Was unsere IMK-Ökonom/innen 2020 erwarten

Was unsere IMK-Ökonom/innen 2020 erwarten
Foto: pa / Andrew Brookes

Der schwächelnde deutsche Wachstumsmotor in Europa, das Ende des Beschäftigungsbooms, der Handelskonflikt mit den USA und das fortwährende Ringen um den Brexit - der Übergang ins neue Jahrzehnt birgt viele Unsicherheiten und Herausforderungen. Die Expertinnen und Experten des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) wagen eine Antwort auf viele zentrale Fragen, die in Ökonomie, Politik und Öffentlichkeit derzeit gestellt werden.

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Foto: Karsten Schöne

Konjunktur

Überwindet die deutsche Wirtschaft die Wachstumsschwäche und kehrt zu robustem Wachstum zurück?

Sebastian Dullien: Nein. Zwar stützt die robuste Inlandsnachfrage derzeit die Konjunktur. Trotz kräftiger Produktionseinbrüche in der Industrie hat die deutsche Wirtschaft deshalb bislang eine Rezession vermeiden können. Allerdings gibt es wenig Anzeichen, dass die Schwäche in der Industrie schnell überwunden sein wird, und erst dann wird das Bruttoinlandsprodukt wieder spürbar zulegen. Das deutsche Wachstum wird deshalb auch frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2020 wieder merklich anziehen.

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Foto: David Ausserhofer

Arbeitsmarkt

Führt die Wachstumsdelle zu einer Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit?

Christoph Paetz: Nein. Aufgrund der anhaltenden Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, werden die Unternehmen durch Maßnahmen der internen Arbeitszeitflexibilität versuchen, Entlassungen zu vermeiden. Das funktioniert vor allem über eine Reduzierung der Arbeitszeit. Es ist schon ein Anstieg der Kurzarbeit zu beobachten und die Inanspruchnahme wird sich insbesondere Anfang 2020 stark ausweiten. Allerdings wird der Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre 2020 nahezu zum Stillstand kommen und die Arbeitslosigkeit minimal steigen. Eine neue Massenarbeitslosigkeit ist aber nicht in Sicht.

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Brexit

Ist nach den Wahlen in Großbritannien endlich die Unsicherheit um den Brexit beseitigt?

Thomas Theobald: Nein. Zwar kann man derzeit davon ausgehen, dass nach den Wahlen im britischen Unterhaus, die eine arbeitsfähige Mehrheit für die konservative Partei unter Boris Johnson geliefert haben, das Austrittsabkommen zwischen EU und Vereinigtem Königreich zum 31. Januar in Kraft treten wird. Das vermeidet einen ungeordneten Austritt und ermöglicht eine Übergangszeit ohne gravierende Änderungen der wirtschaftlichen Beziehungen. Laut Johnson soll die Übergangszeit nicht über das Jahresende 2020 verlängert werden. Allerdings bleibt es mittelfristig unklar, ob es zu einem Freihandelsabkommen oder gar einem Norwegen ähnlichen Status für das Vereinigte Königreich kommt. Legt man die Erfahrungen seit 2016 zu Grunde, so ist auch in Zukunft mit zähen Verhandlungen zu rechnen und eine Verlängerung womöglich unausweichlich. 

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Handelskrieg

Trump ließ Frist zur Einführung der Autozölle verstreichen: Ist der Handelskonflikt jetzt erledigt?

Sabine Stephan: Leider nein. Es handelt sich lediglich um eine kurze Verschnaufpause, bevor es in die nächste Runde der Auseinandersetzung geht. So hat US-Präsident Trump jüngst mit der Androhung von Strafzöllen auf die Pläne der französischen Regierung reagiert, den in Frankreich erzielten Umsatz großer Internetkonzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple) künftig mit drei Prozent zu besteuern. Des Weiteren scheint es der US-Regierung mit Nachbesserungen am Vertragstext gelungen zu sein, sich die Zustimmung der Demokraten zum NAFTA-Nachfolgeabkommen USMCA (United States Mexico Canada Agreement) zu sichern. Damit wäre Donald Trump der Einlösung eines zentralen Wahlkampfversprechens einen großen Schritt nähergekommen, und entsprechend gestärkt wird er seine handelspolitische Agenda weiter vorantreiben. Für Europa heißt dies, dass der Handelskonflikt mit den USA eher an Schärfe zunehmen wird. Damit dürften auch die Autozölle noch längst nicht vom Tisch sein.

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Zinsen

Steigt der Leitzins unter der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde 2020 über null Prozent?

Silke Tober: Nein. Die stark expansive Geldpolitik ist weiterhin erforderlich, weil das Wachstum im Euroraum unter den Möglichkeiten bleibt, die Arbeitslosigkeit in vielen Euroländern noch hoch ist und die EZB daher ihr Inflationsziel von 1,9 Prozent auch 2020 deutlich verfehlen wird. Schuld an den niedrigen Zinsen trägt nicht die EZB, sondern die Tatenlosigkeit der Regierungen. Je mehr stabilitätspolitische Unterstützung die Geldpolitik durch die Fiskalpolitik erhält, beispielsweise durch dringend erforderliche Zukunftsinvestitionen, desto eher ist eine Normalisierung der Zinsen zu erwarten.

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Steuern

Muss die Bundesregierung wegen der Wachstumsschwäche mit sinkenden Steuereinnahmen rechnen?

