburg systematisch an. Von Heinrich Kronlage  


 Wir wussten, dass es hakelige Stellen in den Arbeits- und Produktionsabläufen gab und diskuierten das intensiv auf einer Sitzung des Betriebsrats“, erinnert sich Stefan Bamberger. Er ist Betriebsrat beim Allergie-Spezialisten Allergopharma und einer der Väter des Projektes, das sich seit 2010 systematisch mit psychischen Belastungen beschäftigt. Das Unternehmen, im Organisationsbereich der IG BCE, gilt als Weltmarktführer für Präparate zur Hyposensibilisierung, und wurde 2013 vom Merck-Konzern übernommen. „Wegen fehlender Kommunikation oder belastenden Arbeitseinteilungen lagen manchmal die Nerven blank. Nichtigkeiten führten dazu, dass sich die Beschäftigten richtig fetzten,“ berichtet Bamberger. Die Runde war sich einig, das Problem anzugehen. Der Betriebsrat holte die Unternehmensleitung mit ins Boot, gründete eine Arbeitsgruppe. Neben dem Betriebsrat gehören die Betriebsärztin sowie Vertreter der Geschäftsleitung dazu. 

Schritt für Schritt tastete sich das Team während der wöchentlichen Sitzungen an das Thema heran. „Am Anfang mussten wir Informationen sammeln“, berichtet Betriebsrat Wilco van der Mark. „Wir haben uns bei den Berufsgenossenschaften und bei Arbeitsmedizinern kundig gemacht. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat uns unterstützt, und wir haben Seminare und Fortbildungsveranstaltungen genutzt.“ Am Ende dieser Findungsphase stand die Entscheidung für einen standardisierten Fragebogen, der von der Bundeanstalt stammt und an die Situation bei Allergopharma angepasst wurde. 

Nach einigen Testläufen ging es im Frühjahr 2014 zur Sache. Im kaufmännischen Bereich, in der Qualitätskontrolle, bei der medizinischen Prüfung und im Versand wurde mit dem Projekt begonnen. Zug um Zug werden alle knapp 500 Beschäftigten am Reinbeker Standort, davon allein 60 in der Forschung, einbezogen. Sie erhalten nach einer informativen Abteilungsversammlung einen Fragebogen zur „mentalen Situationsanalyse“. 

In 88 Fragen werden die organisatorischen, sozialen und tätigkeitsbezogenen Bedingungen am Arbeitsplatz unter die Lupe genommen. Die Teilnahme ist freiwillig, die Auswertung anonym. „Insgesamt dauert es gut drei Monate, bis die Arbeitsgruppe eine Abteilung durchleuchtet hat“, sagt Wilco van der Mark, „denn nach der Auswertung setzen wir uns zusammen, um Empfehlungen zu geben. Diese werden dann in der jeweiligen Abteilung vorgestellt.“ Ein erstes Fazit zieht sein Kollege Stefan Bamberger: In Gesprächen mit den Vorgesetzten wurde die Arbeit neu verteilt. Einige Beschäftigte wurden durch teambildende Maßnahmen und ein Kommunikationstraining qualifiziert. Auch die Räumlichkeiten sind anders gestaltet worden: „Es gibt jetzt vermehrt Großraumbüros und runde Tische“, sagt Bamberger. „Das fördert den Austausch untereinander.“ 

Dass kleine Dinge nachhaltige Verbesserungen bewirken können, zeigt sich an einem neu gestalteten Formular in der Auftragsbearbeitung. Wilco van der Mark erklärt: „Jetzt müssen sich weniger Personen mit dem Formular befassen, die Bearbeitung ist über die Hälfte verkürzt worden. Vorher gab es viele Rückfragen: Wo hängt das Formular? Wer hat es gerade? Ich brauch es, aber es scheint verschwunden zu sein. Dieser Ärger ist nun vorbei.“


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