Migration

Klassenziel: Bleiberecht in Deutschland

Viele waren noch Kinder, als sie sich in Afghanistan oder Somalia allein auf den Weg machten. Die beschwerliche Reise der jugendlichen Flüchtlinge nach Deutschland dauerte oft Jahre. Jetzt gehen sie in München auf eine Berufsschule. Zu Besuch bei einem wegweisenden Projekt. Von Jeanette Goddar


Der Abschied, den Amir* seiner Lehrerin nach einem langen Schultag beschert, ist so schön, dass er fast inszeniert wirkt: „Tschüss, Frau Merl. Schönen Dank für alles. Schön, dass Sie da waren.“ Sprichts und huscht durch die Tür im zweiten Stock einer Schule, die nicht nur für ihn etwas Besonderes ist: die städtische Berufsschule zur Berufsvorbereitung in München. Seit zwei Jahren werden hier Schüler unterrichtet, die im deutschen Bildungssystem lange nicht vorkamen – junge Flüchtlinge. Mit Amir verlassen mittags um zwei 150 Jugendliche das Haus, für die Bildung, zumindest längere Zeit, alles andere als normal war. Als Jugendliche oder Kinder machten sie sich auf den Weg nach Deutschland. Amir war gerade zehn, als er nach dem Tod seines Vaters den Norden Afghanistans verließ. Acht Jahre später, aufgehalten von einem sehr langen Aufenthalt in Griechenland, erreichte er die bayrische Landeshauptstadt. Nach einem Deutschkurs von einigen Monaten wurde er eingeschult. Viele Schüler hier machten sich allein auf den Weg. Mit einem Minimum an Habseligkeiten flüchteten sie aus Krisenländern, gescheiterten Staaten oder Diktaturen: aus Afghanistan, Somalia, dem Irak, Syrien oder Eritrea. Nun sind sie fernab der Heimat und skypen, wenn sie Glück haben, abends mit ihren Eltern. Wenn sie Pech haben, sind die nicht erreichbar oder längst tot: gestorben oder hingerichtet in Krieg oder Diktatur. Nicht selten trauen sich die Jugendlichen auch nicht, mit ihren Eltern Kontakt aufzunehmen, um die nicht in Gefahr zu bringen. Bei den meisten hat ihr bisheriges Leben schlimme Spuren hinterlassen. Nach einer Studie der Münchner Hilfsorganisation Refugio zeigt jeder zweite unbegleitete Minderjährige Zeichen schwerer Traumatisierung, von Ängsten, Depressionen und Lernstörungen über körperliche Beschwerden wie Schweißausbrüche, Panikattacken und Herzrasen. „Wenn einer nicht zur Schule kommt“, sagt Eric Fincks, „muss das nicht heißen, dass er keine Lust hat. Viele können nachts nicht schlafen, weil ihre Träume sie verfolgen.“

Eric Fincks ist der Leiter der Schule, die bundesweit wohl einmalig ist. Der Modellversuch der Stadt München antwortet darauf, dass Bayern als erstes Bundesland die Berufsschulpflicht für Flüchtlinge auf 21 Jahre ausgedehnt hat. Bis zum 22. Geburtstag, in Ausnahmefällen bis zum 26., haben sie ein Recht auf Bildung. Damit bleibt auch, wenn Jugendliche Jahre unterwegs sind, ein bisschen Zeit, sie auf das Berufsleben vorzubereiten: in einem, meist zwei Berufsvorbereitungsjahren, in denen außer Deutsch und Mathe, Sozialkunde und Ethik Fächer von Holz- und Metalltechnik bis zum Textilhandwerk auf dem Plan stehen.

„LEHRER SEIN REICHT HIER NICHT“

Wer den Unterricht von Lena Merl besucht, bekommt den Eindruck, motivierter können Jugendliche kaum sein. Amir, der vor seinem Aufbruch kaum je eine Schule von innen gesehen hat, aber auch Mädchen wie Yasemin, eine 20-jährige Afghanin in einem ärmellosen schwarzen Stricktop, die Haare keck hochgebunden, die auffallend vorlaut ist und viel Wert darauf legt, dass sie es zu etwas bringen will. Ihr Plan für Deutschland steht fest: „Ich will nicht Kellnerin oder Putzfrau werden. Ich habe Abitur. Hier gehe ich erst auf eine Wirtschaftsschule, dann auf die Uni.“ Lena Merl ist nicht nur versiert, den Jugendlichen etwas über gesunde Ernährung beizubringen; sie weiß auch, welche Wörter die Schüler auf Anhieb verstehen und welche sie erklären muss. Laufend bezieht sie die Kulturen, aus denen ihre Schüler stammen, ein. Was trinkt ihr in Afghanistan? Was ist mit Schweinefleisch? Und sie ist Expertin in einem Bereich, mit dem Lehrer gemeinhin nichts zu tun haben: Sie weiß, welche Behörde für welchen Jugendlichen mit welchem Aufenthaltsstatus zuständig ist und wann die Münchner Verkehrsbetriebe ihre Monatsmarken ausgeben. Wenn ihr Schultag vorbei ist, geht sie häufig auch noch zu den Vernetzungstreffen von Pro Asyl, Flüchtlingsrat und anderen.

