IG-Metall-Stahlkonferenz

Stahl im Überfluss

Seit fünf Jahren verschieben die deutschen Stahlkocher ihre Hoffnung auf Besserung ins nächste Jahr. In der EU tobt der Wettbewerb, der Kostendruck auf Personal und Energie ist knallhart. Von Dirk Schäfer


Sparen, sparen und noch einmal sparen – aus der Stahlbranche ist derzeit kaum ein anderes Wort so oft zu hören. So auch bei der „Branchenkonferenz Stahl“ des IG-Metall-Zweigbüros in Dortmund. Seit 2008 die Finanzkrise den Höhenrausch der Stahlkocher jäh beendete, hofft man auf Besserung. Aktuell etwas günstiger gewordene Rohstoffe und in einigen Segmenten leicht gestiegene Stahlpreise sind nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer. „Eine durchgreifende Erholung ist derzeit nicht in Sicht“, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Eine Zeit lang konnten die hiesigen Produzenten mit hochwertigen Produkten, hoher Produktivität und Flexibilität trotzen – mit treuen Abnehmern im eigenen Land, wie in Europa und Nordamerika. Weil aber die Konjunktur in Deutschland kaum anzieht, in Südeuropa weiter arg schwächelt und in den USA ebenfalls nur leicht nach oben zeigt, gleichzeitig China und auch Russland immense Mengen billig produzierten Stahls in den Weltmarkt drücken, geht den deutschen Stahlkochern langsam die Puste aus.

Die Belegschaften geraten immer stärker unter Druck. Jüngst musste die zweitgrößte deutsche Stahlschmiede ihr Sparprogramm „Salzgitter 2015“ ausdehnen. Die Baustahl-Tochter Peiner Träger hatte die ohnehin angeschlagenen Niedersachsen tief ins Minus gerissen. Doch das Stilllegen des gesamten Peiner- Standorts, an dem gerade ein zweiter Elektroofen fertig wurde, kam nicht infrage. Derzeit verhandeln die Sozialpartner, wie viele der insgesamt rund 25 000 Salzgitter-Beschäftigten das Unternehmen verlassen müssen. Die Rede ist von 1500.

Auch bei der europäischen Stahlsparte von ThyssenKrupp ist umfassendes Krisenmanagement angesagt: Die Aufträge brachen jüngst ebenfalls drastisch ein, noch aber schreibt Steel Europe knapp schwarze Zahlen. Indes plagen den Konzern hohe Verluste durch die zum Verkauf stehenden Werke in Brasilien und den USA. Die Kosten sollen bis 2015 um zwei Milliarden Euro runter, somit stehen bei Steel Europe rund 2000 der 27 600 Arbeitsplätze zur Disposition. Ab Herbst nächsten Jahres sollen zudem 20 000 Stahlkocher befristet weniger arbeiten, im Gegenzug sind die Jobs bis 2020 gesichert, darauf einigten sich IG Metall und Unternehmen in einem neuen Haustarifvertrag. Insgesamt will ThyssenKrupp-Konzernchef Heinrich Hiesinger das zyklische Stahlgeschäft zurückfahren, stattdessen setzt er stärker auf andere Sparten wie Aufzüge oder Anlagenbau.

ÜBERKAPAZITÄTEN

Nicht nur hausgemachte Miseren, Eurokrise und billiger Stahl aus Asien oder Russland sorgen für Druck. In der europäischen Branche ist ein handfester Streit entbrannt um eigene Überkapazitäten, wobei in Europa zwischen 30 Millionen bis 80 Millionen Tonnen abgebaut werden müssten. Wie viel auch immer: „Wir kommen nicht umhin, Überkapazitäten anzuerkennen und das Thema anzugehen“, sagt Karlheinz Blessing, Vorstandschef der Saarstahl AG und der Dillinger Hüttenwerke. Das allerdings nicht unbedingt in Deutschland. Denn die deutschen Hütten verlasse, so Blessing, unter dem Strich in etwa so viel Stahl, wie der Inlandsmarkt nachfrage.

