Hochschulen

Leidensfähiger Nachwuchs

Zigtausende Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler arbeiten in kaum gesicherten Verhältnissen an den Hochschulen. Für eine Karriere in der Wissenschaft nehmen sie viel in Kauf. Gewerkschafter und Promovenden fordern jetzt verlässlichere Karrierewege. Von Jeanette Goddar


In gewisser Weise erforscht Wiebke Esdar ihr eigenes Leben. In dem nämlich erfährt die Bielefelder Psychologin seit Jahren, was es heißt, eine Laufbahn in der Wissenschaft anzustreben. Nach dem Diplom bekam die 28-Jährige eine Stelle in einem Forschungsprojekt, das nach nur neun Monaten auslief. Heute hat sie – neben ihrem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung – eine 25-Prozent-Stelle an der Uni Bielefeld. Die Förderung ihrer Promotion läuft noch bis November. Eigentlich lag sie gut in der Zeit, obwohl sie an ihrer Uni auch noch Sprecherin des Mittelbaus und in der SPD aktiv ist. Dann musste sie über den Winter drei Monate für einen Forschungsantrag abzwacken. Mit ihm will sie sich gleichsam ihre nächste Stelle schaffen: Wird der Antrag bewilligt, kann sie auch 2015 weiter forschen. Nun drängt für die Doktorarbeit die Zeit. Jeden Morgen, wenn sie an die Uni geht, fragt sich Wiebke Esdar: „Was mache ich zuerst? An meiner Dissertation schreiben oder an dem Gutachten, das fertig werden muss? Oder bereite ich mein Seminar vor?“

OPFER FÜR EINE UNSICHERE KARRIERE


Weil nicht nur sie sich das fragt, wird sie in ihrer knappen Zeit auch noch regelmäßig zu Tagungen eingeladen, neulich innerhalb von nur 14 Tagen zur Promovierenden-Konferenz der Hans-Böckler-Stiftung in Walsrode und zur Wissenschaftskonferenz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. „Zielkonflikte von Nachwuchswissenschaftlern“ lautet die Leitfrage ihrer Dissertation, die auf die Lage Hunderttausender Wissenschaftler in Deutschland passt. Das wesentliche Ergebnis: Mehr als acht von zehn erleben derartige Zielkonflikte in der Frage, was zuerst zu tun ist, sechs von zehn fühlen sich dadurch belastet. Mehr Arbeitszeit ist dabei beim besten Willen nicht drin. Eine Vollzeitstelle an der Uni umfasst laut Esdars Erhebung bereits heute 49 Stunden, eine Teilzeitstelle bis zu 40 Stunden. Zeigen sich die Nachwuchswissenschaftler ob ihrer Lage wenigstens entsetzt? Nein, sagt die Bielefelder Psychologin, „Wissenschaftler sind Überzeugungstäter. Und wer in der Wissenschaft Karriere machen möchte, setzt alles auf eine Karte – und nimmt viel in Kauf.“

Das führt in vielen Fällen dazu, dass die Doktoranden in Deutschland – von ver.di in einer Studie 2010 treffend „Dr. Prekär“ getauft – in ebenso unsicheren wie überfrachteten Arbeitsverhältnissen promovieren. In Zeiten doppelter Abiturjahrgänge und eines anhaltenden Trends zur Akademisierung übernehmen sie einen Großteil der Arbeit an den Universitäten; die Zahl der Professoren steigt trotz immer mehr Studierender kaum. Doktoranden halten Vorlesungen und Seminare, korrigieren Klausuren und betreuen Hausarbeiten und Tutorien. Auch ein großer Teil der Bürokratie an den Lehrstühlen lastet auf ihren Schultern – zumeist, wie bei Wiebke Esdar, in Teilzeitjobs, die eigentlich der wissenschaftlichen Qualifizierung dienen sollen. Ohne eine Stelle an der Uni fehlt auch denen, die ein Stipendium haben, die Anbindung an ein Institut. Auch müssen sie sich ohne Arbeitgeber selbst krankenversichern, was die monatliche Fördersumme im Schnitt um mehr als 200 Euro schrumpfen lässt. Fast zwei Drittel der rund 200 000 Doktoranden bundesweit arbeiten an einer Hochschule. Allerdings ist die Laufzeit ihrer Stellen, fand „Dr. Prekär“ 2010 heraus, im Schnitt nur halb so lang, wie ihre Promotion dauert. 