Katja Rietzler: Nein. Von insgesamt sinkenden Steuereinnahmen kann keine Rede sein. Allerdings sind die Steuereinnahmen bereits im vergangenen Jahr deutlich langsamer gewachsen. Steuern auf Kapitaleinkommen waren dabei sogar rückläufig, während das Aufkommen der Lohnsteuer und der Mehrwertsteuer noch kräftig aufwärtsgerichtet war. Hier zeigt sich abermals die robuste Binnenkonjunktur. Im Jahr 2020 dürfte es bei den Steuereinnahmen nur noch zu einer minimalen Verlangsamung kommen.

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Foto: David Ausserhofer

Europäische Wirtschaft

Kehrt 2020 die Euro-Krise zurück?

Andrew Watt: Wahrscheinlich (noch) nicht. Zwar haben die EU und die Euro-Mitgliedsstaaten fahrlässig die vergangenen Jahre der wirtschaftlichen Erholung nicht genutzt, die Konstruktionsschwächen der Währungsunion zu beheben. Weder haben sie einen gemeinsamen Haushalt zur Stabilisierung, noch gemeinsame Eurobonds als sichere Anleihen eingeführt. Fortschritte in Richtung Bankenunion sind auf halbem Wege stehengeblieben. Ein kräftiger konjunktureller Abschwung und/oder eine schwere politische Krise (etwa in Italien) könnten das Schreckgespenst einer allgemeinen Eurokrise wieder heraufbeschwören. Für 2020 ist die Gefahr aber relativ gering. Die Arbeitslosigkeit ist inzwischen niedrig und einige ehemalige Krisenländer erholen sich. Das Problem etwa der notleidenden Bankenkredite in Ländern wie Griechenland und Italien entschärft sich. Aber diese Ruhe wird nicht ewig halten. Selbstgefälligkeit kann sich rächen.

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Inflation

Bleibt die deutsche Inflation auch 2020 unter dem EZB-Ziel von 1,9 Prozent?

Silke Tober: Ja. Die Verbraucherpreise werden 2020 mit 1,4 % ebenso schwach steigen wie in diesem Jahr. Trotz der relativ robusten Arbeitsmarktlage hat die Inflation eine nur geringe Grunddynamik und diese dürfte sich angesichts der schwachen konjunkturellen Entwicklung nur unwesentlich verstärken. Der Anstieg der Tariflöhne wird 2020 voraussichtlich geringer ausfallen als 2019 und nennenswerte Preiserhöhungsspielräume bietet das konjunkturelle Umfeld nicht. Auch im Euroraum insgesamt liegt die Inflation nur etwas über 1 Prozent. Das Inflationsziel der EZB wird bereits seit vielen Jahren verfehlt, was diesen wichtigen wirtschaftlichen Stabilitätsanker schwächt und einen Handlungsbedarf nicht nur auf Seiten der Geld- sondern auch der Fiskalpolitik anzeigt.

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Foto: Karsten Schöne

Immobilienmarkt

Kommt es 2020 zu einem Rückgang der Immobilienpreise in Deutschland?

Sebastian Dullien: Wahrscheinlich nicht. Die Einkommen wachsen weiter kräftig und die Zinsen werden niedrig bleiben. Beides stützt die Nachfrage nach Immobilien. Zwar reden einige Analysten von einer Blase am deutschen Wohnimmobilienmarkt. Es ist allerdings alles andere als klar, ob tatsächlich die deutschen Wohnungen und Häuser überbewertet sind. Angesichts der niedrigen Hypothekenzinsen, steigenden Mieten und dem niedrigen Leerstand in Ballungsgebieten können die gegenwärtigen Immobilienpreise durchaus noch gerechtfertigt sein.

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Foto: Andreas Kämper

Wachstumspotenzial

Wird Deutschland 2020 erneut Wachstumsmotor in der EU?

Sebastian Watzka: Nein. Schon 2019 war Deutschland nicht mehr Wachstumsmotor in der EU. Frankreich hatte ein höheres Wachstum als Deutschland, von der kräftig wachsenden spanischen Wirtschaft ganz zu schweigen. Allerdings hätte die deutsche Wirtschaft ein höheres Wachstumspotenzial, wenn es von Politik und Wirtschaft mittels kräftiger Investitionen endlich genutzt würde. Dann könnte Deutschland auch wieder Wachstumsmotor in der EU werden.

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Klimaschutz

Werden die für 2020 von Deutschland anvisierten Klimaziele erreicht?

Sven Schreiber: Leider nein, das wird (natürlich) nicht passieren. Zum einen liegt Deutschland bei den Emissionen von Klimagasen seit Jahren auf einem viel zu flachen Reduktionspfad, sodass das ursprüngliche 2020er Ziel von ca. 750 Millionen. Tonnen CO2-Äquivalent eine kurzfristig unerreichbare Absenkung erfordern würde. Zum anderen bleiben aber auch die im Klimapaket beschlossenen Maßnahmen weit hinter dem mittelfristig Notwendigen zurück, insbesondere bei der viel zu zaghaften Bepreisung von CO2-Emissionen, aber auch bei den Investitionen in CO2-sparende Technologien.

Mehr Informationen

Das IMK prognostiziert, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 0,8 Prozent wachsen wird. Ohne die größere Zahl an Arbeitstagen würde das BIP 2020 nur um 0,4 Prozent zulegen. Für 2019 erwarten die Forscher/innen einen Zuwachs von 0,5 Prozent. Am 7. Januar veröffentlicht das IMK seinen Bericht zu den Wirtschaftspolitischen Herausforderungen im Jahr 2020. 


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