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27.03.2013

Gemeinsame Konjunkturprognose von IMK, WIFO und OFCE

Deutsche Wirtschaft wächst 2013 um 0,9 Prozent und 2014 um 1,5 Prozent, Euroraum-Krise schwelt weiter

Die Krise im Euroraum und die strikte Sparpolitik halten die Europäische Währungsunion als Ganzes in diesem Jahr noch in der Rezession. Das schwächt die Konjunktur in Deutschland. Gleichwohl hellen sich die Aussichten etwas auf. Die deutsche Wirtschaft profitiert vor allem 2014 von einer wieder zunehmenden Dynamik außerhalb Europas, insbesondere in den asiatischen Schwellenländern. Hinzu kommt ein durch steigende Einkommen recht stabiler privater Konsum. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) nimmt 2013 um 0,9 Prozent im Jahresdurchschnitt zu. 2014 beträgt das Wachstum 1,5 Prozent. Dagegen durchläuft Frankreich, der wichtigste deutsche Handels- und Währungspartner, mit Wachstumsraten von 0 bzw. 1 Prozent eine deutlich schwächere Entwicklung. Im Durchschnitt des Euroraums schrumpft das BIP in diesem Jahr um 0,3 Prozent. Im kommenden Jahr wird es erstmals wieder wachsen – um 0,5 Prozent. Allerdings vertieft sich dabei die ökonomische Spaltung der Währungsunion: So wird das BIP in Griechenland, Spanien, Portugal und Italien in beiden Jahren zurückgehen. Bleibt der scharfe Sparkurs bestehen, wird er das wirtschaftliche Wachstum in allen Euroländern auch mittelfristig belasten, ohne dass die Ziele beim Schuldenabbau erreicht werden. Zu diesen Ergebnissen kommen das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, das Observatoire Français des Conjonctures Économiques (OFCE) und das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) in ihrer neuen Konjunkturprognose. Sie wird heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt und als IMK Report 80 veröffentlicht.

Die aktuellen Aussichten für Deutschland bezeichnen die drei Institute aus Düsseldorf, Paris und Wien als „verhalten optimistisch". Gegenüber der IMK-Prognose vom Dezember 2012 setzen sie die Erwartung für die deutsche BIP-Entwicklung 2013 geringfügig um 0,1 Prozentpunkte herauf. Für 2014 hatte das IMK noch keine Prognose abgegeben. Das moderate Wachstum führt zu einer stabilen Entwicklung am Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung wird in diesem wie im kommenden Jahr im Jahresdurchschnitt etwas steigen. Die Arbeitslosigkeit nimmt 2013 geringfügig zu, um 2014 dann leicht unter das Niveau von 2012 zu sinken (Einzelheiten siehe unten). Wenn, wie von ihnen erwartet, Löhne und Gehälter real zulegen, könne sich der private Konsum „zum Motor der Konjunktur entwickeln", prognostizieren die Wirtschaftsforscher.

– Eurozone: Entspannung, doch noch keine Lösung der Probleme –

IMK, OFCE und WIFO gehen in ihrer Prognose davon aus, dass sich weder die Staatsschuldenkrise noch die Bankenprobleme im Euroraum weiter zuspitzen werden. Diese Erwartung stützen sie vor allem auf die bislang wirksame Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), notfalls und unter bestimmten Bedingungen durch unbegrenzte Aufkäufe von Staatsanleihen eine Eskalation zu verhindern. Diese Bereitschaft müsse dauerhaft und überzeugend vertreten werden, so die Forscher. Zudem erwarten sie, dass die Staaten des Euroraums ihren restriktiven fiskalpolitischen Kurs aufgrund der negativen Erfahrungen mit den massiven Sparprogrammen in Südeuropa geringfügig lockern. Ergebnis sei eine leichte Entspannung, aber keine wirkliche Lösung der Probleme im Euroraum, warnen IMK, OFCE und WIFO. Ohne grundsätzlichen Wechsel hin zu einer wachstumsfördernden, expansiven Anti-Krisen-Politik werde die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Europas auch in den kommenden fünf Jahren stark belastet bleiben. „Die Krise schwelt weiter", konstatieren die Wissenschaftler. Auch die deutsche Wirtschaft bleibe dann „im Sog der europäischen Krise" stecken.