Jeder Zweite, der in Deutschland seinen Doktor macht, verlässt die Hochschule im Anschluss. Das ist angesichts der Tatsache, dass eine Promotion in Deutschland stärker als in anderen Ländern auch außerhalb der Wissenschaft als Qualitätsmarke gilt, nicht sehr überraschend. Ein weiteres Viertel geht der Wissenschaft allerdings in den fünf Jahren nach der Promotion verloren. Sie alle sind Menschen, bei denen vermutet werden kann, dass sie sich eine wissenschaftliche Laufbahn durchaus vorstellen könnten – aber nicht zu den derzeitigen Bedingungen. Die geschätzten bis zu einer halben Million Nachwuchswissenschaftler in Deutschland kämpfen nicht nur um eine der seltenen Professuren; nur etwas mehr als 600 werden in jedem Jahr besetzt. Sie tun das unter Bedingungen, die in der freien Wirtschaft und mit Tarifbindung undenkbar wären. Laut dem 2013 im Auftrag des Bundesbildungsministeriums vorgestellten „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ haben neun von zehn Nachwuchsforschern einen befristeten Vertrag, nahezu jeder zweite arbeitet in Teilzeit. Über die Hälfte der Verträge hat eine Laufzeit von unter einem Jahr. 

Gründe dafür gibt es viele, ein zentraler ist: Die Universitäten werden immer abhängiger von Drittmitteln, die ihnen nur für einige Jahre und zur Durchführung für konkrete Forschungsvorhaben zugeteilt werden. Die Drittmittel stammen aus der von Bund und Ländern zu Beginn des Jahrtausends ins Leben gerufenen Exzellenz­initiative, von Forschungsförderorganisationen, den Bundes- oder Länderministerien, der EU, aber auch aus der Industrie. Die Umschichtung von Grund- auf Drittmittelfinanzierung in den vergangenen Jahren hat die Planungssicherheit der Universitäten dauerhaft verändert. „Programme erzeugen immer Fragilität“, erklärt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, „ein Drittel unseres Etats ist inzwischen kompetitiv.“ Mittelbau-Sprecherin Wiebke Esdar hielt ihm, als er das jüngst auf einem Podium der GEW erklärte, aber auch entgegen: „Herr Olbertz, Sie nehmen Ihre Personalverantwortung nicht ernst.“ Denn immer noch seien die Laufzeiten der Drittmittelprojekte weit länger als die Verträge der Mitarbeiter. 

ALBTRAUM KETTENBEFRISTUNG


Gründlich missglückt ist eine Initiative des Gesetzgebers, die 2007 der Kettenbefristung von Mitarbeitern ein Ende bereiten wollte. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz sollte die Unis zwingen, ihren promovierten Nachwuchs schnell fest anzustellen. Es schreibt fest, dass Nachwuchswissenschaftler nur noch zwölf Jahre mit Zeitverträgen arbeiten dürfen, je sechs bis zur Promotion und danach. Nach nahezu einhelliger Einschätzung erwies es sich als kontraproduktiv, weil es statt die Universitäten die Wissenschaftler an die Kandare nahm. Die müssen seither nach zwölf Jahren die Universitäten verlassen; währenddessen hat sich die Zahl der Zeitverträge an den Hochschulen mehr als verdoppelt. Die Gewerkschaften sind machtlos; das Gesetz führte eine Tarifsperre ein.