In den Nachbarländern hat das sensible Thema die Politik zur Intervention veranlasst. Entsprechend hat ArcelorMittal Ende 2012 seine Stilllegungspläne für ein Werk in Lothringen aufgegeben. Und der drohenden Schließung des größten Stahlkomplexes in Europa, des maroden Ilva-Werks in Norditalien, kam im Frühjahr die italienische Regierung zuvor. Um die Arbeitsplätze zu retten, verstaatlichte sie kurzerhand die gesamte Unternehmensgruppe. Nun will man das Werk mit öffentlichen Geldern sanieren. „Diese brutale Wettbewerbsverzerrung geht zulasten deutscher Stahlstandorte“, empört sich Saarstahl-Chef Blessing. Sollten diese Interventionen andauern, so Blessing, werde man auch an der Saar über Anpassungen reden müssen. Hierzulande haben sich IG-Metaller im Verbund mit der Politik ebenfalls gegen das Stilllegen von Hochöfen ausgesprochen, so bei Peiner Träger. „Wir sind froh, dass Bundesländer wie Niedersachsen oder Stiftungen wie bei ThyssenKrupp Anteile halten bei jenen Firmen, die Taktgeber der Branche sind. Verstaatlichung ist für uns jedoch kein Weg“, stellt Hannelore Elze klar, die Leiterin des Zweigbüros des IG-Metall-Vorstandes in Düsseldorf. Die Hebel sind andere: „Gäbe es nicht die Montanmitbestimmung, den hohen Organisierungsgrad und die moderaten Länderbeteiligungen, sähe es derzeit wohl schlimmer aus.“

Wie können die Stahlunternehmen den vielfachen Belastungen standhalten, diese Frage stand im Zentrum der Stahlkonferenz: „Wir haben eine innovative und gut vernetzte Industrie, die mit ihren hochwertigen Produkten am Markt bestehen kann. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht kaputtsparen. Auf der anderen Seite müssen wir noch auf faire Rahmenbedingungen pochen für die industrielle Produktion in Deutschland, damit die rund 90 000 Menschen, denen der Stahl gute Arbeitsplätze bietet, nicht hintenüberfallen“, so Elze.

Mit „fairen Rahmenbedingungen“ gemeint sind in erster Linie die Energiekosten, denn die üben Druck aus auf Arbeitskosten und Arbeitsplätze. Mit hohen Investitionen haben die Firmen selbst einiges getan, um Energiekosten zu reduzieren und umweltfreundlicher zu produzieren. Derzeit aber, befindet Saarstahl-Chef Karlheinz Blessing, sorge das Durcheinander bei der Energiewende für Investitionszurückhaltung, und das nicht nur bei den Stahlherstellern selbst, sondern auch bei deren Auftraggebern, zum Beispiel in der Windbranche. Wie andere energieintensive Industrien ist die Stahlbranche weitgehend von bestimmten Abgaben für grünen Strom wie der EEG-Umlage befreit. Derzeit prüft die EU-Kommission in Brüssel, ob die Entlastung für die Energieintensiven als unerlaubte staatliche Beihilfe einzustufen ist. Wenn Brüssel sein Veto einlegt, würde das für die Saarstahl AG einen zweistelligen Millionenbetrag bedeuten, warnt Karlheinz Blessing. „Die Ausnahmen müssen erhalten bleiben, sonst droht zahlreichen Stahlfirmen tatsächlich der Kollaps“, mahnt auch Hannelore Elze an die Adresse der neuen Bundesregierung. Seit Längerem fordert die IG Metall zudem, die Liste der begünstigten Unternehmen wieder auf den Kern wirklich energieintensiver Unternehmen zurückzuführen, die Ex-Wirtschaftsminister Rösler (FDP) ausgeweitet hatte.

Gute Arbeit darf dabei nicht unter die Räder kommen. Sich um Werkverträge oder alternsgerechte Arbeitsplätze zu kümmern, ist gerade für kleinere Unternehmen der Branche ein Kraftakt. Die Großen sind hier einmal mehr die Taktgeber. Bei der ThyssenKrupp AG haben Betriebsräte darauf gedrängt, dass man sich von externen Firmen trennt, die mit Werkverträgen bestimmte Standards unterlaufen. Und bei der Salzgitter AG hat die Arbeitnehmerseite selbst unter den aktuellen Sparzwängen die Sozialbetriebe erhalten können, die rund 300 älteren sowie erkrankten Stahlwerkern leichteres Arbeiten oder den Wiedereinstieg ermöglichen. „Der Bedarf an solchen Arbeitsplätzen wird größer“, blickt Hasan Cakir, GBR-Vorsitzender der Salzgitter AG, in die Zukunft. Der Altersdurchschnitt der deutschen Hüttenmannschaften liegt heute bei 46 Jahren. „Wir brauchen hier von Gewerkschaftsseite ein koordiniertes Vorgehen“, fordert Cakir.

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