Böckler Impuls Ausgabe 19/2012

Arbeitsmarkt

Unfreiwilliger Rückzug aus dem Berufsleben

Wenn sich ältere Erwerbslose vom Arbeitsmarkt zurückziehen, sind überwiegend schlechte berufliche Aussichten der Grund. Das zeigt eine empirische Studie.

Beschäftigte sollen nach dem Willen der Politik immer länger arbeiten – künftig bis zum 67. Lebensjahr. Doch für Ältere ist es oft schwierig, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Warum viele ältere Arbeitslose die Jobsuche aufgeben, hat die Sozialwissenschaftlerin Christina Wübbeke vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersucht. Ihr Ergebnis: Mehrheitlich sind fehlende Beschäftigungschancen ausschlaggebend.

Wübbekes Analyse basiert auf Interviews mit mehr als 1.100 Menschen im Arbeitslosengeld-II-Bezug, die die Möglichkeit hatten, sich für den „erleichterten Leistungsbezug“ zu entscheiden. Von 1986 bis Ende 2007 konnten Erwerbslose ab dem Alter von 58 Jahren erklären, dass sie keine Arbeit mehr aufnehmen wollen. Anschließend waren sie von einem Grundprinzip aktivierender Arbeitsmarktpolitik ausgenommen: Sie hatten das Recht, Arbeitslosenunterstützung bis zur Rente zu beziehen, ohne einen neuen Job suchen zu müssen. Die Motive dieser Menschen zu untersuchen, hat laut der Autorin einen methodischen Vorteil: Normalerweise bestehe die Gefahr, dass Arbeitslose auf Fragen nach ihrer Erwerbsneigung und ihrem Suchverhalten sozial erwünschte Antworten geben. Bei denjenigen, denen der Gesetzgeber explizit das Recht einräumt, sich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen, sei das hingegen in geringerem Maß zu erwarten.

Dass sich ältere Langzeitarbeitslose mit Hilfe des erleichterten Leistungsbezugs vom Arbeitsmarkt abwenden, dafür gebe es aus theoretischer Sicht vor allem zwei mögliche Erklärungen, schreibt die IAB-Forscherin. Mikroökonomischen Angebotstheorien zufolge ist Freizeit attraktiver als Arbeit, solange Transferzahlungen als finanziell akzeptable Alternative zum Lohn empfunden werden. Die Entscheidung für die „58er-Regelung“ wäre demnach das Ergebnis einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung und grundsätzlich freiwillig. Die soziologisch-psychologische Arbeitslosigkeitsforschung geht hingegen davon aus, dass Erwerbsarbeit an sich einen hohen Wert hat. Arbeit ist aus dieser Sicht wichtig für die soziale Identität und das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl, für Anerkennung und Selbstachtung. Zu erwarten wäre, dass Arbeitslose die Jobsuche nicht freiwillig aufgeben, sondern allenfalls wegen fehlender Aussichten.

Tatsächlich zeigt die Auswertung der Interviews, dass mangelnde Arbeitswilligkeit selten der Grund für den Rückzug vom Arbeitsmarkt ist. Bei der Befragung gaben lediglich 13 Prozent der westdeutschen und 9 Prozent der ostdeutschen Nutzer des erleichterten Leistungsbezugs an, dass sie nicht mehr arbeiten wollten. Ein weiteres Viertel der Befragten war nach eigenen Angaben zwar grundsätzlich zur Arbeit bereit, wollte sich aber in seiner Autonomie nicht durch Vorgaben der Arbeitsagentur oder des Jobcenters einschränken lassen: 25 Prozent der Westdeutschen und 28 Prozent der Ostdeutschen wollten nicht jede als zumutbar deklarierte Arbeit annehmen, kontinuierlich Bewerbungen nachweisen oder an Fördermaßnahmen teilnehmen müssen.

Bei fast zwei Dritteln waren hingegen fehlende Erwerbsperspektiven ausschlaggebend: 23 Prozent der Befragten in West- und 36 Prozent in Ostdeutschland nannten ausbleibende Stellen- oder Förderangebote als einzigen Grund für ihre Entscheidung. 39 Prozent der Westdeutschen und 27 Prozent der Ostdeutschen fühlten sich aus gesundheitlichen oder anderen Gründen den Anforderungen einer beruflichen Tätigkeit nicht mehr gewachsen, obwohl sie gerne gearbeitet hätten. Die Nutzung des erleichterten Leistungsbezugs, konstatiert Wübbeke, sei bei der Mehrheit der Betroffenen „eher als unfreiwillig akzeptierter denn als strategisch gewählter Vorruhestand zu interpretieren“.

Angesichts ihrer Befunde empfiehlt die Sozialwissenschaftlerin, die Strategien zur Integration Älterer in den Arbeitsmarkt zu überdenken. „Für die wirksame Aktivierung und Integration älterer Langzeiterwerbsloser dürfte es weniger auf ein strikteres ,Fordern‘ als vielmehr auf ein besseres ,Fördern‘ und geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten ankommen.“ Wegweisend sei hier etwa das 2005 gestartete Bundesprogramm „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“, das ältere Langzeitarbeitslose intensiv unterstütze. Demgegenüber erhöhe eine Aktivierungspolitik, die in erster Linie auf Zwangselemente und finanzielle Kürzungen setze, lediglich das Armutsrisiko und die soziale Exklusion der Betroffenen.

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Quellen

Christina Wübbeke: Ältere Arbeitslose am Scheideweg zwischen Erwerbsleben und Ruhestand: Gründe für ihren Rückzug vom Arbeitsmarkt, in: Journal of Labour Market Research, September 2012


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