„Lehrer sein reicht hier nicht“, unterstreicht auch Schulleiter Fincks. Nicht nur, weil es gut ist, wenn eine Lehrerin außer Schneidern auch noch Farsi kann. Die Lehrer sind ständig in Kontakt mit Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen, aber auch mit einem Imam, der sie alle hier schon fortgebildet hat. „Manchmal ist es besser, wenn der Imam die Jugendlichen anspricht und nicht ich als Nicht-Muslim“, sagt Fincks. Denn, so viel Ehrlichkeit muss sein, so mancher hier lässt sich nicht so leicht etwas sagen – nach Jahren allein auf der Straße. Auch Sinn und Zweck einer Ausbildung müssen zuweilen vermittelt werden. „Der Druck, schnell Geld zu verdienen, ist bei manchen groß. Da müssen wir erst einmal Überzeugungsarbeit leisten“, erklärt Fincks.

ETAPPENZIEL VORSTELLUNGSGESPRÄCH

Matthias Delfs, Schreinermeister und Fachlehrer für Holztechnik, hat die fünf Jungs, mit denen er gerade einen Raum gestrichen hat, im Griff. „Wenn ich eine Ausbildung finde, habe ich alles, was ich will“, sagt Faschad, ein Junge aus Afghanistan. Rechts und links von ihm nicken seine Mitschüler. „Kfz-Mechatroniker“ – das Wort kommt ihm ganz flüssig von den Lippen –, „das wäre das Größte“, sagt Hussein, ein Junge aus Somalia. Ein dritter möchte in den Einzelhandel: „Meine Eltern hatten auch ein Geschäft.“ Den Glauben, mit einem Ausbildungsplatz sei alles gut, muss Delfs ihnen dann aber gleich wieder nehmen: „Wenn ihr die Sprache nicht könnt“, sagt er und wedelt mit dem immensen Wälzer in seiner Hand, auf dem in großen Lettern „Holztechnik“ geschrieben steht, „dann besteht ihr die Fachberufsschule nicht – und dann sehen wir uns hier ganz schnell wieder.“ Damit es mit der Bewerbung vielleicht klappt, hat er den Jungs – es sind wirklich nur Jungs, es sind ohnehin viel mehr Jungs als Mädchen an der Schule – sieben Regeln vermittelt: Was will der Meister von euch? Ordnung. Pünktlichkeit. Fleiß. Zuverlässigkeit, Höflichkeit. Teamfähigkeit. Respekt. Ja, aber was ist das, Respekt? „Das lernt ein Sohn von seiner Mutter“, sagt einer. „Wenn ich in der U-Bahn aufstehe“ ein anderer. Der dritte: „Keine Mütze, kein Kaugummi beim Bewerbungsgespräch.“ Ob die Jungs das draufhaben, wird Delfs sich auch nach der Schulzeit anschauen – auch Nachsorge gehört zum Programm. Oder vielleicht nicht zum Programm: „Aber wer sich für Schüler interessiert, will auch wissen, was aus ihnen wird“, sagt Fincks.

Darüber, wohin es die Jugendlichen verschlägt, gibt es noch keine Statistik. Fest steht aber: Die meisten schaffen den ersehnten „Quali“, den qualifizierten Hauptschulabschluss. Einige sind bereits auf einer städtischen Realschule. Auch die ersten Lehrstellen sind gefunden: für Elektriker und im Einzelhandel; einer ist von der Deutschen Bahn zum Vorstellungsgespräch zum Lokführer eingeladen worden – ein Traum für den jungen Afghanen, der in Deutschland seinen ersten Zug gesehen hat. Lehrerin Merl sagt aber auch, dass Luft nach oben ist: „In manchen Betrieben muss noch ein offenes Ohr geschaffen werden.“ Wie auch in den Behörden: Dass ein Ausbildungsplatz nicht angenommen werden konnte, weil das Münchner Kreisverwaltungsreferat keine Arbeitserlaubnis erteilte, ist auch schon vorgekommen.

* Zum Schutz der in den Herkunftsländern verbliebenen Familien wurden die Namen der Schüler geändert.


Jugendliche Flüchtlinge: Wer darf bleiben?

Im Prinzip gelten für jugendliche Flüchtlinge die gleichen Aufenthaltstitel wie für Erwachsene. Politisch Verfolgte, die nicht nachweislich bereits einen sogenannten „sicheren Drittstaat“ betreten haben, können Asyl beantragen. Wer aus einem (Bürger-)Kriegsland stammt, kann sich auf die Genfer Flüchtlingskonvention berufen. Sie erhalten einen temporären Aufenthaltstitel, der regelmäßig verlängert werden muss. Unbegleitete Minderjährige unter 16 bekommen einen Vormund und anwaltliche Unterstützung; 16- und 17-Jährige gelten als asylmündig und werden weitgehend wie Erwachsene behandelt. Immer wieder werden auch Minderjährige in Länder, die sie durchquert haben – beispielsweise Ungarn oder Italien, nicht allerdings nach Griechenland –, abgeschoben. Das, monieren Kritiker seit Jahren, stünde im Gegensatz zur UN-Kinderrechtskonvention, die Minderjährige unter besonderen Schutz stellt. Bildungsaufsteiger haben es seit einigen Jahren etwas leichter: Jugendliche, die in Deutschland erfolgreich eine Schule besucht und/oder eine Ausbildung absolviert haben, haben gute Chancen auf ein dauerhaftes Bleiberecht.


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