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13.03.2014

WSI-Arbeitskampfbilanz 2013

Weniger Streiks bei anhaltender Dominanz des Dienstleistungsbereichs

Ein monatelanger Arbeitskampf im Einzelhandel, umfangreiche Warnstreikwellen in der Metallindustrie und im Öffentlichen Dienst sowie einige spektakuläre Streiks im Dienstleistungsbereich haben das Arbeitskampfgeschehen im Jahr 2013 geprägt. Dies zeigt die Jahresbilanz zur Streikentwicklung, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung heute vorlegt. Mit rund einer Million hat sich die Zahl der an Streiks und Warnstreiks beteiligten Beschäftigten gegenüber 2012 (1,2 Millionen) etwas verringert. Das gilt auch für den Streikumfang: 2013 fielen durch Arbeitskämpfe 551.000 Arbeitstage aus. Das waren rund 80.000 Tage weniger als 2012, hat der WSI-Arbeitskampfexperte Dr. Heiner Dribbusch ermittelt. Im internationalen Vergleich wird in Deutschland nach wie vor relativ wenig gestreikt, zeigt Dribbuschs Untersuchung.

– 7 Monate Arbeitskampf im Handel, Hunderttausende im Warnstreik –
Der längste und umfangreichste Arbeitskampf des Jahres 2013 fand im Einzelhandel statt: Von Mai bis Dezember 2013 kam es zu tausenden von einzelnen Streikaktionen in mehr als 950 Einzelhandelsbetrieben, bis schließlich eine Einigung erzielt werden konnte. „Im Einzelhandel verschärfte vor allem die Kündigung der Manteltarifverträge durch die Arbeitgeberseite den Konflikt“, sagt Arbeitskampfforscher Dribbusch.

Die mit Abstand größten Warnstreiks gab es wie im Jahr zuvor im Zusammenhang mit der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Mehr als 700.000 Beschäftigte legten hier nach Gewerkschaftsangaben in mehreren Wellen kurzfristig die Arbeit nieder. Rund 150.000 Beteiligte zählten die Gewerkschaften in den verschiedenen Warnstreiks der Tarifrunde 2013 im Öffentlichen Dienst der Länder. Hier war neben der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vor allem auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) engagiert. Wie in den Vorjahren streikten auch 2013 wieder zehntausende von angestellten Lehrerinnen und Lehrern.

Vier von fünf Arbeitskämpfen im Dienstleistungsbereich
Die großen Warnstreikwellen und der Arbeitskampf im Einzelhandel verursachten nach Dribbuschs Analyse das Gros der Ausfalltage. Daneben gab es jedoch eine Vielzahl kleinerer Arbeitskämpfe. Insgesamt verzeichnet das WSI 2013 218 tarifliche Arbeitskämpfe, und damit 32 weniger als im Jahr zuvor. Seit etwa zehn Jahren beobachtet Dribbusch einen Trend zu einer Verschiebung des Arbeitskampfgeschehens in den Dienstleistungsbereich. Dieser setzte sich auch 2013 fort. Rund 80 Prozent aller tariflichen Arbeitskämpfe fanden im Dienstleistungssektor statt. Alleine ver.di war in 169 Arbeitskämpfe involviert, von denen 23 ins Jahr 2012 zurückreichten. Außerhalb des Dienstleistungsbereichs gab es besonders viele, kleinere und größere Arbeitsniederlegungen in der von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) organisierten Getränke- und Lebensmittelindustrie.

„Sehr deutlich lässt sich der Zusammenhang zwischen Konflikthäufigkeit und Zerklüftung der Tariflandschaft beobachten. Dies gilt verstärkt für den Dienstleistungsbereich“, sagt der Forscher. Hier wirkten sich einerseits die Abkehr öffentlicher Auftraggeber von ehemals einheitlichen Tarifstrukturen sowie die Privatisierung von Post, Telekommunikation und im Gesundheitswesen aus. Hinzu kämen Versuche von privatwirtschaftlichen Unternehmen, sich Tarifverträgen zu entziehen oder erst gar keine Tarifbindung einzugehen. „Das war auch 2013 ein wesentlicher Streikauslöser.“

