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Hellmut Wissmann

Von Helmut Wißmann, Präsident des Bundesarbeitgerichts a.D. Er arbeitete mit Fitting zusammen im Bundesarbeitsministerium

Ein mutiges Leben

Zum ersten Mal bin ich Karl Fitting Anfang 1972 begegnet. Ich hatte mich auf eine Stelle als Hilfsreferent – so hießen damals die Referenten – in der Abteilung Arbeitsrecht des Bundesarbeitsministeriums beworben und kam zum Vorstellungsgespräch. An dessen Ende eröffnete er mir, er könne nicht anders, als mich zu nehmen, denn ich hätte am selben Gymnasium das Abitur erworben wie er: am Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt.

Das führt uns in sein Leben vor dem Ministerium. Die elterliche Familie findet sich im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Karl Fitting ist allerdings am 20. Juni 1912 in St. Avold geboren, einem durch viel Militär geprägten Städtchen im damaligen „Reichsland“ Elsass-Lothringen. Sein Vater diente dort als Oberstleutnant.

Nach dem Ersten Weltkrieg war es vorbei mit dem Reichsland, die Familie ging wieder nach Darmstadt. Karl, sechs Jahre alt, ging dort zur Schule und machte 1930 sein Abitur. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Frankfurt, Leipzig und Gießen. Das ging bis 1933 gut, doch nach der „Machtergreifung“ der Nazis kam bald das Aus. Fitting hatte in deren Augen gleich zwei schwerwiegende Makel: Erstens hatte er sich der SPD und dann auch noch einer linkssozialistischen Abspaltung, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zugewandt – wie übrigens auch Willy Brandt. Und zweitens war er nach den Nürnberger Gesetzen „Mischling 1. Grades“, seine Mutter war Jüdin. So jemanden ließ man im Dritten Reich nicht zum juristischen Staatsexamen zu.

Von 1933 bis 1942 schlug sich Karl Fitting als Fabrikarbeiter in einer Leipziger Pelzfärberei durch, und abends spielte er in Kneipen Schlager. Anfang 1942 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, aber bereits nach wenigen Monaten kam er als politischer Häftling ins KZ Mauthausen in Oberösterreich. Dort erlitt er die Schinderei im Steinbruch bis Mai 1945, als das Lager von amerikanischen Truppen befreit wurde.

Im Juni 1945 zog er zu Verwandten nach München und suchte Arbeit, zunächst vergeblich. In seiner Not wandte er sich an die amerikanische Militärregierung, und dort konnte man einen wie ihn sehr gut brauchen: juristisch gebildet und als Nazi-Gegner ausgewiesen. Er entwarf ein Gesetz über die Errichtung eines Arbeitsministeriums, das bereits am 20. Juni 1945 von der Militärregierung erlassen wurde. Am 1. Juli 1945 wurde Fitting persönlicher Referent des ersten bayerischen Arbeitsministers nach dem Kriege, Albert Roßhaupter (SPD).

Bald bekam Karl Fitting ein Fachreferat und begann sein Berufsleben mit kollektivem Arbeitsrecht: Sein erstes Werk war eine „Wahlordnung für die Wahl von Betriebsobleuten“, die schon am 1. September 1945 erlassen wurde. Von einem solchen Tempo konnte man später nur noch träumen. Die letzten Wahlordnungen, für die Karl Fitting verantwortlich war, die drei zum Mitbestimmungsgesetz, brauchten vom fertigen Referentenentwurf bis zur Verabschiedung durch das Bundeskabinett fast ein Jahr – mit mühsam erreichten Koalitionskompromissen.

Fitting blieb bis 1948 im bayerischen Arbeitsministerium und wechselte dann nach Frankfurt zum Wirtschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebiets, vulgo „Bizone“. Mit der Konstituierung des Deutschen Bundestages am 7. September 1949 wurde der Wirtschaftsrat aufgelöst. Bundesministerien wurden gebildet, Karl Fitting ging als Referent in die Abteilung „Arbeitsrecht“ des Bundesarbeitsministeriums. 1966 wurde seine Laufbahn mit der Ernennung zum Leiter der Abteilung III (Arbeitsrecht, Arbeitsschutz) gekrönt. Ende Juni 1977, mit 65 Jahren, ging er in den Ruhestand.

Wie habe ich diesen Menschen erlebt, der in seinem Leben so hin und her geworfen, verletzt und doch wieder auf die Beine und zum Erfolg gekommen war? Schon im Vorstellungsgespräch hat er mir imponiert. Er verstand es, seinen Tatendrang auf uns Junge zu übertragen, unseren Ehrgeiz zu wecken und uns das Bewusstsein zu vermitteln, dass wir wichtige Akteure bei großen Projekten waren. Dabei konnte er im Umgang mit Älteren, die er nicht sonderlich schätzte, durchaus robust sein. Das äußerte sich etwa darin, dass er an der Hierarchie vorbei auf Hilfsreferenten unmittelbar zugriff.