– Sparpolitik verfehlt ihr Ziel –

Diese Analyse unterstreichen die Institute mit den Ergebnissen ihrer mittelfristigen Projektion. Sie deckt den Zeitraum zwischen 2013 und 2017 ab und wurde mit Hilfe des Weltmodells von Oxford Economic Forecasting erstellt. Im Basisszenario, das die von den EU-Regierungen aktuell beschlossene Sparpolitik fortschreibt, wächst das BIP des Euroraums nur um 0,9 Prozent im Jahresdurchschnitt. Auch die deutsche Wirtschaft kommt nicht über ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 1,3 Prozent hinaus. Modellrechnungen des OFCE beziffern allein für den Zeitraum von 2011 bis 2013 die Wachstumsverluste durch negative fiskalische Impulse für den gesamten Euroraum auf 8,9 Prozentpunkte. Weitaus höher sind die kumulierten Ausfälle beim BIP in Spanien (-19 Prozentpunkte), Portugal (-20) und Griechenland (-31).

Das hat drastische Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Laut Mittelfristprognose steigt die Arbeitslosenquote im Durchschnitt des Euroraums zunächst noch weiter an auf 12,4 Prozent. Erst im Jahr 2017 erreicht sie wieder in etwa das heutige Niveau von knapp 12 Prozent. Dabei stellt sich die Situation regional sehr unterschiedlich dar: In Deutschland bleibt die Quote bei knapp unter 7 Prozent stabil. Dagegen erreicht sie in Spanien in der Spitze 27 Prozent und verharrt auch 2017 noch bei über 25 Prozent. „In den Ländern Südeuropas entspricht die Beschäftigungslage einer wirtschaftlichen Depression", schreiben die Forscher. In Griechenland und Spanien sei der Anteil der Menschen ohne Arbeit „sogar höher als 1933 in den von der Weltwirtschaftskrise am härtesten getroffenen Ländern Deutschland und USA."

Als Folge der konjunkturellen Schwäche und der hohen Arbeitslosigkeit rechnen die Forscher bis 2017 mit einer sehr niedrigen Preissteigerung im Euroraum von lediglich 0,4 Prozent im Jahresdurchschnitt. Alle Krisenländer sowie die Niederlande gleiten nach der Prognose in eine Deflation ab. „Damit wird der Abbau der staatlichen und privaten Verschuldung nahezu unmöglich." Für die Unternehmen bedeute die niedrige oder sogar negative Inflationsrate selbst bei geringen Nominalzinsen ein relativ hohes Realzinsniveau. Das werde die Investitionsbereitschaft auch längerfristig bremsen, erwarten die Konjunkturexperten. Im Ergebnis konterkariere die schleppende konjunkturelle Entwicklung die Sparbemühungen der Regierungen im Euroraum. Daher werde die Staatsschuld trotz aller Konsolidierungsbemühungen im Mittel der Währungszone weiter wachsen: von rund 91 Prozent 2012 auf gut 95 Prozent im Jahr 2017.

– Investitionsstrategie für Wachstum und niedrigere Schuldenstände –

Als Alternative skizzieren die Forscher eine wirtschaftspolitische Strategie, die mehr Investitionen und einen stabilen Zuwachs bei der Nachfrage zum Ziel hat. „Sie sollte so ausgestaltet sein, dass sie auch zum Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte, zur fiskalischen Konsolidierung und zur Stabilisierung des Finanzsektors beiträgt". Dabei orientieren sich die Institute nicht nur an der ökonomischen Wirksamkeit, sondern auch an realistischen Chancen auf politische Umsetzbarkeit. „Unser Vorschlag bleibt bewusst hinter dem zurück, was wir unter den Aspekten von Konjunktur und Verteilungsgerechtigkeit für optimal halten", erklärt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Denn angesichts der desaströsen Folgen der Austerität ist es wichtig, dass die Politik schnell umsteuert." Die Institute plädieren für folgende Initiativen:

• Der „Wachstumspakt" und der „Jugendbeschäftigungspakt", die von der EU-Kommission und vom Europäischen Rat bereits beschlossen sind, sollten möglichst schnell und weitgehend umgesetzt werden.

• Die Krisenländer sollten über fünf Jahre aus europäischen Töpfen Finanzierungshilfen in Höhe von einem Prozent ihres jeweiligen BIPs erhalten. Damit sollen öffentliche Investitionen finanziert und/oder private Investitionen unterstützt werden. Die Investitionen müssen dazu geeignet sein, zumindest mittelfristig das Produktionspotenzial und/oder die Wettbewerbsfähigkeit der Empfängerländer zu verbessern.