Konfliktfeld Unternehmen
So kam es wie in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Arbeitskämpfen im Zusammenhang mit Haus- und Firmentarifverträgen. Wie schwierig diese Auseinandersetzungen sind, zeige etwa der nach wie vor nicht entschiedene Arbeitskampf bei Amazon, so Dribbusch, der durch die Weigerung des Unternehmens provoziert wurde, überhaupt in Tarifverhandlungen einzutreten. Klassische, durch Standortschließungen ausgelöste Defensivauseinandersetzungen führten die IG BAU bei der Firma Ehrenfels im fränkischen Karlstadt sowie die IG Metall bei der Firma Norgren im württembergischen Großbettlingen.

Die Streikaktivitäten der Berufsgewerkschaften blieben nach der Auswertung des Arbeitskampfexperten 2013 wie im Vorjahr marginal. „Sie trugen nicht nennenswert zum Streikvolumen bei“, erklärt Dribbusch.

Streikvolumen im internationalen Vergleich gering
Im internationalen Vergleich wird in Deutschland weiterhin relativ wenig gestreikt, zeigt das WSI auf Basis der aktuellsten verfügbaren Daten. Nach Schätzung des WSI fielen hierzulande im Zeitraum zwischen 2005 und 2012 im Jahresdurchschnitt pro 1000 Beschäftigte 16 Arbeitstage durch Arbeitskämpfe aus. In Frankreich kamen auf 1000 Beschäftigte hingegen nach amtlichen Angaben im Jahresmittel 150 Arbeitskampftage. In Kanada waren es 117 Tage, in Dänemark 106, in Belgien 73, in Großbritannien 26, in den USA 10, in den Niederlanden 9 und in Österreich 2 Tage. Dabei ist zu beachten, dass die amtlichen Streikstatistiken in vielen Ländern auf unterschiedlichen Erfassungsmethoden basieren und häufig lückenhaft sind. Letzteres gilt nach Dribbuschs Erkenntnissen in besonderem Maß für die amtliche Statistik in Deutschland, die von der Bundesagentur für Arbeit erstellt wird. Diese weist auf Grund erheblicher Defizite in der Erhebung von 2005-2012 mit durchschnittlich vier Ausfalltagen lediglich ein Viertel des vom WSI ermittelten Streikvolumens aus.

Ausblick 2014
Einen der spektakulärsten Arbeitskämpfe führten 2013 die bei ver.di organisierten Beschäftigten im Bewachungsgewerbe in NRW. „Gestützt auf die Durchsetzungsstärke des Personals in der Flughafensicherheit traten sie, ebenso wie das Sicherheitspersonal an den Hamburger Flughäfen, für ein Ende der notorischen Niedriglöhne in der Branche ein“, so Dribbusch. Das Ergebnis waren weit über dem bisher branchenüblichen liegende Erhöhungen. Hieran versuche 2014 das Flugsicherheitspersonal am Frankfurter Flughafen anzuknüpfen. „Diese Streiks sind Ausdruck wachsender Unzufriedenheit in den traditionellen Niedriglohnbranchen“, analysiert der Arbeitskampfexperte. „Wenn jetzt von Arbeitgeberseite nach einer Verschärfung des Streikrechts gerufen wird, will man den Beschäftigten ihr wirksamstes Mittel nehmen, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu wehren.“

Anmerkung zur Methode
Die Arbeitskampfbilanz des WSI ist eine Schätzung auf Basis von Gewerkschaftsangaben, Pressemeldungen und eigenen Recherchen. Analog zur amtlichen Statistik werden bei der Streikbeteiligung Beschäftigte, die an zeitlich getrennten Streiks oder Warnstreiks teilnehmen, gegebenenfalls mehrfach gezählt. Die Zahl der arbeitskampfbedingten Ausfalltage ist ein rechnerischer Wert, in den anteilig auch weniger als einen Tag dauernde Arbeitsniederlegungen einfließen.

Weitere Informationen:

Infografiken zum Download: in Böckler Impuls 5/2014

Kontakt:

Dr. Heiner Dribbusch
WSI

Rainer Jung
Leiter Pressestelle


Die Pressemeldung mit Grafiken (pdf)

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