„Natürlich gibt es prekärere Arbeitsverhältnisse als die an den Hochschulen. Aber für den öffentlichen Dienst sind die Zustände schon bemerkenswert“, konstatiert die Sozialwissenschaftlerin Anne Krüger. Die Altstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat an der Humboldt-Universität vor Kurzem eine Sechsjahresstelle erhalten, sie spricht von einem „Sechser im Lotto“. „So etwas gibt es eigentlich gar nicht mehr“, erklärt Krüger, „und das Beste ist: Seit ich davon weiß, kann ich wieder durchschlafen. Die mit der Unsicherheit verbundene Belastung ist immens.“ Und sie wird noch schlimmer, wenn Kinder ins Spiel kommen. „Stellen, die mit Drittmitteln finanziert werden, laufen trotz Mutterschutz oder Elternzeit einfach aus“, sagt Krüger, die für die GEW einen Ratgeber zu Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Qualifizierung mitverfasst hat. 

SOZIALE ABSICHERUNG DER PROMOTIONSPHASE


„Werdende Mütter können vom Wochenbett auf die Straße gesetzt werden“, schimpft ihr Auftraggeber Andreas Keller, im GEW-Vorstand zuständig für Hochschule und Forschung. Die Bildungsgewerkschaft setzt sich seit Jahren mit Forderungskatalogen unter so klangvollen Namen wie „Templiner Manifest“, „Herrschinger Kodex“ und „Köpenicker Appell“ für bessere Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein. Mehr Familienfreundlichkeit und eine sozial besser abgesicherte Promotionsphase gehören zu den Kernforderungen, aber auch eine Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes samt Streichung der Tarifsperre. „Dass Gewerkschaften und Arbeitgeber eine so zentrale Frage wie Zeitverträge in der Wissenschaft nicht regeln können, ist ein Unding“, konstatiert Keller.

Als weiterer wesentlicher Baustein auf dem Weg zu verlässlicheren Perspektiven gilt das in den USA, aber auch in Großbritannien und Frankreich verbreitete Tenure-Track-Verfahren. Dieses eröffnet Doktoranden und Nachwuchswissenschaftlern auf einem verlässlichen Karriereweg mit den Stationen Assistant Professor – Associate Professor – Full Professor Aussicht auf eine dauerhafte Beschäftigung. In Deutschland ist Tenure Track immer noch die Ausnahme: Die Humboldt-Universität führte das Verfahren als Erste bereits 2006 für ihre Juniorprofessuren ein, die seit 2002 den Weg zur Professur über die Habilitation ergänzt. Die großen Münchner Universitäten LMU und TU etablierten es, allerdings nicht an der ganzen Uni, 2012 auf dem herkömmlichen Karriereweg. Als erstes Bundesland geht nun Baden-Württemberg voran: Noch in diesem Jahr soll das neue Landeshochschulgesetz die dortigen Hochschulen verpflichten, Juniorprofessuren grundsätzlich mit einem Tenure Track zu versehen. Ein Weg in die richtige Richtung, finden viele – auch wenn es an dem grundsätzlichen Problem nichts ändern wird. Zwölf Jahre nach ihrer Einführung gibt es nicht mehr als 1000 Juniorprofessuren bundesweit; der Regelfall zur Professur bleibt die Habilitation.

Auf Bundesebene herrscht seit einer Bundestagsanhörung zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz im Sommer 2013 Stillstand. Die Koalitionsvereinbarung der schwarz-roten Regierung verzeichnet zwar das Stichwort „Planbare und verlässliche Karrierewege in der Wissenschaft“. In den folgenden zwei Absätzen werden „Hochschulen und Forschungseinrichtungen in ihrer Rolle als Arbeitgeber“ angesprochen. Deren Umsteuern solle durch eine Gesetzesnovelle „flankiert“ werden. Der Bielefelder Psychologin ist das zu wenig. „Eine umwälzende Reform hört sich anders an“, erklärt Wiebke Esdar. Und weil sie SPD-Mitglied ist, hatte sie auch eine Stimme. Der Koalitionsvertrag wurde ohne sie angenommen.



Mehr Informationen

Die GEW-Broschüre „VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND WISSENSCHAFTLICHER QUALIFIZIERUNG“, März 2013, sowie weitere Ratgeber für den wissenschaftlichen Nachwuchs gibt zum kostenlosen Download


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