• Soweit das möglich ist, sollten in diesen Ländern Sozialpakte angestrebt werden, damit die zusätzliche Nachfrage nicht zu einer Beschleunigung der Lohn- und Preisentwicklung führt. Eine „strikt an Wettbewerb orientierte Politik" könne übermäßige Preissteigerungen verhindern. Nach erfolgter Anpassung müsse sich die Lohnentwicklung am Verteilungsspielraum aus Produktivitätsentwicklung und EZB-Inflationsziel orientieren.

• Mitgliedsstaaten mit Leistungsbilanzüberschüssen, insbesondere Deutschland, sollen sich zugleich bereit erklären, expansive fiskalpolitische Maßnahmen in Höhe von mindestens einem Prozent ihres BIPs umzusetzen. Dabei soll es den Staaten überlassen bleiben, in welchem Verhältnis sie dazu ihre Ausgaben erhöhen oder Steuern senken wollen. Zudem sollten die Überschussländer die Lohnentwicklung in ihrem Land stützen, insbesondere im Bereich der niedrigen Verdienste. Das wird nach Erwartung der Forscher „nicht nur die inländische Nachfrage anregen, sondern auch die Ausfuhren der Krisenländer."

– Arbeitsmarkt –

Die Zahl der Erwerbstätigen im Inland nimmt 2013 um 180.000 Personen oder 0,4 Prozent im Jahresdurchschnitt zu. 2014 steigt sie um weitere 130.000 (gut 0,3 Prozent). Die Zahl der Arbeitslosen nimmt im Jahresdurchschnitt 2013 um 10.000 auf knapp über 2,9 Millionen Menschen zu. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6,8 Prozent. 2012 nimmt die Arbeitslosenzahl um knapp 40.000 ab, die Quote liegt bei 6,7 Prozent.

– Außenhandel –

Der deutsche Export expandiert in diesem Jahr nur schwach um 1,5 Prozent im Jahresmittel. 2014 wachsen die Ausfuhren wieder deutlich stärker – um durchschnittlich 5 Prozent. Die Importe steigen 2013 im Jahresmittel um 1,8 Prozent, 2014 um 5,6 Prozent.

– Investitionen –

Die Ausrüstungsinvestitionen kommen im Verlauf des Jahres 2013 langsam aus der Flaute. Durch den hohen statistischen Unterhang aus dem Vorjahr bleiben sie im Jahresdurchschnitt aber negativ: -2,2 Prozent. 2014 legen sie dagegen um 5 Prozent zu.

– Einkommen und Konsum –

Die real verfügbaren Einkommen steigen 2013 um 0,9 Prozent, ebenso hoch fällt das Wachstum der realen privaten Konsumausgaben aus. 2014 werden die real verfügbaren Einkommen um 1,4 Prozent zunehmen, die privaten Konsumausgaben um 1,3 Prozent. Damit werden die privaten Konsumausgaben die Konjunktur wesentlich stützen, so die Forscher.

– Inflation und öffentliche Finanzen –

Die Preisausschläge bei (Energie-)Rohstoffen und Lebensmitteln bleiben spürbar, wirken sich aber immer weniger auf die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland aus. Im Jahresdurchschnitt 2013 liegt die Inflationsrate bei 1,6 Prozent – und damit deutlich unter dem Inflationsziel der EZB. Für 2014 rechnen die Institute mit einem weiteren Rückgang der Inflation auf 1,4 Prozent im Jahresmittel. Die deutschen Staatsfinanzen entwickeln sich infolge wachsender Beschäftigung und stabiler Steuereinnahmen weiterhin leicht positiv. Das Staatsbudget ist 2013 ausgeglichen, 2014 weist es einen leichten Überschuss von 0,1 Prozent des BIP auf.

– Die Partner: OFCE und WIFO –

Das Observatoire Français des Conjonctures Économiques (OFCE) ist eines der wichtigsten französischen Wirtschaftsforschungsinstitute. Es ist Teil der Fondation Nationale des Sciences Politiques, zu der auch das Institut d'Études Politiques de Paris gehört. Diese Grande Ecole, besser bekannt als „Sciences Po", zählt zu den bedeutendsten Hochschulen in Frankreich.

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) wurde 1927 gegründet. Mit mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es eines der wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute in Österreich.

Weitere Informationen:

IMK (Düsseldorf), OFCE (Paris) und WIFO (Wien): Die Krise schwelt weiter. Gemeinsame Diagnose des Makro-Konsortiums. IMK Report 80, März 2013.(pdf)

Die Pressemitteilung mit Tabelle (pdf)

Kontakt:

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Peter Hohlfeld
IMK, Experte für Konjunkturprognosen

Dr. Silke Tober
IMK, Expertin für Geldpolitik

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

Andrew Watt
IMK, Abteilungsleiter

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