Betriebsrats-Karrieren

„Skeptische Blicke beim Rollenwechsel“

Barbara Neumann, 53, ist seit 2011 Personalprokuristin der Stadtwerke Kiel. Im gleichen Unternehmen vertrat sie zuvor als freigestellte Betriebsratsvorsitzende die Interessen der rund 1000 Beschäftigten. Nach dem Wechsel auf die Arbeitgeberseite wurde sie argwöhnisch beäugt – von beiden Seiten.


Betriebsrätin zu werden war für mich wie einen neuen Beruf zu lernen. Ich bin ausgebildete Industriekauffrau und Fremdsprachensekretärin. Auf einmal musste ich lernen, eine Sitzung zu leiten und überzeugend und taktisch klug zu reden, um meine Ziele durchzusetzen. Ich musste mir die Grundlagen des Arbeits- und Tarifrechts einprägen und den Durchblick bekommen, wie was im Unternehmen genau läuft. Auch Netzwerke zu bilden und persönliche Kontakte zum Vorstand und zu Führungskräften zu pflegen gehörte dazu. Fortbildungen bei ver.di und die Tipps der erfahrenen BR-Kollegen halfen mir dabei, mich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Heute denke ich: Man kann nicht genug Schulungen machen, auch ein berufsbegleitender Studiengang wäre sinnvoll gewesen. 

Ich war in der Jugendvertretung und habe mich 1994 das erste Mal für den Betriebsrat aufstellen lassen. Das lag nah, weil mein Vater ebenfalls Arbeitnehmervertreter gewesen war und ich das von zu Hause her kannte. Am Anfang war ich von meiner Arbeit als Programmiererin in der IT-Abteilung nur teilweise freigestellt – erst zu einem Viertel, dann zur Hälfte. Das kann ich keinem empfehlen. Man wird der Aufgabe weder in der Fachabteilung noch im Betriebsrat gerecht. Ich habe bald auf die völlige Freistellung hingearbeitet. Ob die später ein Karrierehindernis sein könnte, davor hatte ich damals keine Angst. Bei uns im Unternehmen bedeutete ein Engagement im Betriebsrat keinen negativen Stempel. 

2005 übernahm ich den BR-Vorsitz und habe mir kontinuierlich immer neue Fähigkeiten angeeignet. Aber man kann sich nicht alles anlesen, deshalb finde ich es wichtig, als Betriebsrat externe Beratung zu nutzen. Ohne die hätte ich die Verantwortung für so manche rechtliche Vereinbarung nicht übernehmen wollen. Wir waren als Betriebsrat sehr gefordert, vor allem als die Stadtwerke mehrheitlich von TXU Energy Europe aus Großbritannien und später von der MVV Energie AG aus Mannheim übernommen wurden. Ich musste nicht nur Wissen, sondern auch Selbstvertrauen aufbauen. Vor allem als ich im Aufsichtsrat mit Experten, Führungskräften, Vorständen anderer Unternehmen und ähnlichen Kalibern auf gleicher Augenhöhe diskutieren sollte. 

Es war eine spannende Aufgabe, aber ich fühlte mich oft wie im Hamsterrad. Auf allen möglichen Ebenen gab es ständig Aufgaben zu bewältigen. Dann bot sich mir die Chance zum Wechsel auf die Stelle der Personalprokuristin, für die die Arbeitnehmervertretung ein Vorschlagsrecht hat. Für den Posten hätte ich mich schon 2006 ins Gespräch bringen können, aber als frischgebackene BR-Vorsitzende traute ich mir das nicht zu. Als der Job fünf Jahre später wieder vakant war, fühlte ich mich bereit dafür. Ich wollte nicht bis ans Ende des Berufslebens BR-Vorsitzende bleiben – und wie oft kriegt man so eine Chance im Leben? Einige Kollegen machten große Augen, und es gab auch welche, die meinen Entschluss als Seitenwechsel oder Verrat empfanden. Ich halte dieses Feinbild- und Schubladendenken für falsch. Auf jeder Seite hat man eigentlich sehr nah beieinanderliegende Ziele. Getreu dem Motto ‚Geht es dem Unternehmen gut, soll es auch den Mitarbeitern gut gehen‘ können die Interessen nicht so weit auseinanderdriften.

Die Skepsis war auch auf der Arbeitgeberseite stark ausgeprägt. Meine Amtszeit begann ausgerechnet mit einem Streik, und ich musste einigen Führungskräften, die das noch nie erlebt hatten, erklären, wie was läuft und welche Rechte die Belegschaft hat. Da hieß es schnell: ‚Jetzt fällt sie in ihre alte Rolle zurück!‘ Das war kein leichter Einstieg. Rechtliche Kenntnisse, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen – in meinem neuen Job helfen mir eigentlich alle Kompetenzen, die ich als Betriebsrätin erworben habe. Nach wie vor bin ich oft die einzige Frau in den Sitzungen. Früher hieß es in Aufsichtsratssitzungen zur Begrüßung immer: ‚Frau Neumann, meine Herren.‘ Jetzt ist es auf Arbeitgeberseite wieder so.“

Textdokumentation: Carmen Molitor

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