Wir befanden uns damals in einer Zeit des Aufbruchs, viel Neues wurde gewagt, gerade auch im Arbeitsrecht. Denken Sie nur an das Lohnfortzahlungsgesetz für Arbeiter 1969, die Reform der Betriebsverfassung 1972, die Intensivierung der Arbeit an einem Arbeitsverhältnisgesetz seit 1973 und das Mitbestimmungsgesetz 1976. Zugleich machte sich das Europarecht bemerkbar. Diese Vorstöße in neue Regionen waren ganz nach Fittings Geschmack, er wollte etwas voranbringen. Dabei setzte er auf die Neugier, Flexibilität und Unbekümmertheit der Jungen sowie natürlich auf deren Ehrgeiz und Einsatzbereitschaft. Auch eine gewisse innere Distanz zu älteren Beamten wird eine Rolle gespielt haben. So gab es, als ich kam, in der Unterabteilung noch einen Ministerialrat, von dem es hieß, er habe schon beim Reichstreuhänder der Arbeit gewirkt. Natürlich konnte Fitting die Vergangenheit nicht vergessen, wenn er mit Leuten zu tun hatte, die schon im Dritten Reich dabei waren. Und unabhängig davon spürte – oder vermutete – er bei klassischen Karrierebeamten, dass sie ihn, den nicht Examinierten, den KZ-Häftling, misstrauisch, gar abschätzig beäugten. Das scheint in der ersten Bonner Zeit besonders ausgeprägt gewesen zu sein.

Fitting war kämpferisch und verstand es, seine Sache selbstbewusst zu verfechten. Bei der Sachverständigenanhörung zum Entwurf des Mitbestimmungsgesetzes hatte der damalige Präsident des Bundesarbeitsgerichts Gerhard Müller zu unserem Entsetzen geäußert, die Mitgliedschaften im Betriebsrat und im Aufsichtsrat seien nicht miteinander vereinbar. In der Pause fiel Fitting empört über ihn her und machte ihm klar, dass damit die Praxis der Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat infrage gestellt werde. Nach der Pause widerrief Müller seine vorherige Einschätzung.

Wie sich das gehörte, begleitete Fitting seine gesetzgeberische Tätigkeit auch literarisch. Hier sei nur erwähnt, wie sehr Fitting diese unterschiedlichen Tätigkeiten doch als Einheit begriff: Als wir wieder einmal mit einer Tücke des ideologisch aufgeladenen, erbittert umstrittenen Verfahrens der Aufsichtsratswahl nach dem Mitbestimmungsgesetz kämpften, meinte er: „Wenn wir das ins Gesetz nicht vernünftig hineinbekommen, ziehen wir es in der Wahlordnung glatt, und falls auch das nicht klappt, machen wir es eben im Kommentar.“ Kommentierung als unterste Ebene der Normsetzung, auch da sprach der selbstbewusste Ministerialbeamte.

Fitting war ideenreich und findig, er beherrschte sein Metier souverän auf der Basis vorzüglicher fachlicher Kenntnisse und Erfahrungen sowie eines ausgeprägten politischen Gespürs. Als ich ihn kennenlernte, war von den Zweifeln, die ihm zu Beginn seiner Laufbahn wohl noch begegnet sind, nichts mehr zu spüren. Er genoss höchstes Ansehen als Fachmann. Eine öffentliche Bestätigung fand dieses Ansehen im November 1975 in der Ernennung zum Honorarprofessor an der Gesamthochschule Kassel. Er sah darin eine Wiedergutmachung für die Kränkungen, die er mit und infolge der Verweigerung des Zugangs zu den juristischen Abschlüssen hatte erleiden müssen. Mit der Honorarprofessur war für ihn dokumentiert, dass er dort, wo er als Student einmal hingewollt hatte, nun trotz allem tatsächlich dazugehörte.

Und eine zweite Ehrung hat ihn erfreut: Im November 1982 erhielt er für sein arbeitsrechtliches Wirken den Hans-Böckler-Preis. In der Laudatio würdigte Werner Vitt besonders Fittings Einsatz für eine wirksame Betriebsverfassung und Unternehmensmitbestimmung. Das traf Fittings Überzeugung, dass im Arbeitsrecht dem Kollektivrecht als dem Instrument des sozialen Ausgleichs, den die jeweils Betroffenen autonom gestalten, die zentrale Rolle zukomme. Folgerichtig forderte er, freilich vergeblich, auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene Elemente einer „konsultativen Wirtschaftsverfassung“.

Wir dokumentieren den Vortrag, den Professor Hellmut Wißmann auf dem Symposion „100 Jahr Karl Fitting“gehalten hat, in gekürzter Form. Die Langfassung erscheint in einer der nächsten Ausgaben der Zeitschrift „Soziales Recht“.

 

Foto: privat


Zum Artikel 1 von 2   Stand: 13.02.